aus der Sicht von Deborah

Obwohl Malang die achtgrößte Stadt Javas ist und viel zu bieten hat, da sie während der Asienkrise größtenteils verschont wurde, liegt sie bei den meisten nicht auf der Bucketlist. Warum also nicht mal neue Wege gehen, abseits der „üblichen“ Touristenrouten? Da Malang für uns sowieso auf dem Weg liegt und so die Strecke bis Yogyakarta etwas verkürzt heißt unser Motto: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Wieder einmal haben wir uns entschlossen, ein Homestay als Bleibe für die kommenden Nächte zu wählen. Ein guter Preis und die positiven Erfahrungen der Vergangenheit – was kann da schon schief gehen?! An der angegebenen Adresse angekommen, wirkt das Haus wirklich wie ein „ganz normales Haus“. Kein Werbeschild, keine extra Parkplätze, nichts weist darauf hin, dass hier jemand Gäste aufnimmt. Aber gut, Google Maps lügt normalerweise nicht und so klingeln und klopfen wir an dem Tor bis sich schließlich jemand im Hausinneren in Bewegung setzt. Eine Frau, etwas kleiner als ich und nicht neu auf dieser Welt öffnet uns mit einem liebevollen Lächeln die Tür. „Welcome – Max?!“ als Max noch etwas unsicher nickt scheint sich ihr Gesicht noch mehr zu erhellen, die letzten vorhandenen Zähne der unteren Kieferhälfte blitzen hervor und sie bedeutet uns ihr ins Haus zu folgen. Nach einer Miniführung durch das Haus wird klar: dies ist ein neues Level Homestay. Außer unseren Betten teilen wir sowohl Bad, als auch Küche und den restlichen Wohnraum – und ein Blick zu Max bestätigt mir, dass er darüber genau so wenig schockiert ist wie ich. Obwohl wir erst seit zehn Minuten hier sind fühlen wir uns bei der älteren Dame wohl und ihrem Gesicht nach zu urteilen beruht das auf Gegenseitigkeit. Da es uns freigestellt wird, welches der drei Zimmer wir beziehen wollen entscheiden wir uns für das im zweiten Stock, welches über eine kleine Treppe erreichbar ist. Neben dem Ventilator besteht hier die Möglichkeit die Fenster zu öffnen und ein kleiner Balkon bietet Platz, um Sachen zu trocknen – ideal. Kurz nachdem wir unser Gepäck abgestellt haben, hören wir schwermütige aber entschlossene Schritte auf der Treppe. „Sorry Mister“… als ich um die Ecke in Richtung Treppe luke, kämpft sich unsere Gastgeberin mit einem kleinen Teller in der Hand die Treppe hinauf „Little Snack, Mister“. Extra für uns hat sie ein paar frittierte Häppchen zusammengestellt, um uns eine Freude zu machen … was definitiv gelang. Wie wir später noch lernen sollten ist die Anrede Mister hier oft nicht aufs Geschlecht bezogen, sondern einfach eine Form der höflichen Anrede, was mich zugegebener Maßen anfangs etwas irritierte.

Als wir am nächsten Morgen in Richtung Küche schleichen ist hier schon reges Treiben angesagt. Melanie, unsere Gastgeberin, hat Besuch und auf dem Tisch ist schon das „Frühstück“ angerichtet. „Sleep good, you kopi?“ – ein Kopfnicken von uns und mehr braucht es nicht, um zu kommunizieren. Frühstück ist nicht gleich Frühstück, so lautet die Lektion des heutigen Tages. „Unsere“ Brötchen mit Marmelade sind für die Jawanesen eher eine Art Snack. Da muss morgens schon was deftiges her und sowieso eine Mahlzeit ohne Reis kann nicht als vollständig gezählt werden. Andere Länder andere Sitten – und genau deswegen sind wir doch unterwegs! Also ein Herz gefasst und Fisch, Reis, saures Gemüse und frittiertes Tofu auf den Teller gelegt. Besonders als uns wieder einfällt, dass Ramadan ist, was den Muslimen verbietet über Tag jegliche Speisen oder Getränke zu sich zunehmen und uns klar wird, dass dieses Frühstück extra nur für uns vorbereitet wurde, ist klar dass wir frühstücken. Nun ja sagen wir mal so: für westliches Empfinden vielleicht etwas ungewohnt und die Kombination von super scharf und Zucker mit zwei Schlückchen Kaffee wirkt besser als jeder Wecker, aber alleine für die Erfahrung und die herzliche Gastfreundlichkeit sind wir unendlich dankbar. Noch schnell ein Selfie für ihren Sohn und ihr Glück scheint perfekt.

