aus der Sicht von Deborah

Aufgrund des kleinen Passagiers, der während der Busfahrt im Stundentakt aus unerklärlichen Gründen den ganzen Bus zusammen geschrien hat, kommen wir etwas geplättet am Busterminal an. Wir befinden uns in Trujillo, knapp 300 km nordwestlich von Huaraz und wieder 3000 Höhenmeter tiefer – auf Meeresniveau. Die Sonne scheint, eine willkommene Abwechslung nach dem Regen der letzten Tage und so machen wir uns auf, in Richtung Hostel. Dort angekommen checken wir ein, stellen die großen Backpacks ab und schon sind wir wieder startklar, denn durch den Nachtbus liegt noch der ganze Tag vor uns. Auf dem Plan stehen die Ausgrabungsstätten der „Moches“, diese liegen etwas außerhalb der Stadt, sind jedoch laut Auskunft der Hostelbesitzerin durch einen kurzen Fußweg mit anschließender Busfahrt gut zu erreichen. Auf der Karte zeigt sie uns den Abholbereich der kleinen Busse, worauf wir umgehend starten. Es ist gerade mal 7:30 Uhr und trotz Sonntag, ist das Leben auf den Straßen bereits am pulsieren. In einer Seitenstraße findet eine Prozession statt, die jedoch gerade zu enden scheint und so führt uns der weitere Weg in ein Marktviertel, dem „Mercado Mayorista“. Tatsächlich erstrecken sich die Stände der Händler über mehrere Blocks, was jedoch nicht heißt, dass dieser Bereich für Autos gesperrt ist. Sie fahren nach wie vor hindurch und zwängen sich hupend und etwas langsamer als sonst an den Passanten vorbei, welche aufgrund der aufgebauten Stände auf dem Bürgersteig, zwangsläufig auf der Straße gehen. Alles wirkt wie ein geordnetes Chaos und mit einer gewissen Routine bart jeder seine Ware möglichst ansprechend auf. Je tiefer wir in das Geschehen hinein geraten, desto mehr Menschen quetschen sich durch die engen Gassen und in Kombination mit all den Geräuschen und Gerüchen ist der Körper maßlos überfordert. Hier findet man alles von Obst, Gemüse über Kleidung und Haushaltswaren bis hin zu Dessous. Der süßliche Obstgeruch mischt sich mit dem der Autoabgase und wird immer wieder vom guten Duft der Garküchen und dem weniger guten der Fischstände gemengt. Plötzlich wird das Schreien der Marktleute von tierischen Geräuschen abgelöst. Wir gelangen in die Abteilung der „lebenden Tiere“. Es quiekt, fiepst, gackert und schnattert aus allen Ecken. In kleinste Käfige und Pappkartons sind Vögel aller Art, Küken, Hühner, Enten, Gänse, Kaninchen und Meerschweinchen eingefercht. Wie auch ein Anblick, der uns beiden fast das Herz bricht, Hundewelpen und Katzenbabys sind ebenfalls auf engstem Raum zusammengepackt. Noch viel zu klein, um von der Mutter getrennt zu werden, kauern sie ängstlich hinter den Gitterstäben – oft emotionslos, fast schon verstört – und schauen traurig in die Freiheit. Diesen Anblick lassen wir schnell hinter uns, auch wenn wir sie am liebsten alle mitgenommen hätten.

Laut der Beschreibung der Hostelrezeption sollten wir die Haltestelle jetzt erreichen, doch wir befinden uns noch immer mitten im Marktgeschehen. Als wir in einem Geschäft nachfragen, verweist uns ein hilfsbereiter, freundlicher Mann auf die nächste Straße, in die die Haltestelle aufgrund des Marktes umverlegt wurde. Es dauert keine zwei Minuten und schon bedeutet uns ein junger Mann, der aus der Tür eines der sogenannten „Collectivos“ heraushängt, einzusteigen. Nach einer halbstündigen Fahrt erreichen wir den „Huaca del Luna“, eine Tempelanlage der Volksgruppe der „Moches“. Sie siedelten zwischen 400-800 nach Christus in dieser Gegend und lebten bereits wie in einer modernen Gesellschaft, mit verschiedenen Berufsgruppen. Der Tempel wurde genau an dieser Stelle errichtet, weil sie glaubten, dass an diesem Punkt die Unterwelt und der Himmel aufeinander treffen. Ebenfalls war der nahegelegene Berg „Cerro Blanco“ ausschlaggebend, da in ihm eine Gottheit leben sollte. Die Rangordnung der „Moches“ war streng durch religiöse Positionen geordnet, so waren die Priester die Hauptmachthaber und wichtigsten Entscheidungsträger. Das gesamte Leben drehte sich um Harmonie im Einklang mit Natur, Mensch und Gottheiten. War dieses Verhältnis einmal gestört, zum Beispiel durch „El Niño“, einem periodisch auftretenden Naturphänomen, das meist starke Überflutungen nach sich zieht, so ging man davon aus, dass die Götter erzornt waren. Um sie wieder milde zu stimmen, wurden verschiedene Opfergaben dargeboten und die hohen Priester schreckten auch nicht davor zurück, ihre Soldaten dafür hinzugeben. In einem Zweikampf wurde der Schwächere ermittelt, dessen Blut anschließend dem Priester zum Trinken gereicht wurde. Der lose Steinhaufen, auf dem die menschlichen Göttergaben dargebracht wurden, ist noch heute zu sehen, wie auch der Hauptaltar, der ausschließlich dem Priester vorbehalten war.
Von den Archäologen wurden mehrere Gräber ausgehoben mit Grabbeigaben, die so gut erhalten waren, dass man die Personen ganz klar ihrem Stand zuordnen konnte. Oft sind es Keramikarbeiten, die kunstvoll verziert über den Alltag und besondere Zeremonien berichten, aber auch wertvolle Gewänder sowie Gold – und Silberschmuck. Der pyramidenartige Tempel ist insgesamt fünf Stockwerke hoch, da nach einem gewissen religiösen Zyklus das bestehende Bauwerk mit Steinen zu gemauert wurde und als eine Art Ritus auf diesem Fundament der „neue Tempel“ errichtet wurde. Es ist verblüffend, wie gut die farbigen Reliefs erhalten sind und man kann dadurch in etwa das Ausmaß erahnen, welches diese Anlage einst besaß. Spezielle Symbole und Sinnbilder wiederholen sich immer wieder an den Wänden, wie zum Beispiel die Schlange, die für das Auf und Ab des Lebens steht oder auch die Vorstellung ihres Gottes. Unsere Tour erreicht den Außenbereich des Gebildes, von wo wir auf das andere Gebäude, den Huaca de Sol sehen. Er diente als eine Art Regierungsgebäude und war daher auch weniger kunstvoll ausgearbeitet. Dazwischen wurden die Grundrisse einfachere Häuser gefunden, die darauf schließen lassen, dass hier die Arbeiter und das „normale Volk“ lebten. Archäologen gehen davon aus, dass die gesamte Gruppe der Moche, mit allen Einzugsgebieten, um die 600.000 Mitglieder hatte. Zum Abschluss unserer Führung zeigt unser Guide uns eine Art Wandgemälde mit verschiedenen Zeichen, Szenen, und Symbolen. Bis heute bleibt es ein Rätsel welchem Zweck diese Tafel diente und so sind es noch viele Fragen rund um diese Hochkultur, die die Wissenschaftler und ihre Teams sowie die jährlichen Besucher mit Fragezeichen über den Köpfen zurück lassen. Ein kleines, jedoch sehr informatives Museum, stellt zahlreiche Grabbeigaben aus und vervollständigt den Tag mit Hintergrundwissen.

