aus der Sicht von Deborah

Zurück in LA wollen wir die Zeit noch etwas gemütlich ausklingen lassen. Ja ihr habt richtig gehört, wir können es selbst kaum fassen aber die ersten drei Monate und damit unsere Zeit in den USA ist „schon“ vorbei. Doch bevor wir uns wirklich damit auseinandersetzen tschüss zu sagen, genießen wir noch die letzten Tage hier.
Madamme Taussauds Wachsfiguren können mittlerweile in knapp zwanzig Städten rund um die Welt bestaunt werden. Doch ich denke gerade hier in Hollywood, ist es schon eine ganz besondere Atmosphäre, denn nirgendwo sonst finden sich außerhalb des Museums so viel von den gezeigten Stars in Reallife. Stars aus Film, Fernsehen und Musik bekommen hier ihre Bühne geboten. Von Charlie Chaplin, Arnold Schwarzenegger über Johnny Depp und Morgan Freeman bis hin zu Daniel Craig sind so manche Größen ausgestellt. Doch auch der King of Pop, Rihanna, Lady Gaga, JeLo und Beyoncé lassen die Bühne beben. In einem langen Prozess von über 800 Arbeitsstunden werden die Figuren aus Wachs geschaffen. Verblüffend echt wirken sie durch die exakte Auswahl von Haar-, Haut-, und Augenfarbe. Die Besucherzahlen sind steigend, verständlich, denn wo sonst kann man seinen Stars so nahe kommen wie hier?

Ein weiteres Must-See, das wir uns nicht entgehen lassen wollen ist der Pier in Santa Monica. Er ist einer der noch wenigen bestehenden Piere entlang der Westküste und über 100 Jahre alt. Berühmtheit erlangte er einerseits durch sein Postkartenmotiv, aber er diente auch in vielen Filmen als beliebte Kulisse. Ebenfalls die weltbekannte „Route 66“, die das Land von Ost nach West durchzieht, endet hier. Der Pier lädt nicht nur Badegäste und passionierte Angler ein, sondern bietet den Besuchern einen ganzen Vergnügungspark. Ein kleineres Karussell, ein Riesenrad, kleine Buden und weitere Fahrgeschäfte lassen es nicht langweilig werden. Ansich erinnert alles an einen Jahrmarkt, aber der wahrschlich einzige, der sich direkt über den wilden Wellen des Pazifiks befindet. Auch wer einfach nur einen Spaziergang auf den urigen Holzplanken macht und vielleicht durch Zufall bei einem der Sommerkonzerte dabei ist, kann hier die Seele nach Belieben baumeln lassen. Tagsüber sorgen Musiker und Straßenkünstler für die ausgelassene Stimmung und lassen uns die Promenade Santa Monicas genießen – und damit auch das Ende unserer Zeit hier in den Staaten.

Vor drei Monaten fuhren uns unsere Eltern nach Düsseldorf an den Flughafen und unser Abenteuer begann. Ewig haben wir diesem Tag entgegen gefiebert und uns darauf vorbereitet. Doch in den letzten Wochen und Monaten haben wir gelernt: Auf die Welt, und auf das Leben unterwegs kann man sich nicht wirklich vorbereiten. Hier in den USA ergaben sich so viele glückliche Zufälle für uns, durch die wir wundervolle Menschen kennen lernten und all das konnten wir nicht planen oder vorbereiten. Die erste und wichtigste Lektion lautet somit wohl : Einfach mal darauf einlassen! Denn nur wer sagt: „Ich WILL etwas von dieser Welt sehen und einmal über den Tellerrand hinausschauen“, dem wird sich auch so manches Geheimnis öffnen. Die Aufgabe ist es nicht, alles zu lieben was man sieht, sondern mit Liebe zu sehen.

Es ist verrückt, wir sitzen jetzt auf gepackten Koffern und es ist nicht ein Tag vergangen, an dem wir nicht eine positive Begegnung hatten, etwas Schönes erleben durften oder an einer Aufgabe gewachsen sind. Wie oft in drei Monaten regen wir uns zu Hause über belanglose Dinge auf, haben sinnlosen Streit oder machen uns unnötig Stress. Und damit kommen wir auch schon zur zweiten Lektion auf unserer Reise: Dankbar zu sein. Zu Hause nehmen wir so viel als selbstverständlich hin und machen uns auch über Kleinigkeiten wenig Gedanken. Seit wir unterwegs sind wissen wir die „normalsten“ Dinge wieder zu schätzen. Angefangen von guter Wasserqualität oder Brot, über einen Schlafplatz und eine warme Dusche bis hin zu Bildungsmöglichkeiten und Sozialversicherungen. Erst als wir hier mit so vielen jungen Menschen gesprochen haben, die sich ein Studium schlicht weg nicht leisten können und sahen, wie viel Armut es in in einem der reichsten Länder der Welt gibt, wird uns bewusst, was man in Deutschland alles hat und als selbstverständlich ansieht.
Weder Max noch ich können wirklich sagen, wie sich der Faktor Zeit für uns anfühlt. Einerseits ist das erste Viertel unserer Reise schon vorbei und die Zeit rast, doch andererseits kommt uns das Erlebte schon ewig weit weg vor und wir haben Schwierigkeiten uns an alles zu erinnern und das bereits nach „nur“ zwölf Wochen!
Die letzte Lektion, die uns unsere Reise bis jetzt also lehrte heißt: „Der Glückliche wirft seine Uhr ins Meer.“ Sind wir doch mal ehrlich: Eine normale Arbeitswoche beginnt montags oft damit, dass wir uns schon auf Freitag freuen. Nicht unbedingt, dass der Beruf einem vielleicht keine Freude bereitet, aber man fiebert immer der „freien Zeit“ entgegen und darüber vergisst man oft wirklich zu leben. Man lebt am Hier und Jetzt vorbei. Zu Haus sind wir oft schon immer gedanklich einen Schritt voraus, weil wir denken es müsste so sein, oder wir uns vielleicht durch das deutsche Organisationsdenken dazu gezwungen fühlen.
Wir fiebern ständig auf zukünftige Ereignisse hin, sparen auf etwas oder wollen den nächsten Schritt planen … doch wozu eigentlich? Wir haben gelernt, dass jede Minute kostbar ist und es wert ist, sie mit allen Sinnen zu genießen – der nächste Tag kommt sowieso, ob geplant oder nicht.
Für mich persönlich sind diese drei Dinge Gedanken, die ich weiter mit nehmen möchte und hoffentlich auch wenn wir zu Hause sind so beibehalten kann – oder zumindest mich hin und wieder darauf besinne.