Auch wenn unser indonesisch doch sehr begrenzt ist und unsere Gastgeberin fast kein Englisch spricht, dauert es keine 10 Minuten bis sie uns einen Scooter zum guten Preis organisiert hat und das sogar mit Bringservice – wieder einmal haben wir Glück ohne Ende! Dann geht’s los zu unserem ersten Stopp, dem Kampung Pelangi auch bekannt als Regenbogenviertel. Einst zu den ärmeren Slums gehörend, erstrahlt das Viertel heute in bunten Farben oder wie Cindy Lauper sagen würde: in seinen „True colours“. Studenten haben sich die Aufwertung der Gegend durch kleine, liebevolle Gestaltungselemente zur Aufgabe gemacht. Seien es die bunten Farben der Häuser, Girlanden aus Regenschirmen oder andere dekorative Verschönerungen, die dazu einladen die Seele baumeln zu lassen. Die unerhebliche „Eintrittsgebühr“ kommt den Menschen hier zu Gute und so lebt das ganze Viertel komplett auf. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt und in jeder Gasse gibt es etwas anderes, Neues zu entdecken. Wieder einmal bin ich total begeistert von dem Ideenreichtum, der hier deutlich wird, wie aus „nichts“ so viel entstehen kann, beeindruckend! So entscheiden wir uns an einem kleinen Kiosk etwas Kaltes zu trinken und diese surreale Welt einfach noch eine Weile auf uns wirken zu lassen.

Kurz nachdem wir uns niedergelassen haben steuert uns eine Gruppe von vier Mädels an. Etwas unsicher und schüchtern erzählen sie uns, dass sie an der lokalen Universität studieren und bitten uns um ein kurzes Interview, dass sie zur Verbesserung ihrer Englischkenntnisse mit Touristen durchführen sollen. „Kein Problem“, erwidern wir und stellen uns gerne zur Verfügung für den guten Zweck. Nachdem der Anfang gemacht ist und das Eis gebrochen, werden die Mädels langsam warm, ja sie sprudeln förmlich. Wir unterhalten uns über Indonesien, Malang im Speziellen, Traditionen, den Islam, über unsere Reise, über ihre Pläne für die Zukunft, über Musikgeschmäcker und lokale Küche. Schnell wird aus dem geplanten Interview von fünfzehn Minuten eine zweistündige Unterhaltung über Gott und die Welt. Schließlich bedanken sich die vier für unsere Zeit und auch wir sind dankbar für alles, was wir an diesem Nachmittag gelernt haben. Wir machen noch ein Bild zusammen und beschließen uns für morgen zum gemeinsamen Essen zu verabreden. Jeweils begeistert von der fremden, so anderen Welt des Gegenübers trennen sich unsere Wege erst einmal. Doch kaum haben wir uns von den Mädels verabschiedet rückt schon die nächste Studentengruppe an. Im Wechsel mit anderen Einheimischen die unbedingt ein Bild mit uns machen wollen (aus dem einfachen Grund, dass wir so „europäisch“ aussehen) verstreicht die Zeit und ehe wir uns versehen wird aus den geplanten zwei Stündchen, die wir hier verbringen wollten ein ganzer Nachmittag. Doch was solls, auch zwischenmenschlicher Austausch gehört zum Reisen dazu und an diesem Tag haben wir wahrscheinlich mehr gelernt, als in jedem Museum und haben eine Bildergalerie mit fremden Menschen zu verzeichnen, deren Ausmaß ebenfalls beeindruckend ist.

