aus der Sicht von Deborah

Kaum hat man das Stadtzentrum Dunedins verlassen, befindet man sich in einer völlig anderen Umgebung. Die Halbinsel Otaga lädt mit ihren Wäldern und Bergen, sowie mit den rauen Klippen Outdoorliebhaber aus aller Welt zu einer Erkundungstour ein. Perfekt für einen Nachmittagsausflug und so machen wir uns auf zur Spitze der Landzunge. Denn hier befindet sich die einzige an Land nistende Albatrosskolonie der Welt. Der Royal Albatross ist der Größte seiner Art und mit einer Spannweite von bis zu über drei Metern der größte Seevogel der Welt. Seit ich als kleines Kind den Film „Bernhard und die Mäusepolizei“ gesehen habe, indem ein tollpatschiger Albatross als Flugzeug für die kleinen Mäuse dient, wollte ich diesen Vogel einmal in Natura sehen. Heute ist es soweit! Wer bereit ist etwas tiefer in die Taschen zu greifen kann Bootstouren an den Klippen vobrbei machen, wo die Vögel nisten. Doch wir entscheiden uns einfach auf die kleine, hölzerne Terrasse zu gehen, welche als Viewpoint dient. Kaum haben wir uns positioniert und unsere Kameras startklar gemacht, kreisen die ersten Albatrosse in luftigen Höhen über uns. Ultraleicht gleiten sie durch die Luft und scheinen uns bereits im Blick zu haben. Ihr Anblick ist mehr als majestätisch und sie sehen genau so aus wie im Film.
Plötzlich ruft Tobi:“ Hinter uns!“ Hastig drehen wir uns um und auch einige der anderen Besucher tun es uns nach. Zum Greifen nah schwebt eins der Tiere über unsere Köpfe hinweg und erst jetzt wird uns wirklich bewusst wie extrem groß sie sind. Einer der Flügel ist nur um einige Zentimeter kleiner als ich – verrückt. Wir bleiben noch eine Weile mit dem Kopf im Nacken dort stehen und beobachten die kontrollierten Flugmanöver. Diese Geschöpfe sind wirklich bemerkenswert und sie haben mich begeistert – vielleicht auch wegen der Reiselust die wir teilen, denn nach jeder Aufzucht ihrer Küken begeben sich die Eltern auf eine einjährige Reise über fremde Gewässer rund um den Erdball.

Einen ganz anderen Überlebenskünstler, der sich die rauen Bergwinde zu seinem zu Hause gemacht hat ist der Kea, der einzige Gebirgspapagei der Welt. Doch wer ihn zu Gesicht bekommen will, muss sich das erst durch einen nicht unerheblichen Track verdienen. Die Rede ist vom bekannten Keplertrack, eine dreitägige Wanderung dir wir zu dritt in angriff nehmen wollen. Mittlerweile sind Max und ich schon sehr routiniert in der Vorbereitung von Mehrtageshikes und so verläuft das Einkaufen und Packen reibungslos und im Handumdrehen hat jeder seinen Teil an Verpflegung plus zusätzlich Schlafsäcke und Isomatten eingepackt und wir können starten. Heute stehen 14 Kilometer durch relativ flaches Gebiet an, sodass wir noch am Nachmittag des selben Tages losziehen. Der Weg führt durch dicht bewachsenen Wald mit hohen Bäumen und Farnen in verschiedenen Größen. Mal ist es völlig eben, mal geht es im zick-zack den Berg hinauf. Bei jedem Atemzug strömt die kühle, sauerstoffreiche Luft tief in die Lungen. Das Grün, welches uns umgibt strahlt etwas beruhigendes aus und lediglich das Zwitschern und Rascheln der Vögel in den Bäumen durchbricht die wohltuende Stille. Zu meiner Überraschung kommen die Flugkünstler bis dicht an den Wegesrand und fliegen mir quasi direkt vor die Linse, sodass ich ein paar gute Schnappschüsse erhaschen kann. Zu dem Wald den wir schon kennen und der nun bereits für einige Stunden den Weg gesäumt hat, mischt sich eine neue, mir ganz fremde Vegetation hinzu. Moose in verschiedensten Grüntönen und Formen bewächst das Unterholz un den steinigen, feuchten Waldabschnitt. Von tiefem Tannengrün bis hin zu einem blassen Weißgrün erscheint das Geflescht mal samtig weich, mal knorrig und holzig. Die Steine, deren Kuppen oft mit dem leuchtenden, smaragdfarbenen Teppich überzogen sind erinnern mich an die Trolle, aus dem Film „Eiskönigin“, die zusammengerollt auch wie leblose Steinbrocken wirken. Wir wandern vorbei am Lake Te Anau dessen aufgewühltes Wasser und  Wellen, die immer wieder an Land schwappen und ihn eher wie ein Meer wirken lassen. Dann erreichen wir schließlich den Campingplatz und schlagen unser Lager direkt am Strand auf. Der Wind weht kalt und lediglich ein einfacher Holzunterschlupf bietet etwas Schutz und einen windstillen Platz, um unseren kleinen Gaskocher zu entflammen. Leider sind die Sandflys in dieser Gegend sehr aktiv und so begeben wir uns nach dem Essen schnell in unser warmes und mückensicheres Zelt.

