aus der Sicht von Deborah

„Der kleine Bruder“ von Buenos Aires – so wird oft Montevideo, die Hauptstadt Uruguays liebevoll betitelt. Da wir jetzt den direkten Vergleich ziehen können, ob diese Aussage zutrifft, machen wir uns in Buenos Aires mit der Fähre auf den Weg, doch nicht ohne einen kleinen Zwischenstopp in Colonia de Sacramento einzulegen. Sie ist die älteste Stadt Uruguays und direkt am Rio de Plata gelegen. In der Vergangenheit war sie immer wieder von großer strategischer Bedeutung und wechselte ständig den Besitz zwischen Portugal und Spanien. Desweiteren wurde sie auch bekannt durch ihren Altstadtkern im Kolonialstil, der restauriert wurde und ihr den Titel des Weltkulturerbes verlieh.

Von dort geht es weiter mit dem Bus nach Montevideo, der Stadt, in der die Langsamkeit erfunden wurde. Und in der Tat, betrachtet man die Menschen auf der Straße, wirkt niemand so, als hätte er es eilig. Selbst morgens als ein neuer Arbeitstag beginnt schlendern die Businessleute seelenruhig zu ihren Büros und dabei darf natürlich der ständige Begleiter, eine Thermoskanne und ein Mateteebecher, nicht fehlen. Denn dieses Getränk ist hier mehr ein Lebenselixier, als nur eine aufgebrühte, bittere Flüssigkeit. Er wird von allen Altersgruppen zu jeder Zeit getrunken und da stört sich auch niemand an der doch sehr umständlichen Transportweise.

Der Weg führt uns zum „Feria de Tristán Navaja“, einer Mischung aus Flohmarkt und Lebensmittelmarkt, der jeden Sonntag im Viertel Cordón stattfindet und sowohl Einheimische als auch Touristen anzieht. Trotz der Hektik und des Menschengemenges herrscht eine gewisse Gelassenheit, das muss wohl einfach in Montevideo in der Luft liegen. Neben Obst, Gemüse, Kleidern und Haustierbedarf findet man Essensstände, Bücherhändler und Handarbeiten, kurz gesagt ein bisschen von Allem.

Weiter geht es vorbei am Plaza de los Heroes de Independencia zum Strand Pocitos, der als der schönste Montevideos gilt. Doch leider ist es heute ziemlich wolkenbehangen, weshalb das Wasser eher gräulich wirkt. Hinzu kommt, dass der Rio de Plata hier ins offene Meer mündet und die kleine Bucht vor Montevideo mit seinem erdfarbenen Wasser speist. Doch die Einheimischen scheinen sich daran nicht zu stören und stürzen sich mutig in die Fluten. Wir entscheiden uns hingegen dafür ein wenig am Strand vorbei und an der Promenade entlang zu spazieren.

Durch den Parque de Rodo, einem Stadtpark mit integrierter Wasserstraße, die auch mit Tretbooten befahren werden kann, geht es zurück zum Hostel. Am Abend hört man die Trommeln der Candombetänzer. Dieser ist eine Tanzbewegungsform der Afro-Lateinamerikaner. Jedes Wochenende erklingt die Musik und die Tänzer treffen sich in den Straßen zum Proben. Dieses Event gipfelt dann am ersten Wochenende im Februar in der traditionellen „llamadas“, einem Umzug im Rahmen des Karnevals. Hier werden dann die farbenprächtigen Kostüme in der bekannten Straße „Isla de flores“ in Form verschiedener Tanzfiguren präsentiert. 
Der zweite Tag bringt gute Aussichten und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn in einem anderen Travelblog habe ich einen kleinen Geheimtipp gefunden, um die beste Aussicht über Montevideo zu genießen und das sogar kostenlos! Doch der Insidertipp ist wirklich gut versteckt, denn er führt uns ins 10. Stockwerk des Rathauses. Beim Betreten des roten Backsteinhauses deutet Nichts auf eine besondere Touristenattraktion hin – Büros und darin arbeitende Menschen, ob wir hier richtig sind?! Doch ein freundlicher Mann hält den Aufzug für uns an und fragt lächelnd „Por el mirador, corecto?“ Scheinbar sieht man uns doch an, dass wir in unserem Abenteurerlook hier nicht hingehören und so huschen wir in den Aufzug. Im 10. Stock angekommen wirkt es immer noch sehr unspektakulär doch ein kleines Schild weißt mit einem Pfeil die Treppe hinauf und trägt die Aufschrift „Treppe zur Aussichtsterasse“. Wir folgen dem Hinweis und durch eine unscheinbare Holztür hindurch stehen wir schließlich auf dem gesuchten Aussichtspunkt. Trotz trüben Wetters ist der Blick atemberaubend und noch dazu informieren angebrachte Tafeln über besondere Häuser im Stadtbild und ihre Geschichten. Hinter der Glasscheibe laden Sitzgelegenheiten ein bei schlechtem Wetter oder einfach so noch eine Zeit lang zu verweilen. Wir sind überrascht, dass so ein  „Blickwinkel“ so einfach und für jeden zugänglich ist, das gibt es eben nur hier in der Stadt der relaxten Menschen.

