aus der Sicht von Deborah

Kaum zu glauben aber wieder einmal sind vier Wochen vergangen, erneut steht das Ende einer Etappe an. Doch es geht dieses mal nicht auf einen neuen Kontinent, sondern „nur“ auf die Südinsel des Landes. Obwohl wir beide schon wahnsinnig begeistert von der Schönheit der Nordinsel waren, sagte man uns, dass die Südinsel noch eine Steigerung darstelle. Schwer vorstellbar, doch wir sind gespannt und machen uns mit hohen Erwartungen auf nach Wellington, dem letzten Stopp auf der Nordinsel und dem Abfahrtshafen, um auf die Südinsel zu gelangen. Als wir die kurvige Küstenstraße entlang fahren, erblicke ich an einem Felsen den Schriftzug Wellington. In großen weißen Blockbuchstaben erinnern die Lettern an den weltberühmten Holywoodschriftzug. Und in der Tat hat die Stadt ihn an Anlehnung an die Filmmetropole installiert. Denn Wellington gilt oft als das Hollywood Neuseelands und wird daher auch liebevoll mit „Wollywood“ betitelt.

Ein Studio, das wohl im Zusammenhang mit Filmtechnik auf jeden Fall genannt werden muss, ist der Wetaworkshop bzw. die Wetacaves. Bereits am Eingang der „geheimnisvollen Höhle“ flankieren die Trolle aus der Hobbit Triologie den Weg. 1987 in einem kleinen Schuppen gegründet, fingen Taylor und Rogers an Masken zu entwerfen. Heute nennen über 300 Mitarbeiter die Wetacaves ihr zu Hause und so können sie in einem der neun Workshops ihre Kreativität walten lassen. Bei etlichen Hollywood Klassikern haben die Wetacaves bereits mitgearbeitet, so zum Beispiel bei Avatar, Planet der Affen, Mad Max, dem Herr der Ringe und vielen mehr. Es ist eine besondere Ehre, dass nicht nur die epischen Landschaften Neuseelands zahlreiche Herr der Ringe Drehorte darstellten, sondern auch die insgesamt 48.000 Gegenstände und Requisiten der Trilogie hier geschaffen wurden. Peter Jackson, der Regisseur des Welterfolgs sagt selbst, dass er sich in den Hallen des Workshops wie zu Hause fühlt und es ein fantastischer Ort sei, der es ermöglicht der oft grauen, rauen Welt zu entfliehen – Hier ist alles möglich. Interessant ist auch die Namensgebung des Unternehmens. Bei der Weta handelt es sich um eine flügellose Grille die mit über 70 verschiedenen Arten in Neuseeland vertreten ist. Das maorische Wort heißt übersetzt so viel wie „Gott des Grässlichen“ was die Gründer der Wetacaves aufgrund ihrer teilweise unheimlichen Masken sehr passend fanden. Bei unserer Führung durch die „heiligen Hallen“ fallen einem bekannte Gesichter auf, wie etwa Gandalf, Gollum und andere Charaktere der Ring-Saga. An Hand eines Zwergenhelms wird verdeutlicht, wie der Herstellungsprozess vom ersten Entwurf bis hin zum fertigen Accessoir abläuft. Wer jetzt denkt, ach das ist ja ganz klar: Gipsabdruck und fertig, der liegt falsch. Denn es gilt wesentlich mehr zu beachten! Neben Passgenauigkeit und Tragekomfort muss das Objekt auch zweckmäßig sein und zudem noch authentisch wirken. So gibt es zum Beispiel für Szenen in denen ein Schwert sichtbar ist verschiedene Versionen des selbigen. Ein kleines Schwert, das wenn es von einem Menschen gehalten wird, winzig wirkt und zum anderen das selbe in groß, um die Hobbits noch kleiner wirken zu lassen. Desweiteren eine Version aus Stahl damit der Klang des Metalles bei Nahaufnahmen authentisch wirkt und das Gleiche noch einmal aus Aluminium um es leichter zu machen wenn der Schauspieler es während einer Rede länger empor hebt. Sähe blöd aus, wenn der Held bei einer seiner Reden einen langen, zittrigen Arm bekäme?!
Von all den Tricks und Kniffen, die hier Verwendung finden, könnte man wahrscheinlich noch einiges berichten, aber ich denke die genannten Beispiele verdeutlichen schon sehr gut, dass keine Kosten und Mühen gescheut werden, um die Szenen so real wie nur irgend möglich wirken zu lassen.

