aus der Sicht von Deborah

„Willys House“ – hier müsste unser Hostel sein. Doch ein Blick durch die verstaubte Scheibe verheißt nichts Gutes. Der vermeintliche Eingangsbereich ist verlassen und gleicht einer Baustelle. Da wird mir kurz heiß – soll das Hostel, das wir gebucht hatten, etwa nicht mehr existieren? Scheinbar sieht man mir meinen Schockzustand ins Gesicht geschrieben, denn ein Anwohner kommt uns von der anderen Straßenseite entgegen und beruhigt uns, dass das Hostel auf der Rückseite des Gebäudekomplexes liege – Gott sei dank. Dort angekommen verläuft dann alles ohne Probleme und wir können direkt unser Zimmer beziehen.
Paracas ist eine kleine, gemütliche Hafenstadt und durch seine Küstenlage und dem damit einhergehenden Wind, fühlt man sich ähnlich, wie am Mittelmeer. Wir schlendern noch eine Weile an der Promenade entlang und schauen zu, wie die Abenddämmerung die zahlreichen Fischerboote, die in der Bucht liegen, in ein warmes Abendrot taucht.

Der nächste Tag wird sportlich. Sechs Kilometer vom Ortskern entfernt liegt das „Nationalreservat Paracas“. Zusammen mit den „Islas Ballestas“ estreckt es sich über eine Fläche von 335.000 Hektar und wurde 1975 gegründet. Natürlich werden dort hin auch zahlreiche Tours angeboten, doch nach einigen Erfahrungen bezüglich Ausflügen in Gruppen, die wir im Laufe unserer Reise schon gemacht haben, sind wir am liebsten auf eigene Faust unterwegs. Die Alternative die dazu besteht ist es, sich Fahrräder zu leihen und den Weg zum Reserve, wie auch die Strecken innerhalb des Gebietes, auf diese Weise zu erkunden. 33 Kilometer erwarten uns, bei praller Mittagshitze mitten durch die Wüste. Im Nachhinein betrachtet vielleicht nicht eine meiner besten Ideen, doch ich war hoch motiviert. Das Reserve führt direkt an der Küste vorbei und die steilen Klippen kreieren mit dem endlosen Sand der Wüste und dem aufbrausenden Meer ein wahres Naturspektakel. Immer wieder laden Aussichtsplattformen dazu ein, sich die durch das Wasser abgerundeten Steinformationen etwas näher zu betrachten und den Wind, der vom Meer weht, die heiße Haut etwas kühlen zu lassen. Ein besoderes Highlight des Parkes war die „Kathedrale von Paracas“, eine Felsformation die leider bei einem Erdbeben im Jahr 2007 zusammenbrach.

Auf dem Rückweg legen wir einen kurzen Stopp bei „Kiteperu“ ein, einer der bekanntestes und besten Kitesurfingschulen der Region. Paracas gilt als optimaler Spot für Anfänger, da man fast immer einen stetigen, kräftigen Wind hat und die Lage in der Bucht ein zu weites Heraustreiben verhindert sowie wenig Wellenbildung aufweist. Nach einem kurzen Smalltalk mit dem Besitzer, Scott, der selbst auch als Instrukteur agiert steht fest, wir wollen aufs Brett! Max hatte sowieso schon länger mit dem Gedanken gespielt, diese Sportart einmal auszuprobieren und auch ich finde es faszinierend, wie die Surfer lautlos und mit Höchstgeschwindigkeit durchs Wasser pflügen. Am Nachmittag des nächsten Tages, sobald der Wind geeignet ist, steht unsere erste Stunde an – wir sind gespannt.

