aus der Sicht von Tobias

Nachdem es für Deborah und Max durch Malaysia ging, rundete ich meine letztjährige Reise durch Indonesien in Sumatra ab. Letztes Jahr reiste ich mit zwei Freunden bereits von Jarkarta bis runter nach Bali. In den zweieinhalb Wochen war für den nördlichen Teil Indonesiens leider keine Zeit mehr. Ich wollte mir diese Gegend unbedingt ansehen und hatte hier eine wirklich wundervolle Zeit.

12 Tage später ging dann mein Flug von Medan aus nach Phnom Penh in Kambodscha. Ich habe mich sehr gefreut Deborah und Max wiederzusehen und unsere Reise als Trio fortzusetzen. Wir passen als Team wirklich hervorragend zusammen und ergänzen uns perfekt. Mein Flieger landete knapp 1,5 Stunden vor den beiden. Also konnte ich mich schon am Flughafen mit der „Visa on Arrival“-Ausstellung vertraut machen. Zuvor hatte ich gelesen, dass das ganze ein wenig abenteuerlich sei, da die Ausstellung des Visas von sehr vielen Mitarbeitern des Flughafens durchgeführt wird. Und meine Erwartungen an einen aufregenden Prozess wurden nicht enttäuscht. Erst musste ein kleines Kärtchen ausgefüllt werden und der Reisepass wurde eingezogen. Dabei ist mir immer ein wenig mulmig zu Mute, da der Reisepass eine der wichtigsten Unterlagen auf Reisen darstellt. Sprich: Den verliert man ungern. Danach wurden 30$ eingesammelt und man wartet mit vielen anderen Ankömmlingen auf die hoffentliche Gewährung des Visas. Der Prozess dauerte knapp eine Stunde und war vollkommen unübersichtlich. Aber es hat am Ende alles funktioniert. Visa erhalten und Reisepass auch zurück – es fügt sich immer alles.

Ich bezog außerhalb des Flughafens Position im „Arrival-Bereich“ und wartete auf die beiden. Der Flieger landete planmäßig. Also konnte es nur noch knapp eine Stunde dauern bis wir uns wieder in die Arme schließen würden. Die beiden kamen freudestrahlend aus dem Flughafen heraus. Es tat sehr gut die beiden wiederzusehen und zu wissen, dass wir genau da anschließen würden, wo wir uns vor ein paar Wochen getrennt hatten.

Ich war ziemlich aufgeregt, denn die beiden hatten für unseren mehrtägigen Aufenthalt in der Hauptstadt Kambodschas einen Couchsurfing-Platz organisiert. Wie man in den vergangenen Blogs auch nachlesen kann, haben die beiden bereits richtig gute Erfahrungen damit gemacht, weil man durch den Aufenthalt bei Locals viel mehr über das Leben und die Kultur des Landes erfährt. So etwas habe ich noch nie gemacht und ich hatte absolut keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Die erste Kunst bestand darin die Adresse mitten in Phnom Penh zu finden. Weder der Tuk-Tuk-Fahrer noch einige neben der Straße sitzende Bewohner des Viertels konnten uns zu 100% beschreiben, wo wir die Wohnung von Wynd finden. Mit vereinten Kräften schafften wir es dann schließlich die Haustür ausfindig zu machen. Wynd war allerdings noch nicht da. Wir kontaktierten ihn per WhatsApp und er erreichte seine Wohnung eine halbe Stunde später, da er noch auf seiner Arbeit war. Er führte uns in seine Wohnung und zeigte uns einen Raum in welchem wir übernachten würden. Es nennt sich zwar Couchsurfing, aber eine Couch für drei Personen hat wahrscheinlich in den wenigsten Fällen jemand in Kambodscha zu Hause herumstehen. Doch für uns war das kein Problem. Wir sind ja bereits in Sachen Camping erprobt und schlugen unser Lager auf dem Boden auf.
Wynd fackelte nicht lange und fragte uns, ob er uns ein typisches kambodschanisches Restaurant zeigen könnte. Wir nahmen das sehr gerne an, denn wie gelangt man sonst an solche Geheimtipps? Wir gingen in ein kleines Restaurant und es gab Banh Cheav (hauchdünner Pfannkuchen gefüllt mit Hackfleisch und allerlei Gemüse; dazu wird ungefähr ein Kilo frische Minze gereicht). Nach einer langen Anreise war dies eine Wohltat.
Am nächsten Morgen bereitete uns Wynd kambodschanisches Frühstück zu (Reis mit eingelegtem Rindfleisch). Wynd ist mangosüchtig. Ja … mangosüchtig. Er vertilgt die Früchte rund um die Uhr und hat immer knapp 5 Kilo zu Hause deponiert. Der Geschmack der Frucht hat mich jedesmal aufs Neue fasziniert. Es steckt viel mehr Gehalt und Geschmack darin, als das bei den Mangos in Deutschland der Fall ist.