Zum Glück sind wir ja flexibel (geworden) und haben so keine Probleme damit, den kompletten Plan spontan umzuwerfen. Da es bereits dunkel ist überspringen wir einfach das Nachmittagsprogramm und gehen gleich zur Abendoption über. Das Batu Nightspectacular gilt dabei als eine der Top Sehenswürdigkeiten von Malang und Umgebung. Als wir den Park erreichen, wissen wir noch nicht so recht was uns erwartet. Doch nach anfänglichen Schwierigkeiten mit der richtigen Ticketauswahl finden wir uns in einer Mischung aus Spaßpark und Freizeitort wieder. Neben verschiedenen Fahrgeschäften, VR–Erlebnissen und Gruselkabinetten sorgen auch eine 3D Funartgallery und Paintball für Spaß und Stimmung. Ebenfalls der Lampiongarden der eine etwas kitschige aber trotzdem schöne Lichterwelt präsentiert findet großes Gefallen bei den Besuchern. Eine sehr skurille Mischung, die wirklich schwer zu beschreiben ist, aber eins steht fest: für eine Nacht darf man hier wieder Kind sein. Und so erfreuen wir uns an den albernsten Dingen, wie Rodeoreiten und fiktiven Starwars kämpfen. So wirklich erwachsen wird man dann wohl doch nie.

Wie bereits am vorherigen Tag erwartet uns ein mehr als herzhaftes Frühstück und ein mit Liebe zubereiteter Kaffee mit jeder Menge Zucker. Entweder haben wir uns schon ein bisschen daran gewöhnt oder die heutige Variante war nicht ganz so scharf wie gestern. Wie dem auch sei, es ist schön wieder etwas zu schmecken außer höllisch scharf. Als wir uns auf den Weg machen wollen zu den Highlights, die etwas außerhalb von Malang liegen, stellen wir mit Entsetzen fest, dass einer unserer Helme fehlt. Wie kann das sein, der Scooter hat in der Einfahrt gestanden die von einer Mauer umrandet wird und deren Tor zweifach abgesperrt ist? Als wir unsere Gastgeberin danach fragen, lächelt sie nur, gibt uns einen ihrer Helme und meint „No Problem“. Max und ich sind uns nicht so sicher ob sie den Sachverhalt, den wir ihr geschildert haben verstanden hat. Als wir es dann nochmal probieren und sie mit etwas mehr Nachdruck ihren Helm anbietet und uns versichert, dass alles in Ordnung sei, sehen wir uns gezwungen ihr aufs Erste zu glauben und zu hoffen, dass der Mann vom Verleih das genau so sieht – Abwarten.

Zwei Wasserfälle, die als klein aber fein gelten, stehen heute auf dem Plan ebenso wie der Batu Flower Garden. Nach dem gestrigen Tag, den wir eigentlich komplett in der Stadt verbracht hatten tut es gut heute wieder etwas im Grünen zu sein. Als wir am ersten Wasserfall ankommen, sind wir uns zunächst nicht sicher, ob wir richtig sind. Alles wirkt so ruhig, fast schon verlassen und auch die anderen Besucher lassen sich an einer Hand abzählen. Doch der nette, junge Mann am Kassiererhäusschen versichert uns, dass dies der Ort sei den wir suchen. Umso besser, so haben wir die Szenerie komplett für uns, können die Ruhe genießen und uns im Lauf des Wassers verlieren. Lediglich die verwaisten Verkaufsstände zeugen von einer Hochsaison, die wir wieder einmal elegant umgangen haben!

Am nächsten Stopp angelangt bemerken wir, dass der Weg zu unserem zweiten Wasserfall geradewegs durch den Flowergarden führt. Besser könnte es ja wirklich nicht sein. So folgen wir dem gepflasterten Weg der sich vorbei an Blumenbeten, Bildmotiven und Cafés schlängelt. Auch hier scheint alles noch in Vorbereitung zu sei für die nächste Saison. Holzarmaturen werden neu gestrichen, Blumenbeete neu angelegt und weitere Attraktionen aufgebaut. So sehen wir den Park vielleicht nicht in seiner vollen, endgültigen Pracht, aber ich muss ehrlich gestehen, dass mich das gar nicht so wirklich stört. Als wir das Ende des angelegten Weges erreichen, verweist ein etwas mitgenommenes Schild auf den gesuchten Wasserfall. Auch in einem anderen Blogbeitrag hatte ich gelesen, dass er von hier zu erreichen ist. Doch in Max Offlinenavigation wird uns kein Weg angezeigt, was also tun? Da wir uns schon ein bisschen nach den Hikes der vergangenen Monate sehnen und dies eine Möglichkeit ist, sich wenigstens ein bisschen zu bewegen, entscheiden wir uns dazu, das Abenteuer zu begehen. Bereits nach ein paar Metern wird klar, dass auch dieser Weg seit der letzten Touristenblüte nicht viel genutzt wurde, so sind Wege überwuchert und es geht über Stock und Stein, also eigentlich genau das Abenteuer, das wir suchen. Trotzdem sind die Wege immer noch zu erkennen, sodass kein Grund zur Sorge besteht – oder? Als wir schon eine ganze Weile unterwegs sind fängt es plötzlich an zu regnen und zudem gilt es auch immer mehr (noch) kleine Bäche zu überwinden, die hoffentlich nicht tiefer und breiter werden. Wenn das mal keine Schnapsidee war?! Dann ein Hoffnungsschimmer eine verlassene Hütte an der ein Preis steht, der wohl zur normalen Saison hier von den Besuchern eingenommen wird, die zum Wasserfall wollen. Dann können wir ja doch nicht mehr so weit weg sein und … wieder mal den Eintritt gespart. Tatsächlich nach weiteren 15 Minuten erreichen wir den besagten Wasserfall. Er ist zwar nicht besonders groß oder imposant, doch alleine der Weg hier her war den Ausflug auf jeden Fall wert. Trotzdem sind wir aufgrund des zwar schwächer gewordenen, jedoch immer noch präsenten Regens etwas skeptisch und entscheiden uns nach einer kurzen Verschnaufspause dazu den Rückweg anzutreten.

