aus der Sicht von Deborah

Unsere Weiterfahrt von Copacabana verläuft fast ohne besondere Vorkomnisse. Lediglich, als der Bus wieder einmal zum Halten kommt, sind wir gespannt was passiert. Doch zu unserer Überraschung werden wir gebeten auszusteigen, da wir einen Teil des Titicacasees überqueren müssen, wozu der Bus auf eine „Fähre“ gefahren wird und die Reisenden in einem kleinen Beiboot transportiert werden. Man muss jedoch dazu sagen, dass es sich vielmehr um eine Art „schwimmende Holzplanke“ handelt. Aufgrund des Gewichtes, liegt das Boot sehr tief im Wasser und es wirkt, als würde unser Bus schwimmen. Doch die Überfahrt gelingt ohne Probleme. Obwohl wir schon seit einer halben Stunde die Vororte von La Paz erreicht haben, kommt unser Bus immer noch nicht zum Stehen. Das lässt ungefähr erahnen, welches Größenmaß die Stadt zwischen Himmel und Erde besitzt. Das Zentrum liegt wie in einem Kessel auf einer atemberaubenden Höhe von 3200 Metern, umringt von den schneebedeckten Bergriesen der Anden. Die Umstellung von der ruhigen „Isla del Sol“ zum hektischen und lauten Stadtleben überfordert mich zunächst erst einmal.
Wir machen uns auf den Weg in Richtung unseres Hostels und der Straßenmarkt macht seinem Namen alle Ehre. Anders, als wir es bisher gesehen haben, existieren keine Verkaufsstände im klassischen Sinne, sondern die Händler haben ihre Wahre auf Tüchern ausgebreitet und belagern die Gehwege bis hin zur Mitte der Straße. Hinzu kommt der bereits bekannte südamerikanische Straßenverkehr, der es nicht gerade einfacher macht, mit beiden Rucksäcken aufgeschnallt, voran zu kommen. Doch schließlich erreichen wir eine Seitenstraße und es kehrt etwas Ruhe ein, bevor es über eine Art Fußgängerzone die Treppen hinunter zum Hostel geht. Dieses ist liebevoll eingerichtet mit einem kleinen Innenhof, welcher bereits weihnachtlich geschmückt ist. Reisende aus aller Welt haben hier eingecheckt und die kleine integrierte Bar schafft die perfekte Atmosphäre um den Abend gemütlich mit Azad, der uns auf der Busfahrt Gesellschaft leistete, und neuen Bekannten ausklingen zu lassen. Am nächsten Tag wartet ein leckeres Frühstück auf uns mit Rührei, frischem Obst und… richtigem, knusprigem Brot!

Während wir uns mit den anderen über unsere Pläne für den heutigen Tag austauschen, erfahren wir von Peter, einem Traveller aus den Niederlanden, von einer geführten Stadttour zum kleinen Preis. Bis jetzt haben wir noch nie an solch einer geführten Tour teilgenommen aber warum nicht? Kurz entschlossen begeben wir uns zum Ausgangspunkt der Tour. Unsere beiden Guides sind beide in La Paz geboren und können so auf erfrischend, humorvolle Weise jede Menge Hintergrundinformationen weitergeben. Wir starten am Platz „San Pedro“, an dem sich auch das Gefängnis von La Paz befindet. Richtig gehört, eine Strafanstalt die ursprünglich für 400 Insassen konzipiert war, beherbergt jetzt über 2000 Sträflinge und das in unmittelbarer Nähe des Hauptplatzes. Doch als wäre das nicht bizarr genug, befindet sich kein Wachpersonal hinter den Gefängnisgittern. Die Inhaftierten sind sich selbst überlassen, Familie können jeder Zeit zur Visite vorbeikommen und bis vor kurzem wurden Touren angeboten, bei denen Touristen die Möglichkeit bekamen, hinter die Gitterstäbe zu schauen. Die Zellen müssen von den Sträflingen selbst bezahlt werden und nicht selten entspringen die finanziellen Mittel dazu dem florierenden Drogenhandel. Weiter geht es über einen der zahlreichen Märkte, auf denen man hier alles findet, vorallem die sogenannten Cholitas. Die Frauen die in der traditionellen Tracht ihre Waren anbieten gelten in Bolivien als besonders attraktiv, wenn sie kurvenreich gebaut sind und daraus auch keinen Hehl machen – denn wer hier kräftige Waden hat und robust wirkt, signalisiert, dass er Kraft hat und arbeiten kann. Auch lange Haare gelten als Schönheitsideal, weshalb man oft eine Art Pompom entdecken kann, was an die geflochtenen Haare gebunden wird und so als Haarverlängerung dient. Von dieser Hülle und Fülle an Produkten geht es weiter zu einem ganz speziellen Ort, dem „Mercado de Brujas“. Wer sich auf den Hexenmarkt von La Paz begibt, muss damit rechnen, so manche Kuriosität vorzufinden, so zum Beispiel getrocknete Lamaföten, Süßigkeiten aus Plastik und Klebstoff aber auch jegliche Kräuter und Heilmittel. Wer jetzt denkt, dies sei eine extra arrangierte Attraktion für die Touristen, der liegt falsch – ganz im Gegenteil: viele Einheimische besuchen den Markt um ihre Einkäufe zu tätigen. In Bolivien hat Spirualität und Okultismus noch einen ganz anderen Stellenwert, als in europäischen Ländern. So muss zum Beispiel vor dem Hausbau „Pacha Mama“ , also Mutter Erde befragt werden, ob sie mit dem ausgewählten Stück Land einverstanden ist. Dazu werden die genannten Gegenstände mit hochprozentigem Alkohol angezündet und so in einer Zeremonie geopfert.