Im Anschluss an das reichhaltige Frühstück ließen wir drei uns ein wenig durch die Stadt treiben, besuchten das Nationalmuseum und aßen bei einigen Streetfood-Ständen. Als wir zurück kamen, bereitete uns Wynd ein weiteres kambodschanisches Gericht zu. Es gab Suppe mit Hähnchen und würzigen Kräutern. Wir tauschten uns viel über die Kultur und das Leben aus. Er wollte natürlich auch sehr viel über unser Leben in Deutschland erfahren und wir waren sehr froh, dass er uns sehr hilfreiche Tipps für unseren Aufenthalt in Kambodscha geben konnte. Er sorgte wirklich dafür, dass wir uns wie zu Hause fühlen konnten.

Für den nächsten Tag stand wieder Kultur und Geschichte auf dem Plan. Kambodscha hat eine sehr traurige Vergangenheit, die noch nicht lange zurückliegt. Von 1975-1979 verloren Millionen von Kambodschanern ihr Leben unter der Herrschaft der Roten Khmer. Ein begangener Völkermord, der mir jetzt noch kalte Schauer über den Rücken treibt. Wynd legte uns nahe, einen Film namens „First they killed my father“ anzusehen, bevor wir uns dem Gefängnis S-21 und den Killing-Fields widmen. Das war ein sehr wertvoller Tipp, um die Hintergründe besser zu verstehen und sich ein erstes Bild von dieser für das Land schrecklichen Zeit zu machen.

Über die beiden besuchten Stationen möchte ich mich hier nicht zu sehr auslassen. Gesagt aber sei: Dass wir drei es als ein Muss gesehen haben und es auch jedem nahelegen sich dieser Geschichte mit Respekt zu widmen, da es dieses Land geprägt hat. Die Strukturen zu sehen, die die Menschen mittlerweile wieder aufgebaut haben, um ein relativ normales Leben führen können, haben uns sehr beeindruckt. Die Informationen über die Abläufe und grundlosen sowie barbarischen Hinrichtungen haben uns sehr getroffen, weshalb ich den Besuch der beiden Stationen aus Respekt der Opfer gegenüber nicht weiter beschreiben möchte. Das wäre geschmacklos und würde sich falsch anfühlen. Dennoch sind wir drei uns bei einer Sache einig: Wenn man Kambodscha besucht, ist ein Besuch dieser beiden Stationen in unseren Augen Pflicht, auch wenn es betroffen macht. Doch so kann man sein Interesse für das Land und aufrichtiges Beileid zeigen.

Wie bekommt man jetzt die Kurve?
Wir wollten Wynd etwas nach der kulinarischen Verwöhnung zurückgeben. Also zogen wir los und besorgten alle erforderlichen Zutaten, um abends die original saarländischen Wasserspatzen für ihn zuzubereiten. Die Zutaten zu finden war gar nicht so einfach, weil es eher untypisch ist in Kambodscha westlich zu kochen. Doch wir legten uns ins Zeug und ich würde sagen, das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Wynd war ebenfalls sehr begeistert von der saarländischen Hausmannskost und langte richtig zu. Es war sogar noch Mehl übrig, um ihm am nächsten Morgen Pfannkuchen zu servieren. Das war das Mindeste, das wir machen konnten, um uns für seine Obhut zu bedanken. Mein Fazit von meiner ersten Couchsurfing-Erfahrung ist durchweg positiv und ich denke, dass ich Couchsurfing auf meiner weiteren Reise definitiv weiter nutzen werde.

