aus der Sicht von Deborah

Nein! Es war absehbar, dass wir die dieses Jahr auf keinen Fall haben werden. Wie auch? – Denn wir waren auf unserem Weg nach Antofagasta, ab ans Meer und den Heilig Abend sollten wir am ortsansässigen Flughafen verbringen.
Doch auch wenn der Schnee dieses Jahr ausbleibt, bekamen wir zwei Geschenke des Himmels, nämlich Jasper und Yasin. Alles fing damit an, dass Alex der Barkeeper uns den Rat gab, von San Pedro nach Antofagasta zu trampen, was nach seinen Angaben ohne Probleme funktionieren sollte. Dieser Tipp kam uns gerade recht, denn wie bereits erwähnt, ist Chile ein sehr teures Land und hinzu kommt, dass die Busfahrpläne keine genaue Auskunft darüber geben, wann bzw. ob ein Bus fährt.
So versuchen wir einfach unser Glück an einer der Hauptstraßen und noch bevor wir uns mit unserem Pappschild richtig positionieren können, spricht uns Jasper darauf an. Er und Yasin haben beide vor kurzem ihren Doktortitel erworben und sind für eine Konferenz nach Chile gekommen. Wie es der Zufall will, haben sie ein Mietauto, noch zwei Plätze frei und fahren an diesem Abend nach Antofagasta. Wir können unser Glück kaum fassen und auf sein Angebot, dass sie uns mitnehmen erwidern wir völlig verdutzt über diesen Zufall mit JA!

So machen wir uns zu viert auf den Weg und verstehen uns super, es gibt viel zu erzählen und es fühlt sich an, als würden wir einander schon seit Ewigkeiten kennen. Wir erzählen ihnen von der „Geisterstadt“ Chacabuco, die mehr oder weniger auf dem Weg liegt, und neugierig und begeistert davon entschließen die beiden einen kleinen Schlenker dorthin einzulegen.
Es handelt sich bei dieser kleinen Ansiedlung inmitten der Atacamawüste um eine von einst 130 ihrer Art. Hier draußen, fernab von jeglicher Zivilisation befinden sich große Salpetervorkommen, die einst die Industrie hier her lockten. Da es mit viel Aufwand verbunden war, die Arbeiter Tag für Tag mehrere Kilometer zur Abbaustätte zu befördern, wurde die Idee geboren, kleine unabhängige Städte in der Wüste zu errichten. Dies stellte insofern eine Herausforderung dar, da die Atacamawüste zu den trockensten Orten der Welt und damit zu den lebensfeindlichsten Arealen schlecht hin zählt. Doch die kleinen Kommunen wurden für bis zu 5000 Bewohner ausgelegt und mit allem ausgestattet was man zum Leben braucht.
Nachdem es jedoch günstiger wurde, das Düngemittel synthetisch herzustellen, brach die Salpeterindustrie und mit ihr die kleinen Wüstenstädte zusammen. Später wurden sie im Zusammenhang mit einem Putschversuch als Gefängnis für politische Widersacherer genutzt. Was übrig blieb, sind die Ruinen der Häuser, die heute unter Denkmalschutz stehen und als Besucherstätte für Touristen dienen. Ein mystischer und sehr geschichtsträchtiger Ort, denn man kann sich nur zu gut vorstellen, wie diese Mikrostadt einmal mit Leben gefüllt war. Zeugnisse dafür sind der Spielplatz, dessen Schaukeln gespenstisch knarren und quietschen, oder auch der Saal des Theaters, von dessen Decke noch immer die schweren, roten Vorhänge fallen. Die Szenerie lädt Hollywood gerade dazu ein, den nächsten Horrorstreifen hier zu verfilmen. Doch auch die ausgestellten Informationstafeln, die über die Menschen, ihre Geschichten und die einst millionenschwere Salpeterförderung berichten, haben meine volle Aufmerksamkeit. Nur schwer kann ich mich von diesem unheimlichen Ort fortreißen, doch wir haben noch ein paar Kilometer vor uns und Jasper wirkt auch so, als wäre er froh wenn die Strecke gefahren ist.

