aus der Sicht von Max

In einigen Blogs konnte ich den Tipp finden: „kostenlos Segeln“, wo ich sofort hellhörig wurde. Habe ich das richtig verstanden? Kostenlos? Man geht einfach an einem Mittwoch Nachmittag zum Clubhaus, sagt man möchte beim wöchentlichen Twilight Race mitfahren und das wars? Übermorgen ist Mittwoch – das kann kein Zufall sein. Wieso also nicht eine Nacht länger hier verbringen und sich diese Chance nicht entgehen lassen.

Am Segelclub angekommen bestätigt man uns, dass es genau so einfach ist, wie es sich anhört. Wir sollen einfach übermorgen vorbeikommen und dann können wir mitfahren. Ich kann es kaum erwarten.

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Doch zunächst steht die Tour zu den Whitsundays an. Diese haben ihren Namen James Cook zu verdanken, der sie an an einem weißen Sonntag entdeckte, genau genommen war es bereits Montag aber Whitsunday Islands hört sich doch cooler an. Mit etwa 20 weiteren Reisenden verlassen wir am Morgen den Hafen. Kaum die Motoren gestartet setzt der Regen, der uns seit einiger Zeit begleitet wieder ein. Die PS-starken Motoren sorgen für ein gratis Peeling in den vorderen Sitzreihen und wir werden immer wieder von großen Wellen durchgeschüttelt. Laut knallend prallt der Rumpf des Speedboats auf die Brecher – nichts für Bandscheibenpatienten.

Am ersten Schnorchelspot angelangt hat sich das Wetter zum Glück beruhigt und von Zeit zu Zeit zeigt sich sogar die Sonne am verhangenen Himmel. Die Fische hier werden seit Jahren angefüttert, weshalb ich nur wenig über das rege Treiben im Wasser überrascht bin. Womit ich jedoch nicht gerechnet hätte, ist die beeindruckende Größe der Fische. Kaum im Wasser werden wir stellenweise von Exemplaren mit einer Größe von über 1,50 Meter umringt. Ziemlich beeindruckend.

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Am zweiten Spot dreht sich alles um Korallen. Das Riff an dem wir abgesetzt werden zieht sich mehrere hunderte Meter an der Bucht entlang. Die Artenvielfalt erschlägt uns regelrecht. Die Natur hat hier alle erdenklichen Formen erschaffen. Von Anemonen, über hirnförmige Gebilde bis hin zu feinen Ästen und Schwämmen. Die Sonne bleibt versteckt, weshalb die Fabenpracht leider ausbleibt. Was jedoch dem Erlebnis ansich keinen Abbruch tut.

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Letzter Stopp unserer Tour ist der Whiteheaven Beach. Und tatsächlich, der Name ist hier Programm. Der Strand erstrahlt in dem hellsten Weiß und lässt dadurch das kristallklare Wasser noch türkiser erscheinen. Kleine Lemon Sharks tummeln sich im seichten Wasser, die man gut vom Boot aus erkennen kann. Das Wasser ist wieder einmal wie in der Badewanne und so kann der nächste Schauer die Stimmung auch nicht trüben. Nach üppigem Mittagessen geht es zurück nach Airlie Beach, wo es sich mittlerweile eingeregnet hat. Wir sind nach der eineinhalb stündigen Fahrt durchnässt bis auf die Knochen und am Himmel ist noch keinerlei Besserung in Sicht. Wie sollen wir unsere Kleider jemals wieder trocken bekommen? Das wird definitv kein Spaß heute Nacht im Auto. Mit geschlossenen Fenstern staut sich die Hitze, man wacht schweißgebadet auf und hat das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Und das jetzt auch noch mit nassen Kleidern?

Der Blick in den Wetterbericht ernüchtert. Für die nächsten Tage ist keine Besserung in Sicht. Es macht vermutlich keinen Sinn, eine weitere Nacht hier zu bleiben, nur um morgen nach dem Segeln einen weiteren Satz nasser Klamotten im Auto zu haben. So schwer mir die Entscheidung auch fällt – es ist Zeit Airlie Beach zu verlassen.

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Whitsundays

Etwas geknickt machen wir uns auf den Weg nach Townsville, wo wir ein Hostel gebucht hatten, um eine realistische Chance zu haben, die Kleider trocken zu bekommen. Nur noch eine Nacht im Auto, bevor wir ein richtiges Bett im klimatisierten Zimmer bekommen. Wir können es kaum erwarten.