Dann war es Zeit für uns Richtung Siem Reap aufzubrechen, um uns die Tempelstadt Angkor Wat anzusehen. Wieder mit unseren Rucksäcken auf den Schultern ging es los Richtung Busbahnhof. Dann passierte es: Beim Absteigen eines sehr hohen Bordsteins knickte Deborah sehr unglücklich um. Das Fußgelenk gab für einen kurzen Moment unter der ganzen zu tragenden Last auf dem Rücken nach. An ein Weitergehen zum Busbahnhof war nicht zu denken. Es bildete sich eine große Menschentraube um uns herum. Alle waren besorgt und Max organisierte direkt Eis zum kühlen des Knöchels. Ich habe beim Fussballspielen schon einmal gesehen, wie sich jemand die Bänder abreißt und wie schnell das Ganze anschwillt. Das war bei Deborah glücklicherweise nicht der Fall. Somit konnten wir eine schwere Verletzung ausschließen. Trotzdem war die Situation schon schlimm genug, da Deborah nicht mehr auftreten konnte. Für viele wäre der Trip an dieser Stelle zu Ende gewesen, doch wir behielten die Ruhe und wägten unsere Optionen ab. Ein Besuch von Angkor Wat, bei dem wir sehr viel zu Fuß und mit dem Fahrrad unterwegs sein würden, war undenkbar zu stemmen. Die Insel Koh Rong war eigentlich nach Siem Reap angedacht. Wir entschlossen uns gemeinsam den Besuch der Insel vorzuziehen, um Deborah und ihrem verletzten Knöchel die nötige Ruhe einzuräumen. Alles andere hätte in dieser Situation auch nichts gebracht, da die Tempelstadt das Non-Plus-Ultra darstellt. Dieses Erlebnis wollten wir zu dritt teilen. Also ließen wir uns von einem Tuk-Tuk-Fahrer zu einem nahegelegenen Ticket-Office fahren. Alle Gepäckstücke in und auf dem Tuk-Tuk unterzubringen erwies sich als echte Kunst. Während der Fahrt hatte der Fahrer Angst, dass das dünn folierte Dach unter der Last durchreißt, weswegen wir mit unseren Armen Gegendruck ausübten, um das zu verhindern. Am Ticket-Office angekommen, buchten wir kurzerhand einen Bus in die Hafenstadt Sihanoukville. Von hier verlassen die Boote den Hafen in Richtung der Inseln. Der Bus sollte um 17:30 Uhr, nach 4 Stunden Fahrt, dort ankommen. Also noch genügend Zeit sich vor Ort eine Unterkunft und etwas zu essen zu suchen. Denkste! Der Bus benötigte bei dem ständig stockenden Verkehr 2 Stunden länger als geplant. Somit war es stockdunkel als wir in Sihanoukville aus dem Bus stiegen. Nicht gerade die besten Bedingungen, um sich dann mit vollem Gepäck eine Unterkunft zu suchen. Die fehlende Internetverbindung machte das ganze nicht einfacher. Max kümmerte sich um Deborah und ich lief bereits ein paar Meter vor, um nahegelegene Unterkünfte zu inspizieren. Der Weg war für Deborah sehr beschwerlich, denn es ist wirklich schwierig sich ohne Hilfsmittel wie Krücken fortzubewegen. Das erste Hotel war keine Option, weil die Inhaber unglaubliche 40$ pro Nacht und pro Bett verlangten. Ein Zimmer im Hotel nebenan war dann für 40$ zu haben. Obwohl dieser Betrag unser Reisebudget ganz schön strapaziert hat, entschlossen wir uns das Zimmer zu beziehen, da wir keine andere Wahl hatten. Ausgehungert gingen Max und ich los, um Essen zu organisieren. Wir hatten in der Nähe einige Streetfood-Stände gesehen und wollten hier unser Essen kaufen. Auf einmal fing es an in Strömen zu regnen und die Straßen standen innerhalb von einer Minute knöcheltief unter Wasser. Und was dann passierte, war nicht zu glauben. Wir standen direkt vor den Köchinnen…und ich meine wirklich direkt davor – beide bereits komplett nass und wollten Essen bestellen. Wir wurden komplett ignoriert. Beide Frauen behandelten uns wie Luft und waren nicht gewillt mit uns zu sprechen. Schließlich wurden wir von einem Mann bemerkt, der zu uns kam und fragte, was wir wollen. Normal kann man ja mit Händen und Füßen erklären was man will. Doch da gehören immer Zwei dazu. Lange Rede kurzer Sinn: Wir erhielten dann doch nach langem Lamentieren ein wenig Essen, rannten durch die Sturzbäche zurück, kauften für jeden noch ein Bier und waren letztendlich froh ein Dach über dem Kopf zu haben. Am nächsten Morgen brachen wir dann Richtung Hafen auf … beziehungsweise: wir wollten gerne aufbrechen. Die ersten 5 angesprochenen Tuk-Tuk-Fahrer wollten uns per tu nicht mitnehmen. Sie zogen es vor, lieber Leerfahrten zu machen oder zu schlafen. Da wussten wir, dass mit dieser Stadt irgendetwas nicht stimmt.