Die vorgelagerte Inselgruppe der „Islas Ballestas“ ist bekannt für ihre Artenvielfalt und die zweistündige Bootstour eignet sich perfekt, um unser morgentliches Programm zu gestalten. Mit einem Speedboot geht es zwischen den Fischerbooten hindurch, bis raus aufs offene Meer. Bereits auf unserem Weg zu den Inseln wird das Boot immer wieder von Pelikanen begleitet und man kann den hier lebenden Komodoranen zuschauen, wie sie sich in ihren halsbrecherischen Jagdversuchen, athletisch und binnen Sekunden, ins Wasser stürzen. Wir fahren vorbei am sogenannten „Candelabra“, einer Geoglyphe, die vergleichbar mit den Nascalinien ist, jedoch aus jüngerer Zeit.
Wir sind nur noch einige Meter von der ersten Insel entfernt und auf den steilen, zerklüfteten Klippen wimmelt es nur so vor Leben. Im Schutz der Steine finden sich unzählige Wasservögel, die sich putzen oder einfach die Sonne genießen. Auch die bereits vorher gesehenen Pelikane haben einen der Felsen auserkoren, um sich von einem anstrengenden Jagdzug zu erholen. Ein paar Meter weiter entdecken wir die kleinen Humboldtpinguine, die zum Jagen in Richtung Wasser watscheln, bis sie dann einer nach dem anderen ins kühle Nass hüpfen.

Die Seelöwenweibchen sind mit ihrem braunen Fell gut getarnt und erst bei genauerem Hinschauen zu entdecken. Manche von ihnen liegen mit ihrem Nachwuchs auf den Felsvorsprüngen liegen und dösen vor sich hin. Nur die größeren, schwarzen Männchen fallen direkt auf. Immer wenn die Wellen an der Insel brechen und zurück schlagen, können wir Seesterne und Krebse entdecken, die sich unter Wasser oder kurz vor der Wassergrenze niedergelassen haben. Auf einer der anderen Inseln scheint die gesamte schwarz schimmernde  Oberfläche in Bewegung zu sein. Wir trauen unseren Augen kaum, doch was da wild am flattern ist, sind weitere Seevögel die sich hier niedergelassen haben. Die Insel muss von tausenden der Tiere übersäht sein, denn man kann kaum noch einen Fleck Erde erkennen. Mit diesem wahnsinns Erlebnis und ein paar tollen Aufnahmen der Tiere geht es zurück ans Festland.

Noch schnell die Badesachen eingepackt, ein Handtuch und die Sonnencreme und schon sitzen wir im Colectivo in Richtung Surf Schule. Dort angekommen stellt uns Scott unseren Surflehrer Memo vor. Er selbst ist hier aufgewachsen, schult schon seit er 14 Jahre alt ist und hat somit die Anfänge der Schule und des Sports selbst mitbekommen. Er erklärt uns, dass wir noch ein bisschen Geduld haben müssen, da der Wind erst noch drehen muss. Ein kleiner Pavillion mit Kunstrasen und guter Musik versüßen die Wartezeit. Dann ist es endlich so weit und wir können direkt mit der Praxis starten, da Max und ich uns die Theorie mittels der uns gegebenen Schulungsmaterialien schon selbst angeeignet haben. Zu Beginn wird das Wichtigste noch einmal kurz wiederholt, dann lernen wir, wie wir unseren Kite startklar machen, gegen den Wind sichern und wie wir uns selbst retten können, sollte der Wind uns zu weit raus treiben. Ein paar Trockenübungen am Strand mit der Lenkmatte dienen dazu, ein erstes Gespür für den Wind zu bekommen, wie Auf – und Abtrieb funktionieren und was man beachten muss, um den Schirm bezüglich Richtung und Höhe zu kontrollieren. Nachdem dieser erste Schritt gemacht ist, geht es auch schon mit dem „richtigen Kite“ ins Wasser. Kaum ist dieser im Trapez eingehangen, merkt man erst mal welche Kraft der Wind besitzt, wenn er einen hin un wieder fast aus dem Wasser hebt. Im Gegensatz zur Lenkmatte kommen zu den zwei Schnüren, die die Richtung bestimmen, jetzt noch zwei mittlere Leinen hinzu, über die die Spannung reguliert wird – hier die Blance zu finden, und das alles auch noch einhändig, fällt mir ganz schön schwer. Hinzu kommt der schlammige Boden, der einem wenig Widerhalt bietet und hunderte von Quallen, deren schmerzhafte Begegnungen das Unterfangen ebenfalls erschweren. Doch nach einiger Zeit gelingt es Max, seinen Schirm schon sehr stabil und präzise in der Luft zu halten, während ich das Gefühl nicht los werde, dass der Kite eher mich im Griff hat, wie ich ihn und mich meist durch einen Großteil der Bucht einfach hinter sich her zieht. Doch aller Anfang ist schwer. Immer wieder starte ich, um kurz danach den Schirm mit einem lauten Knall und einem etwas verzweifelten Blick von Memo auf die Wasseroberfläche krachen zu lassen. Er ermuntert mich immer wieder es nochmal zu probieren, jedoch mit der Bitte etwas sanfter zu Landen um das Material des Drachen nicht so stark zu strapazieren. Zum Abschluss der Stunde praktizieren wir den sogenannten „Bodydrag“. Dabei lenkt man den Kite in der Form einer acht immer wieder auf und nieder und lässt sich durch das Wasser hinter im herziehen.
Der erste Tag ist schon vorbei, es war anstrengend, Muskelkater ist vorprogrammiert aber es hat Spaß gemacht. Für Max geht es morgen weiter und ich habe entschieden, dass ich morgen lieber „an Land“ bleibe und so die Gelegenheit nutze ein paar gute Bilder zu schießen und die ersten Fahrversuche festzuhalten. Im Hostel angekommen zaubern wir noch eine unserer zahlreichen Nudelvariationen auf den Teller und fallen anschließend müde ins Bett.