Doch was hat uns Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeit ganz konkret mitgegeben? Nun ja: ganz so unbegrenzt ist es leider nicht. Oft sind wir schnell an Grenzen gestoßen und teilweise schwer nachvollziehbare Regelungen schränken selbst den ganz normalen Alltag stark ein. Die Tatsache, dass in Amerika alles größer und verrückter sein muss, können wir zu 100% bestätigen. Angefangen bei den Autos und Wohnmobilen, denen bezüglich der Zuglänge KEINE Grenzen gesetzt sind bis hin zu 20kg Müslipackungen und 3,78 Litern Orangensaft als handelsübliche Größe. Ebenfalls ein großes Paradoxon für Max und mich: sowohl das Mitführen und Kaufen von Waffen ist gar kein Problem – wohin gegen wir zweimal trotz gültiger Ausweise Schwierigkeiten hatten, einen Sixpack Bier zu kaufen.

Ein Verhaltenskodex, der uns wiederum, im Besonderen aus dem Saarland, sehr bekannt vorgekommen ist: Die rhetorische Frage: „Hey, how are you?“ oder „How is it going?“ und die genau so einstudierte Antwort: „Good good,. How are you?“ – dies ist jedoch reine Höflichkeit und hat nichts mit dem wirklichen Interesse am Wohlbefinden des Gegenüber zu tun.
Vergleichbar mit dem Pendant von zu Hause: „Tach, un?“, „Jo, un selwa?“, „Jo“, womit die Unterredung zeitnah zu Ende geht. Dies ist jedoch anders als in den USA im Freundeskreis üblich. Sofern mich das Befinden des Kassieres nicht wirklich brennend interessiert, frage ich auch nicht nach.

Auch die Affinität zu Attraktionen und Katastrophen ist hier sehr stark ausgeprägt. Egal ob es sich um einen Freizeitpark handelt, der überströmt wird von amerikanischen Besuchern oder einen Unfall, bei dem es oft die Einheimischen sind, die als erstes ihre Smartphones zücken. Historisch wird in ganz anderen Dimensionen gerechnet als in Europa: Gebäude die man bei uns eher zu den noch „neueren“ zählen würden, haben hier schon einen urtümlichen Status und von der Kultur, die durch die einst hier ansässigen indigenen Stämme geprägt wurde ist leider nicht mehr viel übrig. Doch wo es den vereinigten Staaten eventuell etwas an Kultur fehlt, kann es mit atemberaubenden geographischen Extremen beeindrucken. Wir durchquerten so viele unterschiedliche Klimate und Vegetationen, von schwülen, tropischen Gebieten, über saftiges Grün, durch die karge Wüste bis hin zu angenehmen maritimen Temperaturen. Von gewaltigen Canyons und Wasserfällen bis hin zu schneebedeckten Gipfeln und Salzwüsten war alles dabei. Bei der Fahrt mit dem Auto ist uns auch erst einmal wirklich bewusst geworden, wie groß dieser Kontinent ist. Denn wohl nirgendwo sonst kann man 13 Stunden geradeaus fahren und sich noch immer noch im gleichen Bundesstaat befinden. Auch wenn viele der Amerikaner diese Strecken wohl nie zurück legen, weil sie nicht gerade die Reisenation Nummer eins sind und viele ihren Staat innerhalb ihres ganzen Lebens nicht verlassen. Dies rührt eventuell auch da her, dass die Amerikaner einen Nationalstolz haben, den man immer und überall verspürt. Seit unserem ersten Tag an, finden sich immer wieder Amerikaflaggen an jedem erdenklichen Ort und so viele Kriegsdenkmäler wie hier, habe ich sonst noch nie gesehen. Veteranen haben zu fast allen Museen und anderen Aktivitäten freien Zutritt und ein extrem hohes Ansehen in der Gesellschaft. Sie sind solz auf ihr Land und machen daraus auch keinen Heel.
Wir steigen ein letztes Mal in die S- Bahn in Los Angeles ein, ein letztes Mal mit Dollar bezahlen. Bepackt mit dem großen Rucksack hinten und dem kleineren Daypack vorne verabschieden wir uns von den Staaten. Unsere Gefühle sind dabei gemischt, einerseits hat das Land landschaftlich sehr viel zu bieten und wir haben tolle, unvergessliche Menschen kennen gelernt aber andererseits wurden unsere Erwartungen an die unbegrenzten Möglichkeiten etwas enttäuscht. Wir lernten viel und dafür sind wir auch dankbar, doch wir wissen auch was wir eigentlich an unserem zu Hause in Deutschland haben und dass es dort doch auch ganz schön ist.
Wir sind gespannt ohne Ende und sagen: „Goodbye Amerika, Südamerika wir kommen!“

Kategorien: Amerika

1 Kommentar

Sabine · Oktober 16, 2018 um 5:50 pm

Toll geschrieben Hut ab!!

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