Wieder auf dem Boden der Tatsachen geht es weiter, vorbei am „Schlossbrunnen“  in Richtung des Plaza de la Independencia, dem Hauptplatz der Stadt. Hier, umrandet von Palmen und wunderschön blühenden Blumenbeeten, thront die eisernen Statue von José Gervasio Artigas. Er gilt als Wegbereiter für die Unabhängigkeit Uruguays und wird daher als Nationalheld gefeiert.Treppen führen auf beiden Seiten des Denkmals in eine  Art unterirdische Halle, in der sich von zwei Soldaten bewacht das Mausoleum mit den sterblichen Überresten des Idols befindet. An einer Seite des Platzes steht das berühmte weiße Gebäude im Jugendstil, welches heutzutage Büroräume beherbergt – der Palacio Salvo. Ein paar Schritte weiter wartet das nächste Prunkschloss auf uns. Das Theater „Solis“ erinnert mit seinen mächtigen Säulen an die Einhangshalle eines griechischen Tempels. Dabei handelt es sich um die bedeutenste Bühne Uruguays und das zweitgrößte Theater Südamerikas.

Nach so viel Eindrücken sind wir langsam hungrig und wo könnte man in Montevideo besser essen als im „Mercardo de Puerto“? Die einstigen Hafenstände, die sich in einer großen Markthalle befinden, wurden erhalten und bewirten jetzt hungrige Urugayaner wie auch Touristen aus aller Welt. Bereits beim Betreten steigt uns der Geruch von Gegrilltem in die Nasen und an den hohen Decken der Halle stehen nur so die Rauchschwaden. Bei der breiten Auswahl an Parillas und Fischrestaurants fällt es schwer eine Wahl zu treffen. Doch schließlich finden wir eine authentische kleine Asado und werden auch von dem frisch zubereiteten Gericht, das auf dem Teller landet nicht enttäuscht. Gestärkt und voller Energie steigen wir in den Bus, der uns auf die andere Seite der Bucht bringen soll – zum Hausberg der Stadt, dem Cerro Montevideo.

Kaum zu glauben, dass wir uns nach einer guten Stunde Fahrt immer noch in der gleichen Stadt befinden. Als wir aussteigen bemerken wir schnell, dass wir uns in einem der ärmeren oder sagen wir zumindest weniger prunkvollen Bezirke befinden. Dass hier einst eine sehr multikulturelle Bevölkerung gewohnt hat, ist noch an den Straßennamen zu erkennen, welche nach aller Herrenländer benannt sind. Die Häuser wirken wieder bodenständig und Straßen enden urplötzlich in kleinen Trampelpfaden, bei denen ich das Gefühl nicht los werde, dass wir einem der Anwohner gerade durch den Garten laufen. Doch weder uns entgegenkommende Kinder noch die Bewohner die, wie sollte es anders sein, tiefenentspannt auf ihren Gartenstühlen sitzen, nehmen besondere Notiz von uns. Nach einigem Geschlängel durch enge Gässchen, die mit Stolperfallen nur so übersäht sind, gelangen wir wieder auf eine geteerte Straße und vor uns liegt der Berg, auf dessen Spitze eine weiße Festung empor ragt. Einst wurde die Anhöhe als strategisch wichtiger Stützpunkt für das Militär genutzt. Von hier kann man den Blick über die Bucht schweifen lassen und wieder einmal ertönt von irgendwo her die typische lateinamerikanische Musik.


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