aus der Sicht von Max

Und so verlassen wir das schöne, aber auch sündhaft teure Chile in Richtung Norden. Unser nächstes Ziel: El Calafate in Argentinien. In der Hoffnung auf günstigere Lebenshaltungskosten, einem guten Stück Steak und neuen Abenteuern in Patagonien, steigen wir in den Bus, der uns über die Grenze bringt. Anders als in Chile, finden hier keinerlei Gepäckkontrollen statt und der, wie so oft unfreundliche Grenzbeamte, drückt lieblos den Stempel in den Pass hinein.
Es ist der 31. Dezember, das neue Jahr steht vor der Tür und immer wieder denkt man über die vergangene Zeit nach. Wie schnell ist die Zeit bereits verflogen. Noch immer kommt es uns vor, als läge der Abschied in Düsseldorf noch keine Woche zurück und doch so fern scheinen die Erinnerungen an die USA oder sogar bereits an Peru – schon eine Ewigkeit her, ein sehr seltsames Zeitempfinden. Doch jetzt freuen wir uns erst einmal auf einen gemütlichen Silvesterabend an dem wir etwas schönes im Hostel kochen oder vielleicht sogar zur Feier des Tages in ein Restaurant gehen.
Zu früh gefreut! In El Calafate angekommen sind bereits alle Geschäfte geschlossen, Restaurants sind wegen ihres „Silvestermenüs“ besonders teuer oder ohne Reservierung ist kein Platz mehr zu bekommen. Um nicht hungrig in das neue Jahr starten zu müssen, nehmen wir uns im Minimarkt was wir kriegen können und gehen mit vier Dosen Bier, einer kleinen flasche Cola, einer Tüte Chips, acht, mickrig kleinen Empanadas und um umgerechnet 30€ erleichtert, zurück zum Hostel – was ein Silvester. Auch der Ort selbst hat wenig zu bieten. Ein Städtchen, dass wie ein weit verstreutes Dorf wirkt, die Häuser sind nicht sonderlich ansprechend und insgesamt wirkt es wenig geschmackvoll. Die Dynamik der anderen Reisenden lässt stark zu wünschen übrig und so schwelen wir gemeinsam in den Erinnerungen an das vergangene Jahr, bis es schließlich 12 Uhr wird.
Umso besser beginnt das neue Jahr, als am nächsten Morgen ein Frühstücksbuffet auf uns wartet, wie wir es schon lange nicht mehr gesehen hatten. Ein klasse Start in den Tag und um unser Glück im neuen Jahr direkt auf die Probe zu stellen, beschließen wir einen erneuten Versuch zu trampen. Der Tagesausflug zum Perito Moreno Gletscher, der Hauptattraktion der Region, kostet 40€ und nach unseren letzten Erfahrungen ist es mehr als einen Versuch wert. Schnell das nötige Schild gebastelt und los zum Ortsausgang und den Daumen raus.

Die Einheimischen gestikulieren meist, dass sie in eine andere Richtung fahren, die Mietwagen, von denen wir uns die besten Chancen erhofften, sind oft völlig überladen und die, bei denen ausreichend Platz wäre, beachten uns kaum. Sie scheinen uns nicht sehen zu wollen und als nach einer geschlagenen Stunde noch ein weiteres Pärchen auftaucht und sein Glück versucht, scheint die Schlacht gänzlich verloren. Hätte man sich wohl denken können, dass das mit dem Trampen nicht immer funktioniert. Ich verliere so langsam den Glauben an das günstige, backpackerfreundliche „Steakparadis“ Argentinien. Etwas geknickt machen wir uns langsam zurück in Richtung des Busbahnhofes, versuchen es jedoch noch bei den passierenden Autos. Gerade als die Hoffnung gänzlich verloren scheint, hält ein Geländewagen mit Dachzelt an, und das französische Pärchen gabelt uns auf. Die beiden reisen für ein Jahr mit ihrem umgebauten Gefährt durch Südamerika und so gibt es viele Geschichten zum Austauschen. Obwohl sie nur wenig Englisch sprechen und wir kaum Französisch, können wir uns, im mittlerweile schon sichereren Spanisch, gut verständigen. Die Fahrtzeit vergeht wie im Flug und kaum am Parkplatz angekommen, trennen sich unsere Wege vorerst. Wir starten zu den Aussichtsplattformen, von denen der Eisgigant bestaunt werden kann, bevor wir uns wieder für die gemeinsame Rückfahrt treffen. Wie immer hat mal wieder alles bestens funktioniert!

Die riesige Eiswand ragt bis zu 70 Meter in die Höhe und über die unzähligen Aussichtspunkte und den gut ausgebauten Boardwalk gelangt man, im Gegensatz zum Grey Gletscher im Torres del Paine, extrem nahe an ihn heran. Zu meiner Überraschung wächst unmittelbar vor dem Gletscher eine üppige, grüne Vegetation, sodass wir mitten durch dichten Wald schreiten und immer wieder das schon surreal, kräftige Blau des Eises zwischen den Ästen schimmert. Immer wieder kracht und knackt es bedrohlich laut. Wie das Grollen eines Gewitters donnert es durch die Baumkronen hindurch. Eine unheimliche Atmosphäre, die mich aber wie immer, wenn es um Eis und Schnee geht, magisch anzieht.

Der Perito Moreno Gletscher erstreckt sich über eine Fläche von etwa 250 Quadratkilometern und weist an seiner Zunge eine beeindruckende Länge von fünf Kilometern auf.

Das Eis lebt und schiebt sich nahezu unaufhaltsam voran. Bis zu zwei Meter pro Jahr, bewegt sich der Gigant fort – kaum vorzustellen. Bereits beim Verlassen des Autos konnte man die vom Eis ausgehende Kälte spüren, doch jetzt so nahe dran, beißt sie förmlich auf der Haut. Mit gezückter Kamera lauere ich, um eine der begehrten Actionaufnahmen zu ergattern, bei denen ein großes Stück Eis kolabiert und in den See hinein stürzt. Jedes noch so kleine Knacken lässt den Finger auf den Auslöser schnellen und so gelingt es mir schließlich nach einiger Zeit die gewünschte Aufnahme einzufangen. Mit einem ohrenbeteubenden Raunen löst sich ein riesiges Stück, das wie in Zeitlupe kippt und mit einer großen Welle im See verschwindet. Was ein beeindruckendes Naturspektakel! Und trotzdem macht es uns ein wenig nachdenklich und betrübt, die Vorstellung, dass eines Tages hier wohl kein Eis mehr sein wird.

Wir beobachten noch einige Zeit die Farbenpracht des Gletschers, bevor wir uns widerwillig auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt machen müssen.
Dort angekommen, berichten uns die beiden, dass sich ihre Pläne geändert haben und sie noch eine weitere Nacht im Park verbringen werden. Schlecht für uns, doch wir gönnen es den beiden und sind dankbar für ihre Hilfe – kann ja nicht so schwer sein, jemanden zu finden, der uns mitnimmt, denn alle fahren zurück in die Stadt. Und so dauert es keine zwanzig Minuten, bis uns ein argentinisches Ehepaar vom Straßenrand aufsammelt. Die beiden sind sehr herzlich und erzählen uns von ihrem Urlaub, der Familie und was sie sonst noch so beschäftigt, zeigen sich begeistert von unserer Reise und natürlich dem Gorilla. Alles in Allem ein super Start ins neue Jahr.

Zurück im Hostel angekommen, freuen wir uns  bereits auf das Frühstück am morgigen Tag und bereiten uns mental auf die nächste Etappe vor – El Chalten.


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