Plötzlich reißt die trostlose Umgebung, die uns jetzt für so viele Stunden umgebab, ab und über die nächste Anhöhe gefahren, können wir auf einmal das Meer erblicken. Bei der Hitze und den endlosen Wüstenlandschaften der letzten Tage, wirkt das Blau des Wassers wie eine Fatamogana.
Doch bei jedem Meter, den wir uns nähern und der endlose Ozean immer noch zu sehen ist, wird mir klar: wir haben unsere Stadt am Meer erreicht – Antofagasta! Urplötzlich ist die Stille und Einsamkeit der Wüste verflogen und die Stadt sprüht nur so vor Leben. Aus allen Ecken ertönt „Feliz Navidad“ und es herrscht eine spürbare Aufregung und Hektik in den Straßen. Vor den Kaufhäusern bieten Frauen an, Geschenke in kitschiges Papier einzupacken und jeder hastet noch nach dem letzten Geschenk, dem besten Stück Fleisch und etwas Schickem zum Anziehen für das große Fest. Für Max und mich geht dieser Stress dieses Jahr an uns vorüber. Die Trekkingklamotten sind schon gewaschen, Geschenke gibt es keine und ein Hotdog bei unserem neu entdeckten Straßenverkäufer ersetzt jedes drei Gängemenü. Doch das heißt auch, dass all das Schöne an Weihnahten dieses Jahr ausbleibt. Wir nutzen Antofagasta ein wenig zum Auspannen, bevor es zum Flughafen geht – doch von Weihnachtsstimmung fehlt jede Spur. Der eine oder andere mag jetzt sagen: 25°C an Weihnachten?! Das ist doch nur zu beneiden. Da mag er vielleicht auch recht haben, doch nach einem kurzen Anruf zuhause bekommen wir beide etwas Heimweh. Im schönen Saarland sind unsere Lieben gerade aus der Christmette zurück, alles ist festlich geschmückt, jeder hat sein bestes Hemd an und wartet im gemütlichen Wohnzimmer auf das Festtagsessen – für uns heißt es Rucksack aufschnallen und ins Taxi zum Flughafen.

Dort angekommen handelt es sich um einen wesentlich kleineren Flughafen als erwartet und so gilt es noch einige Zeit zu überbrücken, bis wir abheben. Währenddessen nähe ich den nächsten Patch auf meinen Rucksack und so verstreichen die Stunden wie „im Flug“;) Alles läuft nach Plan und bereits nach zwei Stunden kommen wir in Santiago de Chile an, wo uns ein fünfstündiger Aufenthalt erwartet. Die Flughafenhallen sind verhältnismäßig leer, vermutlich weil die Meisten es wohl vorziehen, Weihnachten mit der Familie zuhause zu verbringen. Was wohl auch für uns gelten würde, doch dieses Jahr ist es mehr oder weniger ein Reisetag wie jeder andere auch. So sitzen wir auf unseren Isomatten und während wir versuchen etwas Schlaf zu finden, versinke ich in Gedanken darin, dass es gerade keinen schöneren Ort für mich gäbe, als zuhause am Tannenbaum.

Als wir dann zum zweiten Mal landen, haben wir unser eigentliches Ziel erreicht, Punta Arenas – Patagonien.
Da die Busse aufgrund der Feiertage gesonderte Fahrpläne haben, geht es erst nach vier Stunden des Wartens weiter.
Einen Schritt vor die Tür gemacht, pfeift uns der eisige Wind um die Ohren und augenblicklich fühlt es sich an wie Winter und es sollte doch noch Weihnachten werden – sogar für uns. Denn in Puerto Natales angekommen, stapfen wir durch die Tür des Hostels und eine wohlige Wärme empfängt uns. Die Wände sind aus Holz, der Ofen brennt und alles fühlt sich auf einmal so viel besinnlicher an, als noch vor einigen Stunden. Es gibt eine kleine Küche, die mit allem ausgestattet ist was man braucht und einen kuschligen Aufenthaltsraum. Hier genießen wir eine warme Tasse Tee und ein Stück Panetonekuchen und so feiern wir unser eigenes kleines Weihnachten!

Am nächsten Tag starten wir, um das Städtchen, welches uns schon bei der Anreise sehr gut gefallen hat, ein wenig zu erkunden. Hier, am Ende der Welt ist momentan Sommer, doch es fühlt sich eher wie ein perfekter Wintertag in Deutschland an. Es ist kalt, ein klarer, blauer Himmel zeigt sich und die Sonne wärmt mit ihrer Kraft die verfrorenen Glieder. Puerto Natales hat seinen ganz eigenen Charme und erinnert mich an die Häuserfronten, die ich in Norwegen gesehen hatte. So schlendern wir durch die kleine Stadt, vorbei am Plaza de Armas bis runter ans Ufer.
Die Überreste eines Holzsteges, dessen Holzpfäle noch aus dem Wasser ragen, stellen ein beliebtes Fotomotiv dar, ebenso wie eine steinerne Handskulptur, die Nahe des Wassers aus dem Boden ragt. In Mitten des Verkehrskreisels befindet sich eine Metallstatue des sogenannten Meledón. Ein Urzeitfaultier, dessen Skelett in Höhlen nahe der Stadt gefunden wurde und es so zum Wahrzeichen von Puerto Natales machten.
Auf dem Rückweg erledigen wir noch die letzten Einkäufe, bevor wir in unser nächstes Abenteuer starten – den Torres del Paine Nationalpark. Und während wir durch die Straßen laufen, mit dem Wissen, dass ein gemütliches Hostel auf uns wartet, ist all der Trübsal vergessen. Weihnachten am anderen Ende der Welt zu verbringen ist dann doch gar nicht so schlimm gewesen.


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