Wir fanden dann doch noch einen Fahrer, welcher uns zum Hafen brachte und orderten dort die Tickets nach Koh Rong. Unsere Unterkunft konnten wir dann vorab buchen. Das gab ein wenig Sicherheit und etwas, an dem man sich nach diesen Erlebnissen festhalten konnte. Wir waren wirklich froh jetzt ein paar Tage entspannen zu können. Wir bezogen unser Zimmer im Dachgeschoss und ein Blick ins Bad ließ uns fast aufstoßen. Das ganze Bad…also wirklich jede Armatur war von einer Katze komplett verschissen. Das Hostel kümmerte sich jedoch direkt darum. Wir dachten schon, dass uns Kambodscha anfängt böse Streiche zu spielen. Als der Mitarbeiter des Hostels sich immer wieder nach Deborah’s Fuß erkundete, warf er ein, dass er im letzten Jahr selbst Krücken benötigt hätte und dass irgendwo auf der Insel noch welche zu finden seien. Und 2 Stunden später hatte er die Krücken für Deborah organisiert. Das war wirklich ein feiner Zug. Auf Koh Rong vertrieben wir uns dann die Zeit mit sehr sehr gutem Essen (die beste Steinofenpizza, die ich seit langem gegessen habe), baden im Meer und einigen Beachvolleyballmatches mit den unterschiedlichsten Nationen (Frankreich, Lybien, usw.). An Bewegung war für Deborah leider nicht zu denken, aber durch ständiges Kühlen und Ruhighalten  des Fußes, konnte man langsam erkennen, dass die Schwellung zurückgeht.