Szenenwechsel: Treffen zum Abendessen mit den Mädels. Ein Warung, das wohl etwas moderner gestaltete ist und auch eher auf junge Kunden abzielt, wurde als Treffpunkt vorgeschlagen und natürlich haben wir uns hierbei auf die Expertenmeinungen verlassen. Obwohl ich eigentlich dachte, Max und ich hätten klar gemacht, dass auch wir keine Muttersprachler sind und auch nur normale Menschen wirkt es auf mich, als wären die Studentinnen nervös. Doch bereits nach dem gemeinsamen Bestellen des Essens und einer Runde Yenga, um die Wartezeit zu verkürzen fühlt es sich an, als würde man sich schon ewig kennen. Bei der Frage wie unsere Reise weitergeht und der Reaktion auf unsere dazugehörige Antwort. Habe ich plötzlich einen Kloß im Hals. Auch Max wirkt so, als würde er die doch sehr detallierte Ausführung unserer Pläne ein bisschen bereuen. Die Augen der Mädels sind aufgerissen und für einen Moment lang herrscht Stille. Als wir die Rückfrage stellen, wo sie gerne einmal hinreisen wollen und die Antwort lautet :“ Wir würden gerne mal nach Singapur, aber dafür müssen wir erst zwei Jahre sparen“ wird mir auf einmal alles klar. Die Reise in dem Stil, wie wir sie machen muss sich für indonesische Verhältnisse wie die größte Utopie anhören. Ein Kurzstrecken Flug der mit 40€ ein Schnäppchen für uns ist , muss sich hier erst hart erarbeitet werden. Wir stehen natürlich mit den super günstigen Preisen hier vor Ort auf der Gewinnerseite, doch dass im Umkehrschluss die Landeswährung sonst auf der Welt nirgendwo etwas wert ist, wird Max und mir jetzt erst bewusst. Ein etwas beklemmendes Gefühl macht sich in mir breit und ich habe ein schlechtes Gewissen diesen jungen Menschen, Menschen wie Max und ich, so von etwas vorgeschwärmt zu haben, was sie sich auch wünschen würden, für sie jedoch in unerreichbarer Ferne liegt. Doch aus dieser negativ behafteten Situation kommt mir eine Idee! Was haltet ihr davon, wenn wir eine Whatsappgruppe erstellen und wir euch von unseren zukünftigen Reisezielen immer Bilder schicken, sodass ihr wenigstens mit den Bildern mit uns reisen könnt! Die vier zeigen sich total begeistert und noch ehe der Gedanke richtig ausgesprochen ist, macht sich Aza schon daran eine Gruppe zu erstellen.

Als wäre nichts gewesen erzählen sie, was ihre beruflichen Pläne sind und ihre Traumberufe und wir lachen noch viel an diesem Abend.

Dieser Stopp in der kleinen (für andere unbedeutenden) Stadt hat mir die True Colours Indonesiens in allen Facetten gezeigt. Seien es die bunten Häuser, das schrille Licht des Nachtparks, die grünen Schattierungen der Natur oder eben die bunt gemischten Menschen, die wir hier kennen lernen durften. All diese „Farbklekse“ ergeben eine bunte Palette, die das Leben erst interessant und lebenswert machen. Danke Malang für deine bunten Wunder!


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