Vorbei an der „Iglesia de San Francisco“, einer katholischen Kirche an deren Außenfassaden man noch die Einflüsse der Inka erkennen kann, geht es zum Plazza Murillo. Der Hauptplatz der Stadt wurde in der Geschichte schon öfter Schauplatz von wichtigen politischen Aktionen, teilweise auch sehr blutigen. So wurde zum Beispiel der Präsident Gualberto Villaroel hier öffentlich gehängt und in einem der Gebäude sind noch die Einschusslöcher von dem Aufstand im Jahre 2003 zu erkennen, bei dem es zu mehrtägigen Schusswechsel zwischen dem Militär und der Polizei kam. Sie wurden absichtlich nicht beseitigt, um eine Art Mahnmal zu setzen. Um diesen ersten Tag perfekt abzurunden begeben wir uns zum Aussichtspunkt „Killi Killi“, von hier aus sieht man über die ganze Stadt und langsam neigt sich der Tag dem Ende und auch die hektische Stadt scheint langsam zur Ruhe zu kommen und vor uns ergibt sich ein Lichtermeer.

Was wäre Bolivien ohne seine Kulturpflanze Nummer eins: Koka. Wie es dazu kam, welche heilende Wirkung das Kokablatt hat und warum es aus der Andenkultur nicht mehr wegzudenken ist, kann im Coca – Museum in Erfahrung gebracht werden. Wie es kultiviert wird und wie aus der heiligen Pflanze der Inka die Pflanze zur Herstellung der weltweit konsumierten Droge „Kokain“ wurde, all das wird hier spannend und anschaulich vermittelt und in der hauseigenen Caféteria werden sämtliche Kokaprodukte angeboten. Leider ist das Fotografieren nicht gestattet, weshalb es zu unserem Museumsbesuch keine Bilder gibt – sorry dafür!
Ein Ort, an dem das Fotografieren wiederum kein Problem darstellt, aber dennoch etwas ungewohnt ist, ist der Friedhof von La Paz. Jetzt denkt ihr euch sicher, ob wir auf einer Reise um die Welt nichts besseres zu tun haben, als einen Friedhof zu besuchen, doch diese Ruhestätte hebt sich sehr von unserem europäischen Modell ab. Hier befinden sich unzählige Wände mit Urnengräbern, manche davon sogar ähnlich wie Mietwohnungen angeordnet. Anders als in Deutschland, werden die Verstorbenen hier nach einer gewissen Zeit alle eingeäschert und erhalten ein Urnengrab. Die Nischen reichen von einfachsten Betonöffnungen, bis hin zu prunkvoll vergoldeten Kammern. Doch eines haben sie wiederum alle gemeinsam: es finden sich immer ähnliche Gegenstände hinter der Glasscheiben, wie etwa Getränke, Cocablätter, Brot und Süßigkeiten. Der optimistische Gedanke eines Lebens nach dem Tod hat hier somit viel mehr Bedeutung, als die Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen. Durch die Spiritualität stehen die lebenden Menschen im ständigen Kontakt mit dem Reich der Toten, was sich auch in den zahlreichen, bunten Graffitis zeigt, die dieses Thema aufgreifen.

Es ist Donnerstag und das bedeutet hier mehr als „nur“ irgendein Wochentag. Denn im Stadtviertel El Alto findet das speziell für La Paz bekannte „Cholitawrestling“ statt. Die Frauen, in ihrer traditionellen Tracht, steigen hier in den Ring und sind alles andere als zimperlich. Als zeichen der Emanzipation und teilweise auch als Verdienstquelle für die Frauen, die aus weniger betuchten Familien kommen, liefern sie sich hier die verrückten Showkämpfe. Es ist keine Seltenheit, dass auch das Publikum mit in die Zweikämpfe einbezogen wird und wahrscheinlich ist es die bizarre Mischung der liebevoll gekleideten Frauen mit den scheinbar brutalen Schlägen und Tritten, die diese Veranstaltung zu einem Spaktakel macht. Ein letztes Mal geht es zurück mit der Teleferico, lautlos über die Dächer der Stadt.


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