Im nächsten Raum sind wir den einzelnen Workshops so nahe wie noch nie und das Beste: Alles darf angefasst und fotografiert werden. Während in den restlichen Räumen das Fotografieren aus urheberrechtlichen Gründen verboten war, kann hier jede noch so winzige Kleinigkeit festgehalten werden. Kleine nischenartige Abteilungen stellen die Werkstätte bzw. Arbeitsplätze dar. So kann man vom Schreibtisch mit den ersten Skizzen über Modellage und Haaranbringung bis hin zu Elektronik und Farbabteilung alles Schritt für Schritt mitverfolgen. Es ist wirklich faszinierend wenn man die einzelnen Bauteile sieht und was in diesen Hallen nachher daraus entsteht. Gut nachvollziehbar, dass man sich hier wie in einer Traumfabrik fühlen muss.

Dass die Arbeiten der Wetacaves aber nicht immer nur in phantastische Welten entführen sondern manchmal auch die dramatische Realität widerspiegeln sehen wir im Museum Te Papa. Die Sonderausstellungen „Gallipoli-Scale of War“ zeigt auf mitreißende und emotionale Weise die Bedeutung Neuseelands im ersten Weltkrieg. Acht überlebensgroße und unglaublich realistische Figuren schildern die persönlichen Schicksale von neuseeländische Charakteren zu dieser Zeit. Ob ein Soldat, der seinen Kamaraden verliert, ein Arzt, der nichts mehr für die unzähligen Verletzten tun kann, oder eine verzweifelte Schwester, die sich freiwillig als Krankenschwester meldet, nur um ihren Bruder wieder zu finden – eines haben alle gemeinsam: ihr Leben wurde durch diesen Krieg schwer erschüttert. Es ist unheimlich wenn man sieht wie echt die Haut, die Augen wirken, mit wie viel Genauigkeit Augenbrauen und Gesichtsausdrücke erarbeitet wurden. Dem einen steht der Schweiß auf der Stirn, ein anderer ist blutverschmiert. Man wartet eigentlich nur darauf, dass die riesigen Figuren sich in Bewegung setzen, so täuschend echt wirkt ihr äußeres Erscheinungsbild. Neben detailliertem Hintergrundwissen über die genannten Personen beschäftigt sich die Sonderaustellung auch mit der Rolle der Maori in diesem Krieg. In deren Reihen waren die Meinungen über die Hilfeleistung gegenüber England doch sehr unterschiedlich. Während es für Loyalisten der Krone selbstverständlich war mit dem Leben für England einzustehen, weigerten sich andere aufgrund schlechter Behandlung in jüngster Vergangenheit und sahen das ganze als einen Krieg der auf fremdem Boden ausgetragen wurde.

