aus der Sicht von Deborah

Die chilenische Grenzkontrolle verläuft um einiges entspannter als erwartet. Die Beamten stellen einige Fragen, unter anderem ob wir irgendwelche Tiere über die Landesgrenze bringen wollen und als Max lächelnd unseren Gorilla auspackt und spaßig angibt, dass dieser der einzige lebendige Passagier sei, lacht der Beamte herzlich und wir passieren die Kontrolle. Hektisch begibt sich jeder daran, das Gepäck, welches jetzt lose verstreut auf den Tischen liegt, wieder möglichst zügig in die großen Rucksäcke zu stopfen. Wir verlassen mit samt unseres Buses, das hangerartige Gebäude, in dem die Kontrollen stattfinden, und begeben uns schließlich auf chilenischen Boden.
Nach einer halben Stunde erreichen wir „San Pedro de Atacama“ und dass wir nun in der Atacamawüste angekommen sind wird bereits beim Aussteigen klar. Die mehrschichtigen Lagen, die uns am Morgen noch gegen die eisige Kälte schützten, können bei 35°C schnell abgelegt werden.
Zusammen mit Azad, der sich uns erneut angeschlossen hat, machen wir uns auf den Weg zum Hostel, wo wir den restlichen Tag verbringen, um uns erst einmal an den extremen Temperaturunterschied gewöhnen zu können.

Am nächsten Tag machen wir uns zu viert auf den Weg. Neben Azad begleitet uns Andy, der zusammen mit Max die Besteigung des Huayna Potosi in Angriff nahm. Da Chile leider ein sehr teures Reiseziel ist, es aber sehr viel zu sehen gibt, war in La Paz die Idee geboren, gemeinsam ein Auto zu mieten. Überraschend schnell und einfach ist alles bei der Autovermietung abgewickelt und bereits am nächsten Tag kann es los gehen.
Ein befreundetes Pärchen von Andy, Laura und Jack, schließen sich uns mit einem zweiten Pick up an. Die letzten Einkäufe werden getätigt und alles auf die Ladefläche unseres Geländewagens gepackt, dann kann es los gehen. Zunächst führt uns der Weg zu den „Piedras Rojas“, dem südlichsten Ziel unserer Tour. Bereits der Weg dort hin ist malerisch schön, mit dem flachen, steppenähnlichen Gelände und den Vulkanen dahinter, die immer wieder aus der Ebene herausragen. Am Ziel angekommen parken wir die Fahrzeuge und machen uns zu Fuß auf den Weg in das Naturschutzgebiet. Trotz einiger Wanderwege, die uns unsere Navigationsapp vorschlägt, kommt wie aus dem Nichts ein „Guide“ zwischen den Felsen hervorgehuscht, der uns darauf hinweist, dass es hier nicht gestattet ist zu wandern. Wir wollen uns mit unserem semiprofessionellen Spanisch aber auch nicht zwangsläufig mit ihm anlegen und entscheiden daher stattdessen am Straßenrand eine kleine Mittagspause mit Blick auf die roten Steine einzulegen. Der starke Wind, der über das Land fegt, macht es fast unmöglich das Essen auf dem Teller zu behalten.

Weiter geht es zur Lagune „Miscanti“, die nur über eine holprige Schotterpiste zu erreichen ist … wie gut, dass wir den Geländewagen haben! Doch der staubige Weg lohnt sich, denn bereits als wir zur Hälfte über die nächste Hügelkuppe sind, kann man schon die dahinter liegende Lagune sehen, die sich gut beschützt wie in einem Kessel vor uns erstreckt . Das Wasser ist tiefblau, der dahinter liegende Vulkan wirkt majestätischer denn je und außer dem pfeifenden Wind ist sonst nichts zu hören. Schwer vortsellbar, dass diese Steinriesen einmal unter lautem Brodeln und Blubbern, kochend heiße Lava speiten.

Langsam neigt sich der Tag dem Ende und es ist Zeit nach einem geeigneten Nachtlager Ausschau zu halten. Bereits auf dem Hinweg war uns ein kleiner Wald aufgefallen, dessen zahlreiche Lichtungen sich perfekt anbieten würden, um dort das Quartier aufzuschlagen. Zu unserer Überraschung ist das Kassenhäuschen nicht besetzt und so können wir kostenlos passieren. Schnell ist das perfekte Plätzchen gefunden und um es etwas gemütlicher zu machen und besser kommunizieren zu können, fahren wir die Pickups rückwärts mit den Ladeflächen dicht aneinander, sodass eine große Sitzfläche mit integriertem Tisch entsteht. Eigentlich hatten wir geplant das Zelt aufzuschlagen, doch da es sehr staubig ist und die Bäume nadelähnliche, hartnäckige Dornen abwerfen, die den ganzen Boden bedecken, beschließen wir mit unseren kuschlig, warmen Schlafsäcken einfach hinten im Auto unter dem Sternenhimmel zu schlafen. Und dieser enttäuscht uns nicht – eine wolkenklare, eiskalte Nacht lässt die Sterne scheinbar noch heller erstrahlen, als normal und es ist wunderschön!

Bereits mit den ersten Sonnenstrahlen werden wir wach, doch der Rest der Gruppe scheint noch tief und fest zu schlafen.
Nach und nach regt sich dann der ein oder andere und alle sind am fluchen, wie kalt es die Nacht über war, doch nach einem Müsli und einer Tasse Kaffee sieht die Welt schon wieder anders aus.
Wir sind startklar für ein nächstes Highlight. Wieder einmal geht es über die abenteuerlichsten Pisten und der Staub, der vom voraus fahrenden Pickup aufgewirbelt wird, zwingt uns einen gewissen Abstand zu halten, um die  Straßenbegrenzung sehen zu können. Das Ziel heißt Ojos del Salar, die „Augen der Wüste“.
Dort angekommen wirkt der Ort zunächst eher unspektakulär, doch bei der späteren Betrachtung des Drohnenvideos ergibt sich eine spektakuläre Aufnahme, die die Namenagebung schnell erklärt. Wie zwei blaugrüne Augen liegen die exakt kreisrunden Miniseen in mitten der schier unendlichen Wüste nebeneinander. Es handelt sich dabei um Süßwasserseen, deren Entstehung bis heute unklar ist. Doch wie auch immer sie entstanden sind sie eregeben wirklich ein bizarres Bild.