Dann war es Zeit, die Insel zu verlassen, wenn wir noch Angkor Wat besichtigen wollten. Wir buchten einen Nachtbus von Sihanoukville nach Siem Reap. Der Bus sollte um 20:00 Uhr abfahren. Die letzte Fähre von Koh Rong nach Sihanoukville sollte um 16:00 Uhr ablegen. Mit einer Fahrtdauer von 50 Minuten hätten wir also genug Zeit gehabt, um noch gemütlich etwas zu essen und Geld abzuheben (wir hatten noch 4$ in unserer Tasche). Es war 16:00 Uhr und es war keine Fähre in Sicht. Wir wurden auf 17:00 Uhr vertröstet. Um 17:00 Uhr war immer noch keine Fähre zu sehen. Um 18:00 Uhr kam die Fähre schließlich an. Mit Ausladen des Materials, welches auf der Insel benötigt wurde, dauerte es bis 18:30 Uhr bis wir ablegten. Wir wurden langsam nervös und waren auch sichtlich angefressen, da die Zeit drängte. Uns wurde versichert, dass der auf uns im Hafen wartende Transportbus uns direkt bei unserem Nachtbus absetzen würde. Wir waren erleichtert, dass wir das so regeln konnten. Aber wir hatten die Rechnung ohne Sihanoukville mit all seinen Eigenheiten gemacht. Der Fahrer wollte uns nicht zum Nachtbus fahren. Erst als wir laut wurden, willigte der Fahrer ein. Doch er sollte sein Versprechen nicht halten. Ich kam mir vor wie bei einem Kriegsgefangenentransport. Der versprochene Bus blieb aus und stattdessen wartete ein Transportlaster, dessen Pritsche mit einem Käfig ausgestattet und mit allen Touristen an Bord maßlos überfüllt war. Mir blieb nur der Platz auf dem Trittbrett, wo ich mich verkrampft festhalten musste, um nicht während der Fahrt auf dem Asphalt zu landen. Deborah (die im Fahrerhaus saß) fand mittels Standorterkennung heraus, dass der Fahrer bewusst an unserem Nachtbus vorbeifuhr. Deborah stoppte den LKW und der Fahrer gab zu, dass er nicht vorhabe, uns zu unserem Bus zu fahren. Wir verließen wutschnaubend diese Szenerie und investierten unsere letzten 4$ in ein Tuk-Tuk zum Nachtbus. Wir kamen 10 Minuten vor Abfahrt des Nachtbusses an. Ich konnte noch schnell zum nahegelegenen Geldautomat rennen und Geld abholen. Der Automat spuckte allerdings nur 100$-Noten aus. Das war wirklich nicht unser Glückstag. Denn in Kambodscha gibt es nur wenige Stellen, die 100$ in kleinere Scheine wechseln können. Somit ging es ohne etwas zu Trinken oder zu Essen in den Nachtbus. An der ersten Pausenstation schenkte mir ein Amerikaner 2$, damit wir uns wenigstens etwas kaufen konnten.

Nun schwenken wir aber wieder in die positive Richtung…
In Siem Reap kamen wir morgens um 6:00 Uhr an. Den Check-In konnten wir noch nicht vollziehen. Dieser war erst ab 15:00 Uhr möglich. Erstmal hieß es Geld wechseln, die weitere Vorgehensweise planen und natürlich Frühstück besorgen. Ein kleines französisches Café um die Ecke bot guten Kaffee und stabiles WLAN. Ebenso gab es neben dem Café einen kleinen Stand mit belegten Baguettes für kleines Geld. Da Deborah sich noch Ruhe gönnen musste, fuhren Max und ich mit geliehenen Fahrrädern los, Richtung Angkor Wat. Am nächsten Tag würden wir gemeinsam mit Deborah einen Tagestrip dorthin zum Sonnenaufgang unternehmen. Hierzu buchten wir einen Tuk-Tuk-Fahrer, der uns am Baguettestand in fließendem Englisch ansprach und auch die Geschichte der gesamten Tempelstadt auswendig wusste.

Max und ich spulten an diesem Tag knappe 40km in praller Sonne auf dem Rad ab. Und wir waren von dem Anblick der Tempelstadt schlichtweg überwältigt. Man kann es nicht anders sagen – es war überwältigend. Im 10. Jahrhundert wurde begonnen, diese Anlage mit knapp 400 Tempeln verschiedenster Größen und Formen aufzubauen. Auf meinen Reisen durch Asien habe ich bereits viele Tempel zu Gesicht bekommen (buddhistische, burmesische und hinduistische), doch so etwas hätte ich mir im Leben nicht träumen lassen. So viele Details und Verzierungen – einfach unglaublich. Man fährt wie durch eine ja…regelrechte Stadt. Uns beiden fiel ein relativ „kleiner“ Tempel ins Auge, der ein wenig zurückgelagert war. Von Neugier (und der Sehnsucht nach einem schattigen Plätzchen) getrieben, ging es vorbei an einigen Affen, die Wache hielten. Auf einmal standen wir vor einem sehr steilen Aufstieg. Und wir wurden wie damals beim Aufstieg zum Roys Peak nicht enttäuscht. Der Tempel hatte, obwohl er nicht der Größte auf dem Gelände war durch seine Lage und seinen speziellen Aufstieg etwas Magisches.

