aus der Sicht von Deborah

Picton – hier hatte vor circa vier Wochen unsere Reiseetappe auf der Südinsel begonnen. Als wir ankamen haben wir uns jedoch direkt auf den Weg nach Christchurch gemacht, um Tobi in Empfang zu nehmen. Daher bietet es sich an, den Ort jetzt gemeinsam zu besichtigen. Im Gegensatz zu den letzten Tagen, wirkt es heute wie ein richtiger Spätsommertag. Der Wind weht nicht ganz so stark, ab und an zeigt sich die Sonne und auch der Regen scheint sich verzogen zu haben. Perfekte Bedingungen für einen Spaziergang. Eine kleine Strecke führt circa 45 Minuten einen Hügel hinauf, von dem aus man eine tolle Aussicht über die umliegenden Sounds und die Hafenstadt Picton haben soll. Bergauf spüren wir, dass die Sonne doch viel Kraft  besitzt, sodass man schnell ins Schwitzen kommt. Immer wieder passieren wir aber auch schattige Abschnitte, was den Aufstieg angenehm macht. Oben angekommen lädt eine Holzbank zum Verweilen ein und bietet einen Panoramablick über Picton. Der Hafen liegt gut geschützt in der kleinen Bucht und weiter draußen erkennt man die fjordähnlichen Sounds die im difusen Licht liegen.

Im Hafen, etwas abgelegen vom „normalen“ Fährverkehr und den Schiffen, die noch in Betrieb sind befindet sich ein Trockendock. Die Gemeinde von Picton hat hier im Jahr 1986 keine Kosten und Mühen gescheut und aus der Bergung eines gewissen Schiffes ein Gemeinschaftsprojekt gestaltet. Dabei handelt es sich um kein geringeres Schiff als die Edwin Fox, das neunt älteste Schiff seiner Art, dass noch in diesem Maße erhalten ist. Es wurde 1853 in Indien gebaut und hatte im Laufe der Zeit mehrere Verwendungszwecke. Vom Passagierschiff, welches später auch Strafgefangene transportierte, über ein Versorgungsschiff des Militärs bis hin zum Frachtschiff mit Kühlfunktion. Die spannende Geschichte dieses Ozeankreuzers wird im anliegenden Museum durch Filmmaterial und Infotafeln lebhaft erzählt. Der kleine Ausstellungsraum ist von seiner Informationsfülle perfekt genutzt und die passende Gestaltung, welche aus dicken Tauen, Netzen und Fässern besteht lässt die Atmosphäre noch authentischer wirken.

Doch mein persönliches Highlight findet sich im Außenbereich des Geländes. Hier in dem bereits erwähnten Trockendock befindet sich der stattliche 630 Tonnenrest der einstmals 836 Tonnen schweren Edwin Fox. Zu unserer Überraschung wird man dazu eingeladen das Schiff zu betreten, um sich dort umzuschauen. Auch hier wurde aufs Detail geachtet und die einzelnen Bereiche des Schiffes liebevoll ausgestattet. Bei jedem Schritt biegen sich die Holzdielen unter lautem Ächtsen und ein leicht modriger Teakholzgeruch aus längst vergangenen Zeiten umgibt mich. Beim Betrachten der kleinen Holzkojen in die nur wenig bis garkein Licht fällt kann ich mir gut vorstellen wie sich ein Reisender zu dieser Zeit gefühlt haben muss. Über eine Holztreppe, die wohl nachträglich eingefügt wurde, sich aber sehr gut in die umliegende Atmosphäre anpasst, können wir in den Bug des Schiffes gelangen. Hier sinkt mir die Kinnlade. Die Präzision mit der dieses Schiff gearbeitet wurde, die Technik und Sachkundigkeit ist einfach faszinierend. Ein Holz zu wählen, welches allen Wetterbedingungen trotzt und dieses an den entsprechenden Stellen mit Kupfer zu ummanteln als Schutz vor einem speziellen Holzwurm ist wohl genau so genial wie das System mit dem man die Holzbalken verzahnte.  Die teils zerfressenen Stümpfe der Stützbalken lassen genau darauf schließen bis wohin das Wasser einst in diesem Wrack stand. Während wir hier stehen denke ich mir welche Geschichten dieses Schiff wohl zu erzählen hätte? Was wären seine „Lieblingsgeschichten“ – die, der ersten Siedler, die voller Hoffnung hier ankamen, um ihr Glück zu finden oder die von jenen Sträflingen, die das Glück nicht auf ihrer Seite hatten und die die Hoffnung schon längst aufgegeben hatten. Wie viele Teekisten und Säcke voller fremder, kostbarer Gewürze hatte es wohl verschifft und welches Leid und Elend erlebte es zur Zeit der Kriege?

Wie immens groß die Edwin Fox wirklich ist wird mir erst bewusst,
als wir im Trockendock direkt an ihrer Finne stehen. Wir wirken daneben wie Ameisen und das obere Ende der Seitenwände lässt sich nur erahnen. Die auf den ersten Blick solide wirkenden Holzpfähle, die das Schiff seitlich abstützen,  wirken auf den zweiten Blick wie ein Streichholz, das jeden Moment unter der Masse des Holzes zu zerbersten droht. Es fällt mir schwer, diese Dimensionen in Worte zu fassen, doch ohne zu übertreiben kann man denke ich sagen, die Edwin Fox war ein Meisterwerk des Schiffbaus zu ihrer Zeit.


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