aus der Sicht von Deborah

Ja, wir leben noch! Abenteuer bedeutet, dass man sich manchmal fernab von bekannten Routen bewegen muss, was leider auch eine stabile Internetverbindung ausschließt. Wegen vollständiger Internetwüste, beziehungsweise nicht ausreichendem Signal, konnten wir leider in den vergangenen zwei Wochen keine Beiträge veröffentlichen. Um das Erlebte aufzuarbeiten und teilen zu können folgen nun in kürzeren Abständen die ausstehenden Berichte. Vielen Dank für euer Verständnis.

Tarapoto?! Für viele nur das Sprungbrett zum Amazonasgebiet, doch wir wollen uns die Stadt und ihre Umgebung noch etwas genauer anschauen, bevor es in den Dschungel geht. Dass wir uns auf dem besten Weg in den tropischen Regenwald befinden merken wir schon bei Ankunft. Wie unser Gastgeber in Chachapoyas uns prophezeit hatte:“Tarapoto? – hay mucho calor“ und in der Tat: Das Wetter macht uns erst einmal schwer zu schaffen. Bei gefühlten 30°C und 100% Luftfeuchtigkeit wirkt der Rucksack direkt 5 Kilo schwerer, doch nach 3,5 Kilometern Fußweg kommen wir schließlich schweißgebadet am Hostel an.
Nachdem wir uns ein bisschen ausgeruht haben, machen wir uns auf den Weg zu einer ersten Erkundungstour durch die Stadt. Die Suche nach einem kleinen Supermarkt, um ein paar Lebensmittel zu besorgen, gestaltet sich äußerst schwierig. Die Straßen sind von kleinen Tante Emma Läden gesäumt, doch von Grundnahrungsmitteln wie Brot, Nudeln, Wurst oder Käse fehlt jede Spur. Schließlich entdecken wir eine  Bäckerei und können dort den ersten Hunger mit einer Kleinigkeit stillen. Weiter geht es zur Touristeninformation, um die Pläne für die kommenden Tage zu schmieden. Ein junger, freundlicher Mann gibt uns sehr ausführliche und hilfreiche Tipps, was man in unserer Zeit, für kleines Geld alles sehen kann. Schnell wird klar, dass die Sehenswürdigkeiten alle etwas außerhalb der Stadt liegen. Da kommt Max die Idee: Statt der Fahrt mit den kleinen Tuk-Tuks könnten wir ja ein Moped mieten. Hinzu kommt, dass die Colectivos, die wir in letzter Zeit oft genutzt hatten, hier scheinbar nicht angeboten werden. Also führt uns der Weg weiter durch die Mittagshitze der Straßen auf der Suche nach einem Motorradverleih. Bis jetzt schien es so, als würde in ganz Peru niemand Motorräder verleihen, auch wenn man sie fast ausschließlich auf den Straßen sieht. Anders in Tarapoto, an einer Straßenecken finden wir eine Art kleine Garage, vier Motorräder und einen Mann der uns direkt freundlich begrüßt. Nach einem halbstündigen Fachgespräch, bei dem Max, alle Daten, die von Belangen sind abklärt, schlägt er mit dem Ladenbesitzer ein und für die nächsten beiden Tage sind wir stolze Besitzer eines Mopeds. Den restlichen Tag verbringen wir unter Palmen in der Hängematte im Hostel.

Nach einem kleinen Frühstück geht es los, denn wir können das Moped bereits um acht abholen gehen. Dort angekommen wird unsere Euphorie erst einmal etwas gedämpft, als wir den geschlossenen Laden sehen. Doch nach zehn Minuten kommt der junge Peruaner hektisch angefahren und gestikuliert entschuldigend für die Verspätung.

Und schon sitzen wir auf dem Moped in Richtung des 30 Minuten entfernten Lamas. Ein kleines idyllisches Dorf in dessen Ortskern die Burg, das „Castillo de Lamas“ errichtet wurde. Historisch können wir leider nicht viel über das Anwesen herausfinden, aber trotzdem ist es schön durch die Gemäuer zu schlendern und die schön angelegten Grünflächen und Pflanzen zu bewundern.

Weiter geht es zum ethnischen „Chanka Museum“. Hier wird über die Mistas und ihre Kultur berichtet. Besonderes Augenmerk schenkt diese Einrichtung der Mythologie und den Legenden um Geister, Dämonen und andere Kreaturen. Da Peru stark vom Okkultismus geprägt ist und viele Naturphänomene durch die Anwesenheit von geheimnisvollen Wesen erklärt werden, gibt es Informationen zu den Geistern die im und um den Amazonas gefürchtet sind. In Bildern zeigen sich uns vertraute Darstellungen, wie etwa die „Achiquin Vieja“, die vergleichbar mit unserer Hexe aus dem Hänsel und Gretel Märchen ist. Aber auch ortstypische Gestalten, wie der Chullachaqui, ein böser Geist, der den orientierungslosen Menschen im Urwald scheinbar hilft, um sie dann später ins Verderben zu stürzen. Auch die sogenannte Yacuruna, eine riesen Boa die im Amazonas leben soll und die hier lebenden rosanen Delphine, die sich laut der Erzählung in Jünglinge verwandeln und die Mädchen der Dörfer verführen, sind speziell in dieser Region bekannt und gefürchtet. Einerseits ist dies vielleicht etwas befremdlich für uns Europäer, andererseits sollte man die Einstellung der Menschen jedoch nicht als Aberglaube abtun, sondern viel mehr als Respekt und Ehrfurcht vor der Natur interpretieren. In einem kleinen Schaukasten sind auch einige der im und um den Amazonas lebenden Tiere ausgestellt, so können wir uns schon mal auf die kommenden Tage mental vorbereiten, denn bei Käfern, so groß wie die Hand von Max, Schlangen, Spinnen und Piranhas kann das lustig werden.

