aus der Sicht von Max

Nachdem wir nun in den vergangenen Wochen immer wieder auf die Spuren der Herr der Ringe Triologie gestoßen sind, wollen wir nun die finale Schlüsselszene, den Aufstieg am Schicksalsberg, nachempfinden. Praktisch, dass dort einer der „Great Walks“ vorüber führt, der Northern Tongariro Circuit. So werden wir vier Tage um den Fuß des Mount Ngauruhoe herum Wandern und bei der „Tongarioro Alpine Crossing Passage“ bis fast zum Gipfel des Vulkans aufsteigen.
Der Vorteil des Circuits gegenüber der Tagestour über das Gebirge? Wesentlich weniger Wanderer auf den Wegen und ausgiebig Zeit die Szenerie zu genießen!

Mittlerweile sind wir ziemlich routiniert, wenn es darum geht die Tasche für mehrtägige Hikes zu packen. Überflüssige Ausrüstung wurde bereits identifiziert und im Voraus zurück gelassen. Ebenso schnell steht die Einkaufsliste bezüglich Verpflegung und während Deborah die Einkäufe erledigt, nehme ich ein kleines Nebenprojekt in Angriff, das mir schon länger im Kopf herum geistert. Es ist schön und gut, dass wir sämtliches Koch- und Camping-Equipment von der Vorbesitzerin des Autos übernehmen konnten, doch bei all den Kisten und Töpfen, Taschen und Rucksäcken, dem Essen und den Isomatten fällt es immer schwieriger Ordnung im Kofferraum zu halten. Muss man an etwas dran, gilt es zunächst hunderte andere Dinge auf Seite zu räumen und diese mehr oder weniger ordentlich wieder hinein zu stopfen. Das Ganze funktioniert zwei bis drei Tage und das Chaos ist perfekt. Eigentlich wollten wir kein zusätzliches Geld ins Auto investieren, da es uns nur eine begrenzte Zeit begleiten wird, doch die Nerven, die man sparen kann sind unbezahlbar und überhaupt geht es mir mehr um das Projekt und die Bastlerei, wie um den finanziellen Nutzen. Also den gesamten Kofferraum ausräumen, Stauraum sowie alle Kisten und Boxen vermessen, die Ideen aufs Papier bringen und nach und nach wird aus dem Hirngespinnst eine doch recht ansehnliche Skizze. Bis zur tatsächlichen Umsetzung muss ich mich jedoch noch ein wenig gedulden, da für den morgigen Tag die Wanderung durch den Tongariro National Park, oder besser gesagt durch Mordor bevor steht.

Am Abend lernen wir auf dem Campingplatz drei Mädels aus Deutschland kennen, mit denen wir noch lange zusammen sitzen. Wir erzählen ihnen von unseren Plänen und davon, dass wir am nächsten Morgen in aller Frühe aufbrechen möchten.

 

Halb 9 – war wohl nicht die beste Idee von mir keinen Wecker zu stellen. Jetzt brauchen wir uns auch keinen Stress mehr zu machen.
Am Nationalpark angekommen tragen wir uns in die Trekkingliste ein und sehen, dass lediglich drei Leute vor uns gestartet sind. Scheint sich wohl niemand verrückt zu machen denke ich mir und so starten wir ganz gemütlich in die erste Etappe, einer leichten Wanderung über 9,8 Kilometer. Der Weg ist recht gut in Schuss und neben einigen Aufs und Abs bietet er keinerlei Herausforderungen. Nach dem ersten Kilometer hat man sich bereits wieder an den großen Rucksack gewöhnt und man verfällt in eine ähnliche Routine wie in Patagonien. Glücklicherweise verschonen uns immer wieder vorüberziehende Wolken vor der erbarmungslosen Sonne und so bahnen wir uns den Weg durch die endlosen Ebenen, umgeben von lila blühenden Blumen und hüfthohen Sträuchern und Gräsern. Vor uns liegt der Ngauruhoe, der in seiner Form einen perfekten Vulkankegel abgibt, hinter uns der Mount Ruapehu mit seinem vom Schnee und Eis bedeckten Gipfeln.