Am nächsten Morgen brechen wir früh auf, mit Aussicht auf weiches Bett. Ganz im Hörbuch, das wir seit geraumer Zeit verfolgen, um die langen Fahrtzeiten zu überbrücken, vertieft verpasst Tobi den Abzweig in die Stadt. Gerade als er in einer Schotterbucht drehen möchte entdecke ich ein Köpfchen aus dem kniehohen Gras heraus schauen – ein Wallaby, kaum größer als einen halben Meter. Normalerweise lassen die scheuen Tiere Menschen nicht sehr nahe an sich heran, bevor sie die Flucht ergreifen. Doch dieses starrt mich mit weit geöffneten Augen an. Selbst als ich aussteige rührt es sich zunächst nicht. Erst als ich etwa bis auf fünf Meter an es heran komme, versucht es aufzuspringen, doch schafft es nicht. Ein Bein scheint gebrochen zu sein und das arme kleine Tierchen versucht unter Schmerzen und Gezappel auf die Beine zu kommen, davon zu kriechen – keine Chance.
Sofort deute ich den Rückzug an, worauf sich das Tier wieder etwas beruhigt. Ich möchte ihm helfen, jedoch nicht noch weitere Schmerzen beim Versuch davon zu robben zufügen. Was tun? Kann man es einfach mitnehmen? Wo sollen wir es hinbringen? Jetzt wäre das erste Mal auf unserer Reise, wo eine Intetnetverbindung wirklich sinnvoll gewesen wäre.
Beim Versuch einige der vorbeifahrenden Fahrzeuge zu stoppen werde ich bitter enttäuscht. Sehen wir wirklich so gefährlich aus, dass man bei einem Mietwagen mit laufender Warnblinkanlage und offensichtlich Touristen, die wild gestikulieren, dass sie Hilfe brauchen, nicht stoppen kann? Nichtmal das Fenster öffnen und nachhören? Es hätte auch jemand im Auto verletzt sein können?!
Damals in Neuseeland, als wir eine Reifenpanne hatten, stoppte jedes Fahrzeug, jedes. Ohne, dass wir überhaupt darum gebeten hatten. Und hier? Hier stehe ich am Straßenrand einer viel befahrenen Hauptstraße, fuchtel hilfesuchend mit den Armen in der Luft und niemand aber wirklich niemand stoppt. Was ein Armutszeugnis! Ich bin extrem bitter von Land und Leuten enttäuscht!
Vor einigen Kilometern passierten wir das Bilabong Sanctuary, einer angeblichen Auffangsstaion, die uns eventuell weiter helfen kann. Also machen sich Deborah und Tobi auf den Weg dort hin, während ich hier warte.
Ganz langsam nähere ich mich dem Tier, verweile sobald ich merke, dass sich die Atmung beschleunigt und schleiche heran, sobald die Bewegung des Brustkorbes sich wieder verlangsamt. Auf diese Weise gelange ich bis auf eine halbe Armlänge an den kleinen Kerl heran. Auge in Auge knie ich unmittelbar vor ihm und er scheint zu verstehen, dass von mir keine Gefahr auszugehen scheint.
Als Deborah und Tobi zurück kehren werde ich erneut enttäuscht. „Sie könne im Sanctuary nichts machen, lediglich die Wildlife Care anrufen, die dann jemanden vorbei schicken. Das kann allerdings mehrere Stunden dauern.“ Auffangstation – wohl eher ein schlechter Witz. Eine Sauerei, dass sich ein Zoo so nennen darf, wenn sie es nicht einmal auf die Reihe bekommen, jemanden vorbei zu schicken.
Also wieder zurück an den Straßenrand und nach einer viertel Stunde hält doch tatsächlich ein älterer Herr an und gibt uns den Tipp zu einem Tierarzt in der nähe zu fahren. Mit einer groben Wegbeschreibung machen sich Deborah und Tobi wieder auf den Weg, während ich bei meinem verletzten Freund sitzen bleibe.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen die beiden mit einem Handtuch bewaffnet zurück. „Wir sollen es mitbringen, sie können es dort kostenlos untersuchen und behandeln.“ Was eine Erleichterung! Jetzt folgt noch der schwierige Teil: wie das Tier mitnehmen? Es ist nicht unwahrscheinlich, von einem Tier in seiner Situation gebissen oder gekrazt zu werden. Also die Jacke übergeworfen und mit dem Handtuch in den Händen zu dem Tier hin. „Einer kanns am Schwanz festhalten und dann das Tuch drüber werfen, haben sie beim Arzt gesagt.“ Doch mein Gefühl sagt mir, dass es vielleicht besser ist, wenn ich es alleine versuche. Das Tier hat sich in der letzten Stunde an mich gewöhnen können. Langsam schleiche ich mich wieder heran, immer wieder mit kurzen Pausen in denen wir uns anstarren. Ich erwartete, dass das Tier beim Anblick des Handtuches in Panik verfallen würde. Doch dem ist nicht so. Es schaut mich hilfesuchend an, als ich das Tuch wie eine Decke über es lege und es in den Arm aufnehme. Kein Kratzen, kein Beißen, nichtmals ein Fluchtversuch.
Auf der Fahrt zum Tierarzt halte ich das Wallaby nach wie vor im Arm, der lange Schwanz hängt über meine Beine herab in den Fußraum und seine wachen Augen suchen immer wieder meine. Ein bewegender Moment.
Beim Tierarzt angekommen beginnen sie sofort mit der Untersuchung und wir setzten den geplanten Weg nach Townsville fort.

Weil es uns in diesem Moment für mehr als unpassend erschien, ein Foto zu machen, haben wir leider kein Bild von dem kleinen Kerl.

Hätte sich das Wetter gebessert und wären wir eine weitere Nacht in Airlie Beach geblieben, sähen die Chancen für unseren neuen Freund wohl eher schlecht aus. Und hätte Tobi den Abzweig nicht verpasst, hätten wir ihn wohl nie gefunden.

Es geschieht eben nichts ohne einen Grund!


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