Als wir unsere Fahrradtour fortsetzten und uns darüber austauschten, ob die relativ fülligen Affen nun wirklich dick oder trächtig seien, bemerkten wir ein Pärchen am Straßenrand, die sich gerade berieten, wohin sie als nächstes radeln sollten. Als ich genauer hinsah, erkannte ich Susanne und Philipp, die ich in Sumatra kennengelernt habe. Ich wusste, dass die beiden in Siem Reap unterwegs sind und dass man sich höchstwahrscheinlich zum Abendessen treffen würde. Ich habe mich schon sehr darauf gefreut, diese beiden Frohnaturen Max und Deborah vorzustellen. Dass man sich dann direkt und unabgesprochen in dieser riesigen Tempelstadt trifft, war jedoch sehr sehr unwahrscheinlich. So spielt das Leben jedoch manchmal. Wir taten uns direkt zusammen und besichtigten einige Tempel gemeinsam und erzählten von unseren Erlebnissen seit wir uns in Sumatra getrennt hatten.

Nach dem ersten Tag in Angkor Wat hatten Max und ich uns einen ersten Überblick verschafft. Und wir berichteten Deborah voller Enthusiasmus auf was sie sich freuen könne. Abends trafen wir uns dann mit Susanne und Philipp wie geplant zum Abendessen und saßen bei dem ein oder anderen hopfenhaltigen Kaltgetränk zusammen.

Wir wurden am nächsten Morgen um 4:30 Uhr von unserem Fahrer abgeholt und er organisierte sogar, dass wir an die Ostseite des Haupttempels fahren konnten, damit Deborah so nah wie möglich an den Tempel heran konnte. Das war denke ich der Punkt an dem die positiven Erfahrungen und Erinnerungen an Kambodscha wieder überwiegen. Unser Fahrer fuhr uns für knapp 8 Stunden durch die Tempelstadt, hielt immer wieder an und erzählte uns die Geschichten zu den einzelnen Tempeln. Der Haupttempel wird von einem riesigen Wassergraben umschlossen. Als wir unseren Fahrer fragten, ob dies zur Verteidigung sei, schüttelte er den Kopf und erzählte uns, dass das Wasser genutzt wird, um den sandigen Boden, auf welchem der Tempel steht, zu festigen. So kann der Tempel nicht absinken. Außerdem erfuhren wir, dass es nur 37 Jahre brauchte, um dieses gewaltige Bauwerk zu errichten. Man beeilte sich, um dem König, der den Tempel in Auftrag gegeben hat, noch die Chance zu geben, die Fertigstellung mit zu erleben.

Ein weiterer Tempel sah noch recht neu und gerade fertiggestellt aus, weshalb wir nach dem Grund fragten, denn außer Reparaturen und ein wenig Restauration, um die Stabilität zu gewährleisten, wird an den Tempeln nichts verändert. Die Antwort ließ uns alle drei schmunzeln. Kurz vor Fertigstellung des prachtvollen Tempels, schlug ein Blitz in die Spitze des Turmes ein. Der König sah das als ein Zeichen von bevorstehendem Unglück und befahl seinen Arbeitern einen neuen Tempel zu errichten. Somit wurde der „Blitz-Tempel“ nie genutzt und sieht deshalb noch so frisch aus.