Nach knapp drei Stunden erreichen wir bereits die erste Hütte, an die unser Campingplatz angeschlossen ist. Sie verfügt neben allen nötigen Küchen- und Kochutensilien über einen atemberaubenden Blick auf den noch wolkenverhangenen Schicksalsberg. Hier lernen wir die beiden Deutschen Simon und Mareike kennen, die uns auf dem Weg zur Hütte bereits häufiger begegneten. Hätte mir zuvor jemand gesagt, dass sich Bayern und Franken vertragen, hätte ich ihn für verrückt erklärt, doch es scheint zu funktionieren, wie die beiden beweisen.

Am Abend schließt der zuständige Ranger mit dem täglichen Rangertalk die Runde. „Hey ich bin Sam und ich bin kein Hobbit.“ Er weist uns auf die Risiken des Gebiets hin und wie man sich beim Eintreten einer solchen Krisensituation zu verhalten hat. Ein komisches Gefühl, wenn man sich mal überlegt wo man sich gerade befindet. In unmittelbarer Nähe dreier mehr oder weniger aktiver Vulkane. Der letzte Ausbruch liegt nicht mal sieben Jahre zurück und rein theoretisch könnte es jeder Zeit wieder passieren.
Im warmen Abendlicht zeigt sich der Ort noch einmal von seiner schönsten Seite. Goldgelb leuchtet das Gras und hin und wieder ragt die Spitze eines Zeltes heraus. In der Ferne verschwindet die Sonne hinter der Silhouette des Mt Egmonts oder mittlerweile Mt Taranaki, dem zweithöchsten Berg der Nordinsel.

Am nächsten Morgen starten wir dieses Mal wirklich früh, um dem Andrang der Tagesausflügler zu entgehen. Das Highlight des Treks steht bevor: das Tongariro Crossing. Hastig das noch triefnasse Zelt zusammen gepackt und schon kann es los gehen. Es ist noch eisig kalt und der kühle Wind beißt auf der Haut – keine Wolke am Himmel und so lässt sich die Milchstraße am funkelden Himmelzelt erkennen. Die Gestirne wirken hier ohnehin wesentlich heller als zu Hause und so können wir bei fast Vollmond auf die Stirnlampen verzichten. Eine Stunde leichter Spaziergang, gefolgt von circa zwei Stunden Aufstieg liegen vor uns. Auf halbem Weg sind die ersten Sonnenstrahlen auf der gegenüberliegenden Seite des Gebirges zu erahnen und der Horizont färbt sich in den schönsten Rosatönen. Was ein Ausblick in die Täler hinunter! Es ist mittlerweile sechs Uhr und zwei kleinere Gruppen haben zu uns aufgeschlossen. Mit leichtem Gepäck sind sie ohnehin schneller unterwegs und so lassen wir sie passieren. Zu meiner Überraschung vergrößert sich ihr Vorsprung jedoch nur extrem langsam.

Am Gipfel angekommen peitscht uns ein starker, kalter Wind entgegen, der ganz schön an den großen Rucksäcken zerrt. Die Sonne ist vor einer knappen Stunde aufgegangen und wärmt die verfrorene Haut. Zu unseren Füßen liegen die in kräftigen Blautönen schimmernden Emerald Lakes und der große Blue Lake in der Ferne. Der Blick zur Rechten enthüllt den Red Crater, der wie der Name schon sagt in tief dunklem Rot schimmert und hinter uns liegt der Ngauruhoe, mit seiner imposanten roten Spitze. Insgesamt sind geschätzt noch etwa zehn andere Leute vor Ort. Wow!

Der Abstieg zu den besagten Seen ist im Gegensatz zum Weg hinauf weniger spaßig. Feines, loses Geröll so weit das Auge reicht. Bei jedem Schritt gilt es die Balance zu halten, was der große Rucksack nicht gerade erleichtert.
Unten angekommen genießen wir die Stille an den Emerald Lakes, bis nach und nach Schwärme von Tagesausflüglern eintreffen. Wie eine Armee von Ameisen klettern sie den Geröllhang hinunter, mit ihnen eine unangenehm laute Geräuschkulisse – höchste Zeit für uns weiter zu ziehen.