Am nächsten Tag startet zwar mit 22 Kilometern nicht die längste Etappe, aber mit Sicherheit die anstrengenste, dafür spricht ein Höhenprofil von um die 2000 Meter. Doch der traumhafte Sonnenaufgang am Strand und ein Regenbogen der sich uns zeigt lassen uns frohen Mutes losziehen. Unmittelbar nach dem Campingplatz führt der Waldweg dann auch schon den Berg hinauf zunächst geht es im zick-zack Kurve um Kurve. Die dichte Baumkrone schützt uns vor der Sonne und macht das wandern so doch ein Stück angenehmer. Von Zeit zu Zeit rieseln die kleinen Samen der Bäume herab und berühren wie ein leichter Regen das  Gesicht. Immer wieder ergeben sich Panoramablicke über den See und lassen uns kurz verschnaufen. Doch nach einiger Zeit zieht der Rucksack schon schwer an den Schultern, der Schweiß läuft und ich schaffe es nicht mehr mit den Jungs Schritt zu halten. Doch sie unterhalten sich gut über Gott und die Welt und ich kann in Gedanken abschweifen, nachdenken und immer mal wieder anhalten, um ein bisschen mit der Kamera zu experimentieren. Nach circa vier Stunden erreichen wir dann die Luxmore Hut. Sie thront am Felsen umgeben von grasiger Steppe. Mit der Vegetation ändert sich auch das Wetter. Im Gegensatz zum geschützten Wald weht jetzt ein doch spürbarer Wind und es beginnt zu nieseln. Nach und nach bilden sich dickere Tropfen was uns dazu bringt unsere Mittagspause in der warmen, trockenen Hütte zu verbringen. Gestärkt doch mit anfangs müden Beinen starten wir die zweite Hälfte des heutigen Hikes – und es liegt noch ein ganz schönes Stück vor uns.

Je näher wir dem vermeintlichen Gipfel kommen, desto dichter wird die Wolkendecke und auch Wind und Regen nehmen zu. Eine mehr als unwirtliche Witterung, doch gut eingepackt versuchen wir dem Wetter zu trotzen. Mit voller Kraft müssen wir uns gegen den Wind stemmen, der unbarmherzig an den großen Backpacks reißt. Schon etwas unheimlich auf dem schmalen Pfad zu gehen an dem es rechts doch ziemlich steil hinunter geht, da heißt es konzentrieren. Schließlich erreichen wir die Abzweigung, die auf den Gipfel führt. Einerseits nur ein geringer Umweg von 500 Metern, aber andererseits ist wohl absehbar, dass der Ausblick eher bescheiden wird. Doch da wir jetzt so nah davor sind entschließen wir uns trotzdem den kleinen Schlenker in Kauf zu nehmen. Wenig überrascht darüber finden wir uns in einer grauen, tristen Suppe wider. Wie man sieht sieht man nichts, aber trotzdem haben wir den Gipfel erklommen und dieses Glücksgefühl kann auch nicht von der ausbleibenden Sicht geschmälert werden.

Dann heißt es auch schon – weiter gehts, denn der Wind wird immer stärker und hier oben sucht man jeden Schutz davor vergeblich. Dicht hintereinander setzten wir den Weg fort. Das Grasland vom Anfang hat sich mittlerweile in grobes Geröll gewandelt, sodass der Wind uns nur so entgegen peitsch. Plötzlich hören wir ein ächtzendes Greischen. Reflexartig schnellen unsere Blicke in die Luft und versuchen im dichten Nebel auszumachen, wer oder was das Geräusch verursacht hat. Ich sehe zwei große Schwingen, die mit einem präzisen Landemanöver genau zwischen Tobi auf der einen Seite und Max und mir auf der anderen Seite den Boden berühren. Wir drei stehen versteinert da, denn jeder hat sich doch etwas erschrocken so ungewarnt aus der monotonen Stille gerissen zu werden. Doch bei näherer Betrachtung handelt es sich um einen Kea. Er ist in dieser Region heimisch und ebenso wie viele andere Vogelarten vom Aussterben bedroht. Neben der Tatsache, dass er der einzige Bergpapagei der Welt ist trägt sicher auch sein prachtvolles Federkleid dazu bei, dass er von vielen Wanderern bewundert wird. Intensive Grüntöne, jedoch in den verschiedensten Farbstufen tarnen ihn perfekt. Die leuchtend, roten Flügelfedern zeigen sich nur wenn man auf die Unterseite der Schwinge sieht. Neugierig macht der Papagei einen Satz in unsere Richtung – direkt weichen wir einen Schritt zurück. Grundsätzlich geht von den Keas keine Gefahr aus jedoch sind sie nicht gerade scheu und ergattern was sie nur kriegen können – bei dem scharfen Schnabel will man es da lieber nicht darauf ankommen lassen. So gehen wir vorsichtig an ihm vorbei und betrachten ihn noch eine Weile aus sicherer Entfernung.

