aus der Sicht von Max

Schlürp, Schlürp – die Gummistiefel stecken fast bis zur Oberkante im Schlamm und sind nur noch mit Müh und Not aus dem Sumpf zu befreien. Trotzdem gilt es, sich so leise wie möglich zu bewegen, um die Tiere nicht zu verschrecken. Plötzlich schnellt die Hand unseres Guides in die Höhe und bedeutet uns, sich keinen Schritt weiter zu bewegen. Wir halten den Atem an und versuchen seine Blicke zu deuten. Er hat etwas entdeckt …

Doch der Reihe nach … um fünf Uhr morgens macht sich unsere Gruppe auf den zwölfstündigen Weg in Richtung des Reservats. Ein kleiner Bus bringt uns zunächst nach Nauta, einer Stadt südlich von Iquitos, von wo aus wir auf das allseits bekannte Rapido umsteigen. Diese sind hier das übliche Verkehrsmittel für geschäftlich Reisende und die etwas besser Verdienenden.
Kräftig bläßt der Wind durch die offene Einstiegsluke hindurch und hin und wieder spritzt ein wenig der aufschäumenden Wassermassen zum Fenster hinein. Mit einem halsbrecherischen Tempo rast das Boot den Fluss hinunter, den Bug steil in die Luft gerichtet, die großen Motoren fast vollständig im Wasser. Der Kapitän weicht in gewagten Manövern dem Treibgut aus, ohne auch nur an ein Verringern der Geschwindigkeit zu denken. „Sie werden schon wissen was sie tun“, denke ich mir und döse ein wenig vor mich hin.
Ein lauter Knall lässt mich aufschrecken. Die Geschwindigkeit reduziert sich schlagartig, bis das Schiff schließlich zum Stillstand kommt. Wir sind mit einem größeren Stamm kollidiert, der den Motor scheinbar ernsthaft beschädigte.
Als der Kapitän das rettende Ufer ansteuert wird uns klar, dass die heutige Ankunft gefährdet ist.
Entschlossen springt die Besatzung ins hüfttiefe, trübe Wasser hinein und beginnt noch vor Ort mit der Reparatur. Nach einer halben Stunde kehren sie, durchnässt von Kopf bis Fuß, zurück und wir setzen die Fahrt mit halber Kraft fort – im Dschungel sollte man Zeit haben.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir die Stadt Requena am frühen Nachmittag, wo uns bereits der Besitzer des Reserves, und gleichzeitig Guide für die kommenden Tage, beim Mittagessen erwartet. Murilo, alias Katoo, ein Visionär, der alles in seinem Leben zurück gelassen hat, um seinen Traum eines geschützten Raumes für die heimische Flora und Fauna zu verwirklichen.
Mit dem Privatboot geht es für vier Stunden weiter und immer tiefer in den Urwald hinein. Die Vegetation wird zunehmend dichter und belebter, als die ersten grauen Delphine uns bei Ankunft ins Reserve begrüßen. Nur der kleine schwimmende Steg lässt die gut versteckte Lodge erahnen. Die Holzhütten passen sich mit ihren Palmdächern optimal der Umgebung an, sodass es wie ein Teil des Urwaldes wirkt.

Ein wenig geschlaucht von der langen Anreise geht es gleich nach dem Abendessen ins Bett, denn für die kommenden Tage heißt es: „Der Frühe Vogel fängt den Wurm“, um fünf Uhr wird gefrühstückt, um gleich danach in den Dschungel aufzubrechen.
Erst als wir zur Ruhe kommen können wir es so richtig glauben. Noch vor vier Wochen saßen wir in Los Angeles am Flughafen und verwarfen die gesamte Planung, nur um in das noch in ewiger Ferne liegende Tapiche Reserve zu fahren und jetzt sind wir hier – in Mitten des peruanischen Regenwaldes. Alles um einen herum zwitschert, pfeift und zirpt und durch die dünnen Fliegengitter kommt es uns vor, als würden wir im Freien schlafen.