Es geht gegen Mittag und bei den heißen Temperaturen in der Wüste kann eine kleine Abkühlung nicht schaden; und was würde sich besser anbieten, als die Lagune „Escondidas de Baltinache“. Der hohe Salzgehalt des Wassers ermöglicht es, ähnlich wie im Toten Meer, auf der Wasseroberfläche zu treiben ohne zu sinken. Ganz im Gegenteil sogar – es ist scheinbar unmöglich, die Arme und Beine im Wasser zu halten, da es sich anfühlt, als würden sie vom Wasser immer wieder nach oben gedrückt. Insgesamt befinden sich sechs Lagunen in dem kleinen Park, von denen zwei für Besucher zum Baden zugänglich sind. Die Anderen können zum Schutz des hier bestehenden Ökosystems nur aus der Ferne betrachtet werden. Denn ähnlich wie Eis, würden die teilweise hauchdünnen Salzschichten beim Betreten direkt brechen. Der Anblick und die Farbenpracht sind atemberaubend! Durch den puren, weißen Grund wirkt das Wasser unnatürlich blau, ähnlich wie in einem Swimmingpool und beim bloßen Einatmen bleibt ein salziger Geschmack auf den Lippen zurück. Kaum aus dem Wasser heraus, bildet sich eine durchgängige, weiße Salzschicht auf der Haut, die bei der kleinsten Bewegung ein Spannungsgefühl verursacht, sodass die anschließende Dusche mehr als wohltuend ist. Der gesamte Ort ist wirklich einzigartig und es ist kaum zu glauben, dass der Boden auf dem wir uns bewegen, vollständig aus getrockneter Salzsohle besteht. Im Anschluss legen wir noch einen kurzen Stopp im Valle de la Luna ein, einer Wüstenlandschaft, die wie der Name schon sagt eine mondähnliche Oberfläche aufweist.

Wie es bereits im Erdkundeunterricht gelehrt wurde, ist der Temperaturunterschied in der Wüste extrem, aber dass es nachts so kalt wird, hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Das Thermometer fällt unter 0°C und die Backpacks werden von einer dünnen Eisschicht überzogen.
Es ist gerade mal vier Uhr morgens, doch heute müssen wir früh los, um die Geysire zu sehen, deren Aktivität man besonders gut früh morgens beobachten kann, wenn sich der heiße Dampf von der eisigen Morgenluft am besten abhebt. Noch halb in die Schlafsäcke gepackt und mit laufender Heizung fährt Andy die kurvige Straße hinauf. Außer dem Licht unserer Scheinwerfer ist es stockdunkel, denn Dörfer gibt es hier fast keine. Am Parkplatz angekommen werden wir erst einmal von den saftigen Eintrittspreise überrascht und da man bereits von hier aus das Spektakel sehen kann, beschließen wir im mehr oder weniger warmen Auto zu frühstücken und die kostenfreie Aussicht von hier zu genießen.
Als die ersten Sonnenstrahlen blinzeln, erreicht ein Tourbus nach dem anderen den Parkplatz und wieder einmal können wir aufgrund des perfekten Timings den Touristenansturm umgehen.

Kaum zu glauben aber heute ist bereits der letzte Tag unseres gemeinsamen Roadtrips angebrochen. Von anderen Reisenden erfahren wir, dass wohl jeden zweiten Tag eine Wüstenparty in den Dünen stattfindet. Warum also nicht diesen Anlass nutzen, um unsere Tour würdig abzuschließen?! So gehen wir gemeinsam zu einem Foodtruck, bei dem es nach Azads Aussage die besten Burger der Stadt gibt – er behält Recht und alle lassen sich nach vier Tagen Instantsuppe das Festmahl schmecken.
Schnell noch ein paar Bier eingekauft und die ein oder andere Flasche Rotwein und schon sind wir optimal für den Abend ausgestattet. Von Alex, einem Barkeeper, den Azad durch Zufall kennengelernt hatte, haben wir viele hilfreichen Tipps bekommen und unter Anderem den ungefähren Ort, wo diese Party stattfinden soll. So machen wir uns auf den Weg und folgen den anderen Feierwütigen, die in kleinen Grüppchen immer wieder an uns vorbei ziehen. Im Dunklen erkennen wir eine Gestalt, die scheinbar mehr oder weniger zum Organisationsteam gehört und uns darauf verweist, einfach weiter dem Weg zu folgen, um an den besagten Platz zu gelangen. Noch um die nächste Düne, dann sind wir da. Nun ja, ich glaube wir hatten alle etwas mehr erwartet.
Um ein Lagerfeuer stehen ein paar einsame Gestalten versammelt, durch eine kleine Box dröhnt kratzige Latinomusik und aus einer Kühlbox wird eine kleine Auswahl an Getränken verkauft. Aber jetzt, wo wir schon mal da sind, stellen wir uns einfach mit ans Feuer und nach kurzer Zeit füllt sich der Platz und wir kommen doch noch mit anderen Reisenden ins Gespräch. So haben wir das Beste aus unserem letzten gemeinsamen Abend gemacht, bevor sich am nächsten Tag unseres Wege nach fast zwei gemeinsamen Wochen trennen.


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