aus der Sicht von Deborah

Das Erste, was mir beim Stichwort Australien in den Sinn kommt ist ein Bild des Ayers Rocks, welches bei meinem Patenonkel Paul im Wohnzimmer hängt und ein kleiner Klammerkoala, den er mir damals von seiner Reise zum roten Kontinent mitgebracht hatte. Heute, aus einer „erwachseneren“ Sicht ist das Erste was mir dazu einfällt ein Haufen giftiger Tiere, die es darauf abgesehen haben einen umzubringen und die Lastwagen mit Überlänge, die über die staubigen, roten Pisten des Outbacks brettern. Und trotzdem reizt es mich dieses Land, oder zumindest einen kleinen Teil davon (soviel, wie man eben in vier Wochen von einem Land dieser Größe sehen kann) zu bereisen. Ein neues Abenteuer wartet auf uns und ich bin mehr als bereit!

Nach einem viereinhalb-stündigen Flug, den ich zu 90% verschlafen habe, kommen wir schließlich in Melbourne an. Die Zeitverschiebung von den neuseeländischen zwölf Stunden beträgt jetzt nur noch neun, was die Umrechnung wieder etwas schwieriger macht. Nachdem wir unser Mietauto für dir nächsten vier Wochen abgeholt haben starten wir in Richtung des Nachtquatiers für die erste Nacht auf dem neuen Kontinent. Ein Campingplatz der zwar knapp 30 Kilometer außerhalb des Stadtkerns gelegen ist, dafür aber auch kostenlos. Nach einiger Zeit refkletiert am Straßenrand eines dieser bekannten, gelben Warnschilder: „Achtung Känguru kreuzt die Straße!“, wie man sie von den Grußkarten aus Australien kennt. Entgegengesetzt unserer Erwartungen dauerte es wirklich keine fünf Minuten und das erste Tier hüpfte wie selbstverständlich über die Fahrbahn. Da schluckt man erst mal teils aus Schrecken, teils aus Faszination – wir sind noch keine 24 Stunden auf diesem Kontinent und haben gerade wirklich ein Känguru in voller Lebensgröße gesehen – Wahnsinn. Doch es sollte nicht das Einzige bleiben, fast im Minutentakt huscht, funkelt oder springt etwas im Gebüsch was das Autofahren für Tobi nicht gerade einfacher macht. Das nächste Hindernis, ein Wombat der ganz gemächlich über die Fahrbahn trottet. Ich fühle mich als seien wir auf einer ungeplanten Nachtsafari unterwegs. Dann schließich erreichen wir den angesteuerten Campingplatz. Hier draußen ist es still, es liegt ein intensiver Duft von Eukalyptus in der Luft und zwischen den buschigen Baumkronen der hohen Bäume zeigt sich uns ein klarer Sternenhimmel. Willkommen im echten Australien!

Am nächsten Morgen ziehen wir los um die Stadt zu erkunden. Obwohl wir uns in der zweitgrößten Stadt Australiens befinden, fühlt es sich nicht so an. Trotz der vielen Menschen verspüre ich keine Hektik oder Eile. Eine Straßenmusikerin zieht uns in ihren Bann und so bleiben wir eine ganze Weile auf den breiten Stufen eines großen Eingangsportal sitzen und lassen das Leben der Stadt an uns vorbei ziehen. Auf der Suche nach einem Touristeninformationsschalter landen wir in einer prunkvollen Minigallerie. Die hier ansässigen Läden sind klein und ausgefallen, wie etwa ein Magiergeschäft, Handarbeitsläden und diese „Dies-und-das- Geschäfte“, die immer einen Besuch lohnen.

Melbourne gehört zu DEN Städten schlecht hin, wenn es um Streetart geht. So machen wir uns auf den Weg, um neben den Kunstwerken auch noch die Stadt an sich etwas besser kennen lernen. Die sogenannten Lanes, in denen sich die Graffitis befinden sind kleine Gässchen oft Hinterhöfe, die einen etwas schmuddeligen und zwielichtigen Eindruck machen. Doch hinter jeder Ecke und an allen Hausfronten gibt es etwas zu sehen und während man so durch die kleinen, unbefahrenen Sträßchen schlendert, wirken sie auf einmal ganz anders. Die Motive reichen von kleinen, auf den ersten Blick kaum wahrnehmbaren Randzeichnungen bis hin zu Werken die ganze Wände einnehmen. Ob lustig, albern, provokant oder zum Nachdenken anregend – hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.

Eine der wohl bekanntesten ist die ACDC – Lane, die nach der gleichnamigen australischen, weltberühmten Rockband benannt wurde.

Auf einer Strecke von über drei Kilometern kann die Straßenkunst der Stadt bewundert werden, davon auch eine Straße die ein von Kindern und Angehörigen kreiiertes Kriegerdenkmal, in Form von mosaikartigen Tongebilden zeigt.