Nach und nach reißen die Wolken auf und wir bekommen einen spektakulären Ausblick auf die tief zerfurchte Landschaft und die dazwischen liegenden Seen geboten. Diese fjordartige Szenerie stellt etwas völlig neues dar, was wir so bisher noch nicht auf unserer Reise gesehen haben. Das ständige Wechselspiel von Licht und Schatten unterstreicht das mystische Erscheinungsbild zusätzlich. Schließlich ist es die Kälte die uns zum Weitergehen zwingt. An einem Holzunterschlupf machen wir eine kurze Pause, um für ein paar Minuten dem starken Wind zu entgehen, bevor wir das finale Stück Weg in Angriff nehmen. Besonders jetzt bei dem Wetter merkt man Schultern und Beine schon ein wenig, doch ein letztes Mal für heute wird unserem Körper noch die letzte Kraft entzogen. Eine lange teils sehr rutschige und steile Passage führt den Berg hinunter ins Tal, in dem der Campingplatz für die heutige Nacht liegt. Da will man einfach nur noch ankommen, etwas warmes, trockenes anziehen und den Rucksack absetzen. Doch die letzten Kilometer ziehen sich wie Kaugummi und irgendwann verfalle ich in einen Trott. Wie bei einem Tausendfüßler lasse ich das Geröll sich einfach unter meinen Füßen durchschieben. Die bewussten, gezielten Schritte vom Anfang haben sich zu einem spannunslossen Flatschen gewandelt. Mir geht alles durch den Kopf außer die Frage wie lange es wohl noch sein wird.

Wie bei Hänsel und Gretel lässt sich hinter der nächsten Tannengruppe ein kleines Häuschen erahnen – die Hütte, Gott sei dank direkt nebendran liegt der Campingplatz – sie haben ihr Ziel erreicht. Wir haben es endlich geschafft und alle sind sichtlich erleichtert darüber. Die drei Bierflaschen die Max extra mitgeschleppt hatte, machen das ganze perfekt … darauf stoßen wir erst einmal an. Doch nach dem Abendessen sind es wieder einmal die Sandflys die uns in die Zelte zwingen. 

Am nächsten Tag lassen wir es ruhig angehen. Die dritte Etappe ist zwar mit 24 Kilometern die längste, aber es geht überwiegend flach – ein Segen nach dem Steilhang von gestern. Nach dem Frühstücken heißt es ein letztes Mal Rucksack aufschnallen, Wanderstöcke in die Hand und los gehts. Die Pflanzenwelt erinnert jetzt wieder an den Anfang unseres Tracks, dichter Wald, Moos und hoher Farn. Man merkt sichtlich, dass es der dritte Tag ist, denn jeder geht ein wenig für sich und die Unterhaltungen sind auch eher flüchtig. Nicht nur ich sonder auch die Jungs scheinen doch etwas geschafft zu sein und obwohl der Rucksack durch den Proviant, den wir verputzt haben faktisch viel leichter ist, wirkt er trotzdem tonnenschwer auf unseren Schultern. Die letzte Hütte des Weges kommt uns mit ihren Picknickbänken gerade recht, um eine Rast einzulegen. Mit Blick auf den See genießen wir unsere Mittagspause. Hier schafft es auch die große Horde an Tagestouristen hin. Diese erkennt man nicht nur an der total wanderuntauglichen Kleidung sondern auch am frisch, geduschten Geruch, was wir alle drei nun wirklich nicht von uns behaubten können. Man vergisst fast ein bisschen die Zeit und hier an diesem schönen Ort ist man gar nicht so darauf aus ihn wieder zu verlassen. Doch nach fast zwei Stunden Pause rappeln wir uns ein letztes Mal auf.
Kurz vor Schluss führt uns ein Holzsteg durch eine Art Moor, das ich zugegebenermaßen hier nicht erwartet hätte. Dann sieht man die schwingende Hängeseilbrücke über die wir gekommen waren. Wir haben es geschafft! Glücklich und erleichtert lassen wir uns in die Autositze fallen und steuern einen Campingplatz mit Duschmöglichkeit an – manchmal sind es eben die kleinen Dinge dir einen glücklich machen 😉


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