Zurück im Zentrum Trujillos fällt bereits die Abendsonne in die kleinen Straßen zwischen den Häusern. Perfekt für einen gemütlichen Spaziergang zum „Plaza de Armas“. Diesen findet man in den meisten Städten Perus, er ist eine Art Dorfplatz, doch etwas prunkvoller, mit schön angelegten Gärten und meist Heeresstatuen in dessen Mitte. So auch der „Platz der Streitkräfte“ hier in Trujillo, an dem, wie so oft im Süden, das Leben pulsiert. Kinder mit Seifenblasen, Pärchen, Familien und die Dorfältesten, die lautstark diskutieren – jeder genießt auf seine Art und Weise die letzten Sonnenstrahlen. Auch die sonnengelbe „Cathedral Basilica de Mary“ wirkt durch das goldene Abendlicht noch prunkvoller. Hinter ihr befindet sich der historische Distrikt der Stadt, mit seinen farbenfrohen Häusschen im Kolonialstil, an welchen wir auf unserem Heimweg vorbei schlendern.

An diesem Morgen führt es uns wieder einmal heraus aus der Stadt, doch dieses Mal, westlich in Richtung des Pazifik. Hier befindet sich, auf einem 17 km weiten Areal, die größte präkolumbische Stadt – „Chan Chan“. Die Ausgrabungen legten die Anlagen der Chimú – Bevölkerung frei. An den riesen Mauern und Tempelanlagen wird kontinuirlich weiter gearbeitet, um mehr über die beeindruckende Kultur und ihre Bauwerke zu erfahren. Leider bekommt der Besucher hier nur sehr spärliche Informationen geboten und ohne einen Guide fällt die Interpretation des Bauwerkes eher schwer, sodass es heute für uns nur „altes Gemäuer“ zu bestaunen gibt. Dort lernen wir auch eine Gruppe, bestehend aus einem Holländer und zwei Französinnen, kennen, die in einem Hostel in Huanchaco untergebracht sind – praktischer Weise unserem nächsten Stopp. Sie kennen bereits die Buslinie und so folgen wir ihnen einfach bis an jene Stelle, an der sie aussteigen und sich unsere Wege wieder trennen.

Wir hatten schon oft von dem typischen peruanischen „Cerviche“ gehört, einer Fischvorspeise – und wo könnte man die besser genießen, als in einem urigen Restaurant mit Blick aufs Meer. Bei ortstypischem Bier schmeckt der rohe Fisch, der in einem Orangensud mit Süßkartoffel und Seetang serviert wird, noch besser und auch der „Chufa con mariscos“, ein Reisgericht mit Meeresfrüchten ist ein kulinarisches Highlight. So sitzen wir an unserer eigenen kleinen Copa Cabana Perus, schauen dem wilden Pazifik zu und lassen uns die wärmende Sonne ins Gesicht scheinen.  An der Promenade herrscht reges Treiben, von Straßenhändlern, die ihre Ware anbieten, Surfern auf dem Weg ins Wasser und Eisverkäufern auf ihren Radläden. Entlang des Strandes finden sich überall die „Caballitos de Totora“, traditionelle schmale Reedboote, die zum Teil noch heute von Fischern genutzt werden. Wir spazieren noch eine Weile am Strand entlang, wo Max immer wieder nach seinen Freunden, den streunenden Hunden Ausschau hält und gerne ein paar Streicheleinheiten verteilt.
Durch Zufall finden wir eine kleine Strandbar mit gemütlichen Sitzecken direkt am Meer, wo wir den Abend bei einem weiteren peruanischen Bier und entspannter Musik ausklingen lassen – „Urlaub muss eben auch Mal sein!“

Kategorien: Südamerika

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