Auf insgesamt sechs Etagen vermittelt das kostenlose Museum Informationen zu den unterschiedlichsten Themengebieten. Daher entscheiden wir uns zwei Tage hier zu verbringen, um so viel wie möglich sehen zu können. Eine Maoriausstellung beschäftigt sich neben Brauchtum und Kultur auch mit Konflikten zwischen den Gruppen, der Natur und neuen Herausforderungen, die die Ureinwohner im Laufe der Zeit ins Auge fassen mussten. Auch die Besiedelung Neuseelands und die aktuellen Probleme und Chancen des Landes werden genauer betrachtet. Am nächsten Tag besuchen wir die Ausstellung, die sich mit den ersten Siedlern beschäftigt. Warum kamen sie, woher kamen sie und was brachten sie mit, sowohl positives wie neue Erfindungen, Materialien und Lebensmittel, als auch die negative Kehrseite wie Krankheiten, Fressfeinde für heimische Tiere und Ausbeutung von Land und Leuten. Ergänzt wird diese Sektion durch die Geschichten junger Flüchtlinge heutzutage – ihre Geschichten, Träume und Wünsche und wie Neuseeland dazu beiträgt ihnen Aussicht auf eine bessere Zukunft zu schenken. Selbst nach diesen informativen und ausgiebig genutzten Tagen, haben wir immer noch nicht alles gesehen.

Auch wenn das Wetter, seit wir im Wellington sind extrem umgeschlagen hat, wollen wir die wenigen Sonnenstrahlen und trockenen Abschnitte noch ein wenig draußen nutzen. Wir machen uns auf den Weg zum Viktoria Park, der auf dem gleichnamigen Hausberg liegt. Hier können Herr der Ringe Fans auf den Spuren von Frodo und seinem Gefährten Sam wandeln. Der Park lädt auf einen schönen Spaziergang ein und Bänke mit berühmten Zitaten aus der Triologie, wie etwa: „Nicht alle die wandern sind verloren“ weisen den Weg zu einer ganz besonderen Stelle. Hier, etwas abseits vom Pfad wurde die Szene aus dem ersten Teil gedreht, in der sich die vier Gefährten in einer kleinen Erdnische vor dem Ringgeist verstecken. Unmissverständlich deutet ein Guide mit geführter Tour immer wieder auf ein und die selbe Stelle, hier scheint sie zu sein. Doch als wir etwas näher an den Zufluchtsort herantreten, sehen wir den ernüchternden Filmspot. Nur mit viel Phantasie stimmt hier Film und Realität überein. Von der Nische, die in der Triologie gut versteckt zwischen dunkelgrünen Farnen und dem umliegenden düsteren Wald liegt, ist nur noch ein brauner abgerutscher Lehmhang übrig. Scheinbar folgen Pilgerströme der kleinen „Schnitzeljagd“ hier her und so wurde über die Jahre der mysteriöse Waldplatz zu einem komplett zertetenen Erdhaufen. Wir hatten uns etwas mehr erhofft, aber trotzdem war der Spaziergang es wert.

Samstagabend – da ist natürlich in einer Stadt wie Wellington immer etwas los. Und in der Tat findet hier Freitags und Samstags ein Nachtmarkt statt. Wir haben das Glück, dass das bunte Treiben zusätzlich noch durch ein Laternenfest umrahmt wird. Die gesamte Cubastreet, in der sich unzählige Foodtrucks mit verschiedensten Spezialitäten befinden, ist mit Laternen geschmückt. Die Motive der Leuchtkörper sind sehr chinesisch geprägt, was wohl damit zusammenhängt, dass vor kurzem chinesisches Neujahr gefeiert wurde. So grinst uns aus einer Ecke ein Panda an, in einer anderen staunen die Besucher nicht schlecht über einen Drachen, der in bunten Farben die Abenddämmerung erleuchtete. Auf einer Straßenkreuzung lädt eine Tanzschule dazu ein sich auf die lebensfrohen Sambarhytmen zu bewegen und Straßenkünstler versetzen ihr Publikum ins Staunen. So auch der „stärkste Mann der Welt“, der mit seinen Jonglierkünsten und den dazu humorvollen Kommentaren auch uns in seinen Bann zieht. Bei all den Gerüchen und Essenauslagen ist es wirklich schwer sich für etwas zu entscheiden. Doch wir werden beide fündig und genießen passend zu unserer Reise den Abend mit Köstlichkeiten aus aller Welt und einem Drink aus der Glühbirne;)


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