aus der Sicht von Max

„Schon fast zu sauber für Asien“, „extrem teuer!“ – für mich sehe ich bei dem Gedanken an die Beschreibungen der anderen Reisenden das „Luxemburg Asiens“ vor mir. Ich bin gespannt, als wir die Passkontrolle am Flughafen hinter uns lassen und wir den ersten Schritt im neuen Land setzen. Ein überdimensionales Schild mit Aufschrift „I LOVE SP“ begrüßt uns gleich beim Betreten der Lobby. Der Weg zum Shuttle Bus ist gut ausgezeichnet und so dauert es keine zwei Minuten, bis wir bereits in Richtung U-Bahn fahren. Für kleines Geld bekommt man dort einen Touristenpass, mit dem wir die folgenden drei Tage unbegrenzt die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können – soweit so gut. Die Züge sind extrem gut in Schuss, sehr modern und sich hier zu verlaufen, oder verloren zu gehen ist dank der übersichtlichen Fahrpläne und Beschilderungen nahezu unmöglich. Die Bahnen fahren ungefähr alle zwei Minuten und so kann man sich problemlos und völlig stressfrei durch die Stadt bewegen, ohne dabei viel Zeit zu verlieren. Ich bin jetzt schon begeistert, obwohl wir lediglich den Untergrund der Stadt gesehen haben.

Am Hostel angekommen erwartet uns bereits ein bekanntes Gesicht in der Lobby. Tobi, der die vergangenen drei Wochen in Malaysia unterwegs war ist ebenfalls heute in Singapur angekommen und wird uns die kommenden drei Tage durch die Stadt begleiten, bevor sich unsere Wege wieder vorläufig trennen werden. Es gibt viele Stories von den vergangenen Wochen zu erzählen, ein Plan für die Stadt muss ausgearbeitet werden und zu beißen haben wir seit heute Morgen auch nichts mehr bekommen. Also raus auf die Straßen und eine der kleinen Küchen hier in Little India ansteuern. Bei kalten Getränken und frischem Curry tauschen wir uns aus und genießen die Ruhe der Stadt. Die Ruhe der Stadt? Richtig gehört! Obwohl hier in Singapur über fünf-einhalb Millionen Menschen auf recht engem Raum zusammen leben, wirkt alles hier sehr entspannt auf uns. Die Straße, in der unser Hostel liegt erinnert eher an einen verkehrsberuhigten Bereich, als an eine hektische Verkehrsader in Mitten der Stadt. Es gibt genügend Parkplätze, man kann selbst vierspurige Straßen problemlos überqueren und gehupt wird hier auch nicht. Dafür gibt es mit Sicherheit ein Verbot, denn wie selbst die Einheimischen scherzeln: „In Singapur gibt es für alles ein Verbotsschild.“ So fallen unter anderem saftige Strafen an für Spucken, öffentliches Urinieren, den Besitz der Stinkfrucht „Durian“ und sogar dem Kauen von Kaugummi. Ab 500$ ist so ziemlich für jeden etwas dabei.

Da es viel zu sehen gibt und wir nur vergleichsweise wenig Zeit haben, machen wir uns noch am selben Abend auf den Weg zum „Duxon @ Pinnacle“, einem doch etwas gehobenerem Wohnkomplex, mit einer Dachterrasse im 56. Stock. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, den offiziellen Besuchereingang in einem der insgesamt fünf oder sechs Gebäude, mit jeweils einer Bevölkerung, die einem ganzen Dorf in unserer Heimat entspräche, zu finden, bringt uns der Fahrstuhl hinauf. Ein angenehm warmer Wind, ähnlich wie damals auf unserer Terrasse am Pool in Miami, weht uns entgegen. Um uns herum funkeln die Lichter der Stadt, in der Ferne ist der Hafen zu erkennen und Hochhäuser, die dieses in Größe und Prunk noch weit übertreffen.
Anders als erwartet sind wir fast alleine hier oben. Nur vereinzelt sitzen Anwohner oder Gäste in einer der gemütlichen Sitzecken, oder in einem der Miniparks auf dem Dach. Die gesamte Anlage ist, wie soll man es anders von Singapur erwarten, extrem gepflegt und einladend. Es liegt eine angenehme Stille in der Luft und der Verkehr, den man von hier gut beobachten kann, scheint problemlos zu fließen. Nicht ein einziger Stau ist zu erkennen und das trotz der hohen Einwohnerzahl. Kein Wunder bei der perfekt funktionierenden U-Bahn, von der ich immer wieder aufs Neue hell auf begeistert bin. Die anderen beiden können ihre Emotionen bezüglich des öffentlichen Personennahverkehrs nicht so zeigen, was meine Freude aber nicht schmälert! Manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die mich begeistern, wie beispielsweise die Pünktlichkeit der Bahn in Indonesien, ein Teller Nudeln oder eben das U-Bahnsystem in Singapur.