Da Deborah noch nicht auftreten konnte, nahmen Max und ich sie abwechselnd Huckepack, damit sie auch die Tempel von innen sehen konnte, denn wenn man schon mal die Gelegenheit hat, sollte man diese auch wahrnehmen können. Ich denke für Deborah waren die Tempel ebenfalls ein besonderer Ort. Zwar war der Sonnenaufgang nicht so spektakulär wie erwartet, doch das musste er auch nicht sein, da die Tempel für sich selber sprechen und einem den Atem rauben. Der teilweise von Bäumen verschlungene Tempel Ta Phrom wird bis heute als „Tomb Raider Tempel“ bezeichnet. Der in 2001 gedrehte Film „Lara Croft: Tomb Raider“ mit Angelina Jolie in der Hauptrolle sorgte in gewissem Maße dafür, dass der kambodschanische Tourismus und die Aufmerksamkeit für Angkor Wat, seit der Schreckensherrschaft der Roten Khmer, wieder Fahrt aufnahm. Aber genug erzählt, wir lassen die Bilder für sich sprechen 🙂

Wir trafen uns die nächsten zwei Tage wieder mit Susanne & Philipp und besuchten auch die berüchtigte Pub Street in Siem Reap, um nach der ganzen Kultur auch mal das Nachtleben ausgekostet zu haben. Die Bars lockten mit günstigem, gezapftem Bier (0,50 $ pro Glas) und guter Musik. In einigen Bars waren Frauen engagiert, um die westlichen Touristen zu bezirzen. Wie auch immer…wir hatten eine gute Zeit im Nachtleben von Siem Reap. Und dann traf ich einen Kambodschaner, der aus Sihanoukville kommt, nach Kalifornien auswanderte, Millionär wurde und dann nach Siem Reap zog. Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf und fragte ihn: „Kannst du mir erklären, was in Sihanoukville los ist? Warum sind die Menschen da so ignorant? Wenn ich etwas falsch verstanden habe, möchte ich es verstehen.“ Er berichtete mir, dass Sihanoukville von den Chinesen nahezu aufgekauft wurde und das dazu führt, dass die Inhaber von Geschäften und Straßenständen dazu angehalten sind, sich ausschließlich chinesischen Touristen zu widmen. Er sagte, dass ich mir folgendes vorstellen müsse: „Wenn sich dir die Möglichkeit bietet zwischen einem Rucksackreisenden und einem chinesischen Touristen zu wählen, werden die Menschen in Sihanoukville immer den chinesischen Touristen wählen. Der chinesische Tourist gibt 10mal mehr Geld aus als der Rucksackreisende. Mit Rucksackreisenden kann man kein Geld verdienen. Es tut mir leid dir das so zu sagen, aber so ist da hinten das Gesetz. Aus diesem Grund bin ich auch nicht mehr dorthin zurückgekehrt, da ich diese Einstellung nicht guten Gewissens teilen kann.“.

Wir sprachen noch lange Zeit und ich habe es vom Ablauf her verstanden. Ich heiße es nicht gut, aber es ist verständlicher geworden. Trotzdem hat das zur Konsequenz, dass die westlichen Touristen zu Hause schlecht über Sihanoukville sprechen werden und gerade im Saarland wissen denke ich alle, wie Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert. So lange aber Chinesen reisen werden (also immer), wird sich diese den Menschen aufgezwungene Verhaltensweise nicht ändern. Am Ende zählt in dieser Region von Kambodscha nur der Profit und das Erlangen von Profit wird in westlichen Touristen nicht gesehen. Wir finden es sehr traurig, dass wir diese Erfahrung machen mussten und dies unser Bild von Kambodscha ein wenig negativ beeinflusst hat, doch auch das gehört auf Reisen dazu.

Dafür haben wir auf unseren anderen Stationen durch das Land sehr viele herzliche und freundliche Menschen kennengelernt, die uns gezeigt haben, dass es auch eine andere Seite von Kambodscha gibt und diese überwiegt. Ein großes Dankeschön nochmal dafür 🙂
Nun steigen wir in den nächsten Nachtbus von Siem Reap Richtung Ho-Chi-Minh (Saigon). Es geht also nach Vietnam. Mein letzter Besuch liegt knapp 4 Jahre zurück und war meine erste Südost-Asien-Erfahrung. Ich habe alles in guter Erinnerung und bin sehr gespannt, was Max und Deborah von Vietnam halten werden.

Man darf also auf die nächsten Blogs gespannt sein 😉


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