Max ist schon voller Vorfreude und wartet ungeduldig auf Scotts Nachricht, wann es heute losgeht. Dann endlich vibriert das Handy und es kann los gehen.
Am Treffpunkt angekommen lernen wir auch Scotts Freundin kennen, die ebenfalls eine passionierte Kiterin ist und die „gute Seele der Crew“. Doch wieder einmal macht der unregelmäßige und heute zudem sehr schwache Wind einen Strich durch die Rechnung und es heißt: warten. Doch bei dieser Kulisse kann einen das nicht aus der Ruhe bringen. Innerhalb kürzester Zeit sind die anderen Surfschulen und weitere Kiter eingetroffen und der Kunstrasen ist gepflastert mit Ausrütung und Equipment. Dann gibt Memo das langersehnte Startzeichen und bedeutet Max seinen Kiteschirm vorzubereiten. Kurz danach sind die zwei schon im Wasser und was ich aus der Ferne betrachten kann, erklärt Memo Max wie er mit dem Brett unter den Füßen aus dem Wasser startet. Der launische Wind macht es ihm nicht gerade einfach aber wie ich ihn kenne, lässt er sich nicht entmutigen. Selbst als der Kite auf dem Rücken liegt und deshalb nicht gestartet werden kann und es Max immer weiter vom Strand wegtreibt, behält er die Ruhe und bahnt sich nach unzähligen Startversuchen den Weg zurück in Richtung Ufer. Nach einiger Zeit sieht das Ganze schon sehr gekonnt aus und es dauert nicht lange, bis er die ersten Meter, auf dem Brett stehend, durch die Bucht fährt. „Es ist echt anstrengend und man schluckt viel Wasser, aber es macht Spaß ohne Ende“, das ist der kurze Kommentar, den er mir zu wirft, bevor er schon wieder auf dem Weg ans andere Ende ist, um den Kite erneut zu starten. So vergeht der Nachmittag wie im Flug und Max hält sich immer besser und länger auf dem Brett.

Die Sonne steht schon recht tief und immernoch ist die Bucht voller Kitesurfer, einige in ihren Anfängen, andere bei den Versuchen wagemutige Sprünge und Saltos zu probieren. Und so sind es nicht nur die Seevögel die sahen, sondern auch Max und die anderen Surfer, die als Könige der Wellen durch das Wasser pflügen.

Kategorien: Südamerika

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