 Die Straße, oder vielmehr die lehmbedeckte Piste bringt uns zu einem kleinen Wasserfall. Ein viertelstündiger Fußweg durch die vermeintliche Kulisse des „Dschungelbuchs“ versetzt uns ins Staunen. Die unterschiedlichen Grüntöne der Pflanzen scheinen fast schon unnatürlich saftig und überall lebt der Boden. Durchgängig hört man es irgendwo im Geäst rascheln, zirpen und summen und die warme, feuchte Luft lässt sich auf der Haut nieder. Wir erreichen das Becken des kleinen, jedoch wunderschönen Wasserfalls der umringt vom Wald, wie in eine kleine Bucht gebettet ist. Ein paar Einheimische versichern uns, dass das Wasser nicht zu tief sei und eine angenehme Abkühlung. Dies ist angesichts der Temperaturen eine willkommene Erfrischung – also Kleider aus und nichts wie rein ins kühle Nass und in der Tat tut das perfekt temperierte Wasser mehr als gut. So haben wir unsere eigene kleine Lagune für ein paar Minuten, bevor eine unerwartet große Tousristengruppe eintrifft und wir uns wegen der aufziehenden Regenwolken auf den Rückweg machen.

Wieder einmal ist unser Timing perfekt, denn gerade als wir unter eine kleine Überdachung aus Palmen huschen, beginnt es in Strömen zu regnen. Die Besuchergruppe, die kurz nach uns eintrifft hat weniger Glück und wird von Kopf bis Fuß durchnässt. So sitzen wir mit knapp 15 Mann unter dem Palmendach und suchen Schutz vor den schlammigen Fluten. Doch Zwei scheinen sich aus dem Regen garnichts zu machen, ganz im Gegenteil: für sie scheint das Schlammfeld der perfekte Spielplatz. Zwei Affen, die die Kioskbesitzerin als Babys aufgenommen und aufgezogen hat, tollen herum und schwingen sich im Dachgebälk von einem Pfosten zum nächsten. Einer der beiden ist besonders aufgedreht und frech und so wird Max ganz unverhofft von oben attackiert und der Primate lässt erst nach Eingreifen seiner Ziehmutter locker. Immer wieder flitzen die beiden durch die Pfützen, wühlen im Schlamm und nehmen ein Bad – ein echtes Spektakel für alle Zuschauer. Als der Regen mehr oder weniger nachlässt, wagen wir den Weg mit dem Motorrad durch den rutschigen Lehm. Doch bald neigen sich die Kräfte des Zweirades dem Ende. Wir haben uns festgefahren. So befinden wir uns mitten in dem Abenteuer, das wir gesucht hatten. Doch souverän wie immer, kann Max durch Anschieben wieder etwas Grip finden und bis zu den Knöcheln voll Schlamm, aber glücklich geht die Fahrt weiter und der warme Fahrtwind trocknet die nassen Kleider im Nu.
Der Abend endet frisch geduscht und gemütlich in unserem kleinen Hostel.

Für heute steht die Besichtigung eines weiteren Wasserfalls an und trotz des bereits ersichtlich schlechten Wetters wagen wir es. Nach kurzer Zeit beginnt erneut der vorausgeahnte Regen, kombiniert mit einem starken, eisigen Wind, der immer wieder aus voller Kraft am Motorrad zerrt. Wir sind schon etwas verrückt, was uns klar wird als uns nur noch Autos entgegen kommen, doch schließlich erreichen wir die besagte Attraktionen, die anders als gestern von vollen Touristenbussen überfüllt ist. Wir entachließen uns zuerst für eine Tasse Kaffee zum aufwärmen und den ersten Besucherschwall passieren zu lassen.
Der Regen hat sich noch immer nicht gelegt, aber da wir eh Nass bis auf die Knochen sind, kann der zehn minütige Weg uns nicht mehr schocken. Der Wasserfall ist durchaus sehenswert, doch die „Selfiesticktouristen“ gestalten das Erlebnis wieder einmal etwas anstrengend, weshalb wir uns nicht lange säumen. So bleibt noch viel Zeit übrig, bis wir unser Moped zurück bringen müssen. Daher ermuntert mich Max kurz entschlossen die ersten Motoradfahrstunden zu starten. In einer kleinen Seitenstraße mit wenig Verkehr geht es los und nach einer kurzen Einführung ist die Theorie vermittelt. Doch die Praxis, das richtige Gespür für Gas und Kupplung, gestaltet sich noch schwierig. Etwas entmutigt will ich die Flinte schon ins Korn werfen, doch durch die Motivation meines „Fahrlehrers“ gelingt das Anfahren schließlich und der erste Schritt ist geschafft.

Danach bin ich mehr als angefixt und schaffe es sogar, ein bisschen „zu fahren“. Mittlerweile stelle ich scheinbar eine Art Attraktion für die ganze Straße dar, von Kindern die mich eher etwas belächeln, bis hin zu einer Gruppe Männer, die sich mit Max unterhält und mich mit „Daumen hoch“ ermutigt. Auch wenn ich mich mittlerweile ganz wohl fühle und Spaß am Fahren habe, will ich Max, der endlich wieder ein bisschen seinem geliebten Hobby nachgehen kann, noch etwas Zeit zum fahren lassen. So entscheiden wir kurzer Hand noch einen Abstecher in ein kleines abgelegenes Dorf zu machen, um auf dem Weg dorthin die wunderschöne Landschaft in vollen Zügen genießen zu können. Und auf dem Motorrad, hinter Max sitzend, fühlt es sich an wie zu Hause, wenn wir eine kleine Mopedtour machen.

Kategorien: Südamerika

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