Das frühe Aufstehen fällt hier nicht besonders schwer. Es ist bereits leicht am dämmern und die Vögel wecken mich noch meist vor dem Handy.
Nach dem Frühstück brechen wir sofort auf, um den Tag optimal nutzen zu können und weil zu dieser Zeit die Tiere noch am aktivsten sind.
Mit dem Boot geht es eine Weile den Fluss entlang, bis Murilo einen geeigneten Einstieg in den Urwald erspäht. Die Machete gräbt sich durch das dichte Schilf und bahnt uns den Weg, die Uferböschung hinauf. Einige kurze Tipps, wie man sich am besten lautlos mit den Gummistiefeln bewegt und schon kann es los gehen.
Lautlos, oder so gut es eben geht, schleichen wir eng hintereinander durch die dicht bewachsene Vegetation hindurch. Es dauert nich lange, bis unser Guide eine Spur aufnimmt. „Im Dschungel sieht man nicht mit den Augen, sondern mit den Ohren.“ Ich versuche es ihm nach zu tun, doch für mein ungeschultes Gehör wirkt es wie ein wirres Durcheinander von Vogelgezwitscher, das immer wieder von den dicht am Ohr fliegenden Moskitos überschattet wird. Er hingegen, erhört nicht nur die Spezies, sondern auch die Richtung und ungefähre Anzahl der Tiere, die Bewegungsrichtung sowie deren Aktivitäten – beeindruckend. Nicht weniger erstaunlich ist die Tatsache, dass er das riesige Gebiet wie seine Westentasche kennt und sich anhand verschiedener Bäume orientieren kann. Für uns Laien hingegen wirkt im dichten Gewächs alles irgendwie gleich.
Und so navigiert uns Murilo souverän zu den verschiedensten Primaten, Vögeln oder Reptilien.

Unter Anderem auch zu den roten Huakaris, einer Affenart, die als außerordentlich schreckhaft und gefährdet gilt und normalerweise nur schwer zu beobachten. Durch die Rodung der Waldflächen und Jagd wegen ihres Fleisches ziehen sich die Tiere ins geschützte Reserve zurück. Gleiches gilt für die Brüllaffen, bei denen es nach Eröffnung des Reserves drei Jahre dauerte, bis sie wieder einen ersten Laut von sich gaben, aus Angst vor den Jägern.
Jetzt nach acht Jahren des Schutzes, ist deren lautes Gebrüll bereits beim Frühstück zu vernehmen, ebenso das Geschrei der Totenkopfäffchen, die uns neugierig aus den Baumkronen beobachten.

In mühevoller Arbeit wurde ein 35-Meter hoher Aussichtsturm erbaut, der einen guten Ausblick auf die davor liegende Lagune mit samt ihren Bewohnern eröffnet. Er besteht vollständig aus am Boden zusammengesuchten Holz, sodass nicht ein einziger Baum für die Erbauung gefällt werden musste. Die wackligen Leitern vermitteln nur wenig das Gefühl von Sicherheit, doch der Mut hinaufzusteigen wird mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. Ein Großteil der unter uns liegenden Lagune ist mit Wasserlilien bedeckt. Dies resultierte aus der Überfischung des Gewässers, sodass es keinerlei Fressfeinde mehr gab und sich die Plfazen frei ausbreiten konnten. Doch wie uns Murilo erklärt, konnte bereits teilweise das ursprüngliche Gleichgewicht wieder hergestellt werden. Durch Aussetzen von über 5000 Schildkröten, über die Jahre hinweg, sind wieder offene Flecken Wasser zu erkennen. Bis sich die fleißigen Helfer jedoch vollständig „durchgefressen“ haben, werden noch einige Jahre vergehen.
Mit einem kleinen Motorboot bahnen wir uns den Weg durch die dichten Seepflanzen hindurch. Immer wieder reicht die Kraft des Motores nicht aus, sodass wir uns mit Stöcken und Padeln durch die widerspinstigen Pflanzen hindurch drücken und schieben müssen. Eine ganz schön anstrengende Tätigkeit in der prallen Mittagssonne. Doch mit geeinten Kräften schaffen wir es hindurch, auf offenes Gewässer. Die sich hier jährlich versammelnden weißen Reiher begleiten uns auf dem Weg durch die Lagune.

Neben den Wanderungen am Morgen und Vormittag stehen Bootsfahrten für die Nachmittage auf dem Programm. Da die Tiere sich um diese Zeit häufig in die Baumkronen zurückziehen, sind sie vom Boot aus leichter zu entdecken. Graue und pinke Flussdelphine sind dabei häufige Weggefährten, sowie der aufziehende Regen. Angenehm prasselt er auf uns nieder, kühlt den Körper und wäscht den Schweiß von der Haut.
Die Abende in der Lodge fallen nur kurz aus, denn jeder ist von den langen Märschen und dem frühen Aufstehen geschlaucht und so geht es meist müde aber glücklich bei Einbruch der Dunkelheit in die Betten.

Das Tapiche Reserve ist leider Einziges seiner Art in der Region, da die Regierung und die Bevölkerung nur wenig Wert auf den Naturschutz legen. Doch Murilo gibt trotz aller erlebter Rückschläge nicht auf – Ein bewundernswerter Mensch, der alles in seiner Heimat zurück ließ und sein Leben komplett dem Schützen der Natur verschrieben hat.

Kategorien: Südamerika

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