aus der Sicht von Max

Nach einigen schönen Tagen an meinem Lieblingsort der Reise – bis jetzt – schlägt leider das Wetter um. Blauer Himmel und Sonne werden von einer grauen, Unheil verkündenden Wolkenwand abgelöst. Höchste Zeit für uns aufzubrechen. Eines Tages komme ich zurück!

Unter starkem Regen machen wir uns auf den Weg zur Westküste. Ein beliebtes Ziel, die Blue Pools, lassen wir dabei jedoch aus. Das sonst glasklare Wasser färbt sich bei starken Regenfällen in eine brau-graue Brühe, für die sich die 30 minütige Wanderungen durch den strömenden Regen nicht lohnt. Doch glücklicherweise werden durch die Wassermassen nicht alle Stopps unspektakulärer. Die unzähligen Wasserfälle, die auf dem Weg liegen gewinnen ganz im Gegensatz zu den Pools an Eindruck. Der Regen zwingt uns jedoch jeweils schnell wieder zurück ins Auto, sodass wir bereits am frühen Nachmittag den anvisierten Campingplatz erreichen. Wohl eher ein Parkplatz aber einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul und so beschweren wir uns nicht über die kostenlose Bleibe. Bei Einbruch der Nacht zeigen sich sogar Glühwürmchen an der gegenüberliegenden Felswand. Egal wie oft man sie sieht, sie verlieren einfach nicht den Zauber und sind immer wieder schön anzuschauen.

Am nächsten Morgen geht es weiter zum Start des uns angepriesenen Copland Treck. Anders als bei den bereits gesehenen Great Walks steht hier ein geringeres Budget für die Instandhaltung des Weges zur Verfügung, was jedoch nicht zwingend negativ sein muss – es wird einfach nur abenteuerlicher.
Durch die starken Regenfälle am Vortag sind die zu durchquerenden Flüsse angeschwollen und es fällt schwer einen Weg auf die andere Seite zu finden. Es gilt wohl eine neue Route zu eröffnen. Mit geballten Kräften wächst langsam aber sicher, Stein für Stein der Weg über den kalten Fluss.
Kaum den Ersten trockenen Fußes überquert, lauert bereits der Nächste. Wir kommen nur langsam voran, doch der Spaßfaktor ist definitiv unbezahlbar. Besonders die extrem wackligen Hängebrücken heben den Hike vor anderen hervor. Auf dünnem Drahtgeflecht schreiten wir einer nach dem anderen über Abgründe. Durch dichtes Grün, tiefe schlammige Pfützen und unzählige Wasserläufe bahnen wir uns den Weg zur Welcome Flat Hütte. Der Regen verschont uns und so bauen wir ein wenig müde aber zufrieden unser Zelt für die Nacht auf. Wir sind optimstisch, dass das schlechte Wetter sich verzogen hat – bis jetzt!
Umso härter trifft mich die Nachricht des Rangers: „der Treck ist wegen Sturmwarnung die nächsten vier Tage geschlossen, es wäre am Besten, wenn ihr morgen so früh wie mölich startet, bevor die Flüsse noch stärker ansteigen. Sollte es euch zu gefährlich sein, könnt ihr gerne umkehren und Unterschlupf suchen. Vermutlich geht es heute Nacht schon richtig los – ein Glück, dass ihr alle in der Hütte schlaft.“ Als wir erwiedern, dass wir bereits das Zelt aufgebaut haben, schaut er uns etwas ungläubig an und meint mit etwas gekünsteltem Optimismus: „Achso, ähm … so schlimm wird es bestimmt nicht werden.“ Ja genau, denke ich mir. Er hat gut Reden in seiner warmen Hütte. Im strömenden Regen und noch in der Dunkelheit das Zelt morgen früh zusammen bauen? Nein danke!
Neben uns sind nur zwei weitere Reisende auf der Hütte, es sind also noch 29 Betten frei. Kaum ist der Ranger bei Einbruch der Dunkelheit in seiner Hütte verschwunden bauen wir schnell das Zelt zusammen und beziehen eines der Nachtquartiere in der Hütte.
Neben einem gemütlichen Aufenthaltsraum punktet die Unterkunft mit Hot Pools, die nur wenige hundert Meter entfernt unter dem noch klaren Sternnenhimmel dampfen. Sie sind so heiß, dass man nur langsam hinein gehen kann, doch einmal im Wasser möchte man nicht mehr heraus. Ein genialer Abschluss einer abenteuerlichen Wanderung.