Nach einer weiteren Stunde Abstieg erreichen wir unser zweites Lager, die Oturere Hütte. Es ist noch früh am Tag und theoretisch könnten wir noch weiter zur nächsten Hütte gehen, doch wieso den Stress machen? Der Campingplatz ist ohnehin gebucht und ein kleiner Wasserfall in der Nähe ist eine ansprechende Belohnung für den Marsch. In kleinen Staubecken sammelt sich das Wasser, bis es schließlich an der hinteren Kante in die Tiefe stürzt. Wie in einem natürlichen Infinity-Pool sitzen wir im kühlen Nass und reiben uns den trockenen Staub von der Haut. Ein würdiger Tagesabschluss, der von einem spektakulären Sonnenuntergang hinter dem Mount Ngauruhe gekrönt wird.

Für den dritten Tag unseres Hikes steht nur eine kurze Verbindungsetappe an, die wir zusammen mit Simon und Mareike antreten. Nach einem ausgiebigen Frühstück warten wir darauf, dass das Zelt vollständig getrocknet ist bevor wir uns auf den Weg machen. Das Wetter ist wieder einmal optimal. Eine dünne Wolkendecke hält die Hitze ab und so kommen wir schnell voran. Wir unterhalten uns, tauschen unsere Erlebnisse aus und erfahren, dass die beiden auch schon seit einigen Monaten unterwegs sind. Ihre Route scheint jedoch etwas untypischer zu sein, startend in der Mongolei, was die Unterhaltungen jedoch umso erfrischender gestaltet. Wir verstehen uns blendend und so erreichen wir ehe wir uns versehen die letzte Unterkunft. Eine riesige Hütte mit zwei großen Panoramafenstern auf die Vulkane Ruapehu und Ngauruhoe. Im großen Aufenthaltsraum sitzen wir noch eine Weile zusammen, teilen Erfahrungen und Tipps und erhalten die ein oder andere hilfreiche Info für unsere bevorstehende Zeit auf der Südinsel. Das Wetter sieht mittlerweile wenig einladend aus. Leichter Nieselregen, es ist eisig kalt und dicke Wolken verhängen die Berge. Nichts wie ab ins Zelt!

Kaum den Reisverschluss des Zelts geöffnet, beginnt der leichte Regen erneut. Schnell alles zusammen packen, bevor es wieder nass wird. Die Anderen haben sich bereits am Frühstückstisch eingefunden. Zusammen mit Mareike und Simon sowie Lucia und Simon, die wir in den Vortagen immer wieder antrafen, machen wir uns auf den Weg der letzten Etappe. Diese ist nicht besonders anspruchsvoll, sondern zieht sich lediglich über fünf Stunden. Glücklicherweise zeigt sich jedoch mittlerweile die Sonne und die dichte Wolkendecke weicht einem strahlend blauen Himmel. Unterwegs passieren wir die historische Hütte Waihohonu, die als älteste ihrer Art gilt und bereits Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von abenteuerlustigen Skifahrern genutzt wurde. Mit 22 Betten, unterteilt in je einem Quartier für Männer und Frauen, fällt sie recht klein aus und verfügt neben dem Ofen für die Männer und einem Spiegel für die Frauen nur über die aller nötigste Ausstattung. Bilder und Infotafeln illustrieren, wie es hier einst aussah. Da haben wir es in unserem Zelt ja gemütlicher.

Ein weiterer Sidetrek für heute führt uns zu den Bluelakes. Den Umweg von fünf Kilometern nehmen wir gerne in Kauf, da der belohnende Ausblick für mehr als beeindruckend gilt. Doch diesen gilt es sich zunächst erst zu verdienen. Eine extrem rutschige Geröllpassage führt steil den Berg hinauf, zum besagten Aussichtspunkt. Fast am Ziel angelangt gilt es einen letzten Kamm zu überqueren, der aus eine Szene aus der Herr der Ringe Triologie erinnert. Um uns herum die Berge, hinter uns ein weiter Blick ins Tal.
Oben angelangt zeigen sich der Upper- und Lowerlake von ihrer besten Seite. In intensivem Blau schimmert die Wasseroberfläche und hebt sich toll von der sonst kargen Landschaft ab.

Der restliche Weg zieht sich ein wenig durch immer wiederkehrende Hügel und Täler. Die Schultern sind mittlerweile schwer und wir freuen uns alle auf ein wohl verdientes Feierabendbier.


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