Wie ein Wimmelsuchbild sieht man wahrscheinlich bei jeder Tour die man macht andere Details, die einem vielleicht vorher garnicht aufgefallen sind und jedes Abbiegen vom Getümmel der Hauptstraßen zu diesen „lebendigen Leinwänden“ nimmt einen kurz mit auf eine Reise in die eigene Phantasie.

Auch wenn man sich das heutzutage nur noch schwer vorstellen kann,  hat Melbourne auch eine eher dunkle Vergangenheit – Das Old Melbourne Gaol. In diesem Gefängnis erhielten während der Zeit, in der es betrieben wurde, 135 Häftlinge die Todesstrafe und wurden kaltblütig gehängt. Unter ihnen waren so wohl Insassen, die zum Absitzen ihrer Langzeitstrafen hier her gebracht wurden wie auch solche die sich hier vor Ort etwas zu Schulden kommen ließen. Das Verrückte an den Gebäudeüberbleibseln? Anders als bei den meisten Museen, die etwas ausgelagert liegen wurde das Gefängnis einfach ins Stadtbild integriert in dem beispielsweise der einstige Gefängnishof jetzt von der hiesigen Universität als Aufenthaltsbereich für Pausen genutzt wird.

Unsere Tour startet mit dem ehemaligen Watchhaus der Polizei. Vergleichbar mit einer Untersuchungshaft wurden Inhaftierte hier nur für einen gewissen Zeitraum eingesperrt bis sie entweder ihre Anhörung vor dem Gericht hatten oder wegen kleineren Delikten wieder entlassen wurden. Um dieses Erlebnis so authentisch wie möglich zu gestalten ist es ein Sergeant der uns, die heutigen Besucher des Gaols, wegen schwerer Vergehen inhaftiert. Nachdem wir uns nach Männern und Frauen getrennt an den Flurwänden aufstellen mussten, werden Personalien und Anklagen notiert und so die eigentlichen Information über die Strafanstalt mit schauspielerischem Können untermalt. Anschließend werden wir für einige Minuten in unsere Zellen gesperrt, worauf es eine kurze Auszeit mit Infos im „Außenbereich“ folgt. Nach der Besichtigung des Panikraumes und der Anfertigung der Täterkateibilder endet die Tour mit einem Informationsraum über den sogenannten Russell Street Anschlag, der von Polizeigegner durch zwei explodierende Autos ausgeübt wurde und neben 22 Verletzten eine junge Kommissarin das Leben kostete.
Mit der feierlichen Verkündigung, dass unsere Anklagen fallen gelassen wurden und er hoffe uns nie wieder hier zu sehen verabschiedet sich der „Polizeibeamte“ mit einem Zwinkern von uns.

Der ursprüngliche Zellenblock wurde in ein Museum über zwei Stockwerke verwandelt. Im Erdgeschoss wird in den einzelnen Zellen über interessante Täterprofile berichtet sowie über erste Versuche der Kriminalanalyse und das Prinzip der völligen Isolation, nach der das Gefängnis arbeitete.
Eine der wohl bekanntesten Geschichten ist die des Bushrangers Ned Kelly und seiner Gang. Er wurde von der damaligen Bevölkerung wie ein Freiheitskämpfer gefeiert und bekannt durch seine „Ritterrüstungen“, die die Gang trug seitdem ein Kopfgeld auf die Crew ausgesetzt wurde.
Im zweiten Stockwerk befindet sich eine nachgebaute Galgenapparatur sowie einige Profile der Henker. Oft waren die, die dieses Amt Inne hatten selbst Inhaftierte und nahmen die „präzise Tötung“ kaltblütig und völlig skrupellos vor. Die Hängung war eine Art öffentliches Spektakel, dass sich in der Bevölkerung großer Beliebtheit freute. Erst später wurde die Todesstrafe hinter den Gefängnismauern vollzogen, wie auch die Beisetzung der Toten.

Seit den 1850er Jahren hat der Queen Victoria Market hier in Melbourne seinen Platz und ist bis heute einer der größten Freiluftmärkte der südlichen Hemisphere. Vier mal in der Woche gibt es hier alles, was das Herz begehrt. Die Stände erstrecken sich über eine Straße hinweg und sind übersichtlich unterteilt. Von Gemüse und Obsthändlern über Anbieter von Fleisch und Fisch bis hin zu Feinschmeckerständen und Bäckereien ist alles dabei.  Aber auch Kleider, Handarbeiten und Kuriositäten sind hier in Hülle und Fülle zu finden. Einheimische, die ihre Wocheneinkäufe erledigen mischen sich mit Touristen die über das Marktgelände schlendern und jeder kann die hier herrschende Atmosphäre auf seine Art und Weise genießen.


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