Der Wecker klingelt früh, um dem Regen eventuell noch entgehen zu können, vergeblich. Die dicken Tropfen prasseln bereits lautstark auf das Dach der Hütte. Nicht die Motivation, die man um diese Uhrzeit braucht. Aber es hilft nichts,wir müssen los sonst stecken wir hier womöglich die nächsten Tage fest. Leise und konzentriert schreiten wir schnellen Schrittes in die Dämmerung. Der Regen prasselt auf die Kapuze, die Pfützen sind gefühlt doppelt so tief wie noch gestern und die unzähligen Steine und Brücken noch rutschiger.
Angespornt von den Warnungen des Rangers lassen wir die 16 Kilometer in nur vier Stunden hinter uns. Neuer Rekord mit vollem Gepäck! Glücklicherweise lässt sich der Fluss am Parkplatz noch mehr oder weniger problemlos durchqueren. Auch wenn der Copland Treck nicht zu den bekanntsten Walks hier in Neuseeland zählt ist er auf jeden Fall einen Stopp wert!

Völlig durchnässt beschließen wir uns ein Hostel im nahegelegenen Franz Josef zu gönnen. Gegen eine warme Dusche hat wie immer niemand etwas einzuwenden.
Nur noch schnell eine Touristinfo mit WLAN aufsuchen, um die Unterkunft für die Nacht zu buchen. Ein kleines unscheibares Häusschen, etwas entfernt von der Hauptstraße zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Hier könnte es kostenloses Internet geben. Gerade als ich die Tür öffnen will kommt mir ein bekanntes Gesicht entgegen. Ich kann meinen Augen nicht glauben. Vor mir steht der midestens genauso verblüffte Andy, mit dem wir bereits in Bolivien und in Chile unterwegs waren. Zufälle gibt es – die gibt es einfach nicht!

Der Ort lockt mit dem gleichnamigen Gletscher Touristen hier her. Im Fünfminutentakt starten Hubschraubertouren, die zahlungskräftige Kundschaft bis direkt auf das Eis chauffieren. Für uns „Normalsterbliche“ reicht auch die Wanderung dort hin. Der Weg zu dem Giganten  wird immer wieder von Infotafeln gesäumt. Diese zeigen in alarmierender Weise die Folgen der globalen Erwärmung auf. Sie sind jeweils mit einer Jahreszahl und einigen Bildern versehen, die die damalige Ausdehnung veranschaulichen und den Rückgang des Eises aufzeigen. Die Rückseite der Schilder versucht jeweils zu erklären, wie man als einzelne Person zum Klimaschutz beitragen kann, um den Gletscher zu retten. Leider eine ziemlich geheuchelte Haltung zur Erhaltung, denn noch immer ist der Luftraum gespickt mit Hubschraubern und im ganzen Ort werden die Touren angepriesen. Wie so oft steht der Kommerz an erster Stelle.

Themenwechsel: Noch immer ist es uns nicht gelungen einen der vom Aussterben bedrohten Kiwis zu sehen, was Deborah ganz schön zu schaffen macht. Immer wieder von Albträumen geplagt beschließen wir uns etwas dagegen zu unternehmen.
Nachdem nahezu einstimmig alle Einheimischen die Frage nach einer Kiwisichtung in freier Wildbahn verneinten müssen wir wohl ein wenig nachhelfen. Das Kiwihaus in Franz Josef lockt mit zwei Exemplaren, die dort aufgezogen und für die Auswilderung vorbereitet werden. Die nicht heimischen Oppossums fressen die Eier der meisten Vögel in Neuseeland und sorgen so dafür, dass einige Arten fast vollständig verschwunden sind. Unsummen werden von der Regierung investiert, um Neuseeland von allen Arten von Raubtieren zu befreien. Mit Fallen, Prämien auf die Tiere und sogar mit dem Einsatz von Giftstoffen geht es ihnen an den Kragen.
Sobald die Kiwis groß genug sind werden sie nach Stewart Island gebracht, einer Insel die als „Predator free“ gilt, auf der es also keine Räuber gibt. Dort können sie geschützt aufwachsen, um im Anschluss in ihrem Lebensraum ausgewildert zu werden.

Aufgeregt betreten wir den dunklen Raum, in dem die nachtaktiven Vögel gehalten werden. Die Augen benötigen eine Weile bis sie sich an das schwache Rotlicht gewöhnt haben, doch dann lassen sich die beiden Kiwis ganz deutlich erkennen. Ein undefinierbarer Kneul, zwei kleine Beinchen und ein langer, spitzer Schnabel machen einen waschechten Kiwi aus. Sie sehen irgendwie witzig aus – fotografieren ist leider nicht gestattet, weswegen sich die Bilder für euch auf eine Onlinerechersche begrenzen.
Der restliche Teil des Kiwihauses ist wie ein Museum gestaltet, das über den Gletscher, die Bedrohung durch Raubtiere und andere heimische Spezien Auskunft gibt.
Alles in allem eine schön arrangierte Ausstellung.


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