Im Handumdrehen befinden wir uns am anderen Ende der Stadt, dem Viertel Clarke Quay, das für sein Nachtleben und die vielen Bars bekannt ist. Unter Anderem auch für den „Beermarket“, dem Ort an dem es angeblich das günstigste Bier in Singapur gibt. Das Wiedersehen mit Tobi sollte wohl Grund genug sein, um mit einem kühlen Bier anzustoßen, oder zwei, oder drei …. Zu unserer Enttäuschung gibt es den Beermarket nicht mehr, stattdessen nennt ein anderes Lokal das Gemäuer sein Eigen. Bereits die Lobby schreckt uns ab und wie vermutet sind die saftigen Preise wenig einladend. Wieder draußen auf der Straße zieht eine Werbetafel unsere Aufmerksamkeit auf sich. „Frauen trinken aufs Haus“ – wenn das mal keine Einladung ist. Außerdem gibt es zur Happy Hour zwei Bier zum Preis von einem, sodass der immer noch recht hohe Preis für das eine Bier zu verkraften ist – sofern Deborah ausreichend trinkt.  Was gibt es Passenderes als ein Paulaner Hefeweizen im Herzen Singapurs?

Der zweite Tag ist bereits angebrochen, der Frühstückstisch mit geschlagenen acht Stühlen und einem vierspurigen Toaster ist wohl an sich eine nette Idee gewesen, sofern man bis zu acht Personen beherbergt. Bei geschätzt circa 60 Gästen wird jedoch aus dem gemütlichen Frühstück eher Mord und Totschlag. Also zwei Scheiben ungetoastetes Weißbrot im Stehen und schon kann es weiter gehen. Im Herzen der Stadt liegt der Sri Mariamman Tempel. Eine hinduistische Anbetungsstätte im Herzen Chinatowns. Die bunten Skulpturen, die seine Dächer zieren, geben ein skurriles Bild ab, mit den Hochhäusern im Hintergrund.
Das Viertel selbst lädt, wie so oft in Chinatown, zum Schlemmen und Schlendern ein. Unschlagbar günstige und überraschend gute Nudeln, die wie immer begehrten Postkarten und Flaggen-Patches für Deborahs Rucksack und Unmengen an Artikeln und Gadgets, die die Welt zwar nicht brauch aber dennoch irgendwie lustig sind.

Eine tatsächliche Bereicherung für die Welt soll hingegen der berühmte, zugegebener Maßen für mich unbekannte, Tigerbalsam, der von den Brüdern Boon hier in Singapur industriell hergestellt wurde, sein. Dieses kleine Wundermittelchen soll bei richtiger Anwendung gegen Mückenstiche, Erkältungsbeschwerden und Muskelschmerzen sowie Prellungen helfen. Es wäre auf jeden Fall nicht das erste Mal, dass ich von einer solchen Salbe auf unserer Reise positiv überrascht würde. Heute ist auf dem Anwesen der Brüder eine etwas seltsame Ausstellung anzutreffen. Auf dem Gelände finden sich über 1000 verschiede Statuen aus der Chinesischen Mythologie, Legenden und der Märchenwelt. Unter Anderem ist auch mehr als anschaulich die Sonderbehandlung von Sündern in der Hölle dargestellt. Passend für jeden Fehltritt erwartet den Angeklagten eine extrem brutale Strafe. Ob die Darstellungen für Kinder geeignet sind – darüber lässt sich wohl streiten. Dem Blutdurst sind hier jedenfalls keine Grenzen gesetzt.

Am Nachmittag machen wir uns auf den Weg nach Marina Bay, wo wohl eines der die Skyline am stärksten prägendes Gebäude der Stadt in den Himmel ragt – das Marina Bay Sands. Ein Hotelkomplex, bestehend aus jeweils drei an sich schon beeindruckenden Hochhäusern, die von einer Art Schiff verbunden werden. Ein Schiff? Ja genau! Auf den Dächern der Hochhäuser befindet sich ein insgesamt 340 Meter langes Gebilde, das von der Form doch schon sehr stark an ein ausgewachsenes Schiff erinnert.
Als wäre das Bauwerk nicht schon imposant genug, findet hier, ähnlich wie vor dem Bellagio in Las Vegas, jeden Abend eine Wassershow statt, die mit Laser- und Musikeffekten untermalt wird. Wir genießen den Nachmittag in einem der vielen Parks in unmittelbarer Nähe des Hafenbeckens, trinken Kaffee und warten auf den Beginn der Show.

Immer mehr Schaulustige versammeln sich um die Sitzgelegenheiten am „Merlion“, dem Wahrzeichen Singapurs. Eine Statue, halb Garnele halb Löwe, die hier über das Becken wacht. Der acht-einhalb Meter Hohe Gigant steht symbolisch mit seiner unteren Hälfte, der Garnele, für die Armut unter der dieses kleine Fischerdorf einst litt, und dem Löwen, der die Stärke und den Reichtum des heutigen Singapurs, was übersetzt auch „Löwenstadt“ bedeutet. Mit der Kamera in den Händen zählen wir die letzten Sekunden bis zum Start des Spektakels. Wegen der großen Entfernung zu den Lautsprechern auf der anderen Seite des Hafenbeckens erreichen uns Musik und Lichteffekte leider nicht hundert prozentig synchron, was den Wow-Effekt wohl minimal schmälert, wovon wir uns jedoch nicht stören lassen. Alles in allem ist die Show nett anzusehen und wir sind gespannt auf die Zweite, im „Gardens by the Bay“. Rein zeitlich könnte man von hier hinüber hetzen, um diese in genau einer Stunde zu sehen – was ich vor zehn Monaten auch definitiv getan hätte. Jetzt aber nach so langer Zeit unterwegs ist es mir endlich gelungen, eines meiner großen persönlichen Ziele für die Reise zu erreichen: den Moment zu genießen und zu erleben. Ich muss nicht mehr überall das perfekte Bild schießen, zur nächsten Station hetzen, aus Angst etwas verpassen zu können oder ständig irgendetwas planen. Die Zeiten in denen ich alles sehen musste, jeden Tag volles Programm und gedanklich immer einen Schritt voraus war sind vorbei. Mittlerweile kann ich einfach still sitzen, das Gesehene auf mich wirken lassen und den Moment erleben und für mich in Erinnerung halten – auch wenn es mir manchmal noch nicht leicht so fällt, aber ich arbeite daran. Umso erstaunter sind die beiden, als ich es bin, der die Idee, die zweite Show auf den morgigen Abend zu verschieben, sich ein wenig ans Hafenbecken zu setzen und die Skyline, die sich im Wasser spiegelt zu genießen, in den Raum wirft. Wieso auch eigentlich nicht – was bringt es einen Ort zu sehen, ohne ihn zu erleben. Und so sitzen wir noch eine Weile im Hafen, lauschen der Livemusik einiger Straßenkünstler in der Ferne und beenden den Abend gemütlich auf einem der lokalen Foodcourts.


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