aus der Sicht von Deborah

Wohlige Wärme und die ersten Sonnenstrahlen im Gesicht wecken mich an diesem Tag. Ein erster Blick aus dem Fenster unseres Vans verspricht klaren, blauen Himmel. „Alles Gute zum Geburtstag“, sagt Max, als ich mich zu ihm drehe. Beim Frühstück hält er mir sein Handy hin und meint: “ Auch wenn es noch ein bisschen dauert, kannst du dich schon mal darauf freuen, das ist dein Geschenk“. Der Display des Handys zeigt zwei Seeed-Konzertkarten für 2019. Ich freue mich riesig und kann es jetzt schon kaum erwarten. Ein erster Blick auf mein Handy und bei all den Nachrichten ist es schön zu wissen, dass auch viele aus der Heimat heute an mich denken.
Diesen Geburtstag werde ich wohl so schnell nicht vergessen, doch nicht nur weil ich ihn auf einem anderen Kontinent feier, sondern weil es wahrscheinlich auch der einzige sein wird, an dem wir ca. zwölf Stunden im Auto verbringen werden. Es geht in den Mittleren Westen, wo uns viel versprechende Landschaftszüge erwarten. Doch bis dahin heißt es erst einmal: „Wie sie sehen, sehen sie nichts“. Wir lassen die Großstädte des Ostens hinter uns und begeben uns ins Niemandsland. Die Straße führt scheinbar endlos geradeaus, gesäumt von riesigen Maisfeldern, eins am Anderen. Hin und wieder wird dieses Grün durch das Gelb von ähnlich großen Sonnenblumenfeldern unterbrochen. Von Zeit zu Zeit ragt ein Silo scheinbar aus Mitten der Felder heraus und erst bei genauerem Betrachten erkennt man einen kleinen Hof mit den typischen roten Scheunen. Ab und zu kommen wir an verschlafenen Dörfern vorbei, die an zu Hause erinnern. Doch das ist erst der Anfang – je weiter wir uns nach Westen bewegen, desto karger wird das Land und bald werden die Felder von weiten, steppenartigen Flächen abgelöst. Lediglich die Strommasten und vereinzelte Briefkästen zeugen davon, dass sich irgendwo in der Prärie noch Leben befinden muss. Auch wenn viele uns bedauerten, als sie hörten, wie wir unsere Route fortsetzen wollen, muss ich sagen, dass mich die Gegend auf ihre eigene Art und Weise begeistert. Es tut gut die Seele baumeln zu lassen während man den Blick über die schier endlosen Ebenen schweifen lässt. So kann man das bisher Erlebte einmal sacken lassen.

 

Ein Schild verweist auf die nächste Abfahrt „Badlands“. Kurz nachdem wir den Eingang des Nationalparks passieren, gibt es einen extremen Szenenwechsel. Wie in einer anderen Welt wirken die canyonartigen Schluchten aus einem porösen Sandkieselgemisch.   Durch die Witterung entstanden wirken manche Formationen wie exakt konstruierte Zinnen. Andere wiederum erinnern mich an die Sandburgen, die wir als Kinder im Strandurlaub durch ein stetiges Tröpfeln von Wasser und Sand bauten – Hier hat Mutter Natur einen gigantischen Sandkasten geschaffen. Der hölzerne Steg lädt dazu ein, einen Blick hinter die ersten Erhebungen zu wagen. Gerade als wir diesen passieren hoppelt ein Hase vorbei und ich entdecke ein Schild, das vor Klapperschlangen warnt – gut zu wissen.
Der Ausblick der sich dann bietet ist unbeschreiblich. Geborgen in Mitten der umliegenden Hänge befindet sich saftig grünes Weideland. Es benötigt nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, wie einst Häuptlinge namenhafter Indianerstämme hier auf ihren Pferden durch ritten. Ehrfürchtig verweilen wir einen Moment auf der Spitze der Sandhänge und lassen uns den starken, kalten Wind um die Nase wehen. Auf dem weiteren Weg legen wir öfter kleine Stopps ein und von den Aussichtsplateaus bieten sich immer wieder neue Eindrücke. So schlängeln sich die Serpentinen weiter durch den Park und bei einem letzten Halt nehmen wir uns die Zeit, den Sonnenuntergang zu genießen. Die zerklüftete Oberfläche wirft mystische Schatten und die sandigen Türme werden in ein warmes glühendes Rot getaucht. Um uns herum herrscht völlige Stille, bis auf einige Grillen die die Dämmerung ankündigen. Majestätisch kreist ein Greifvogel über uns, als würde er mit den letzten Sonnenstrahlen noch einmal in seinem Reich nach dem Rechten schauen.

So neigt sich der Tag langsam dem Ende und da wir uns nur schwer von dem Gesehenen los reißen können, erreichen wir unseren Couchsurfing Host in Rapid City wesentlich später als geplant. Dieser hat jedoch vollstes Verständnis, als wir ihm von unserem Ausflug erzählen und begrüßt uns freundlich. Das moderne und schön eingerichtete Haus macht es uns einfach, sich wohl zu fühlen und so fallen wir nach einem langen Tag, tot-müde aber mehr als glücklich, in unsere Betten.
 

Am nächsten Morgen steht erneut eine zwei einhalb stündige Fahrt an. Es geht zum „Devilstower“ in Wyoming. Mitten im flachen Land erhebt sich eine steinerne Säule in den Himmel. Ähnlich wie die eines Turmes ist die Oberfläche des Felsens kantig und wirkt unnatürlich, wie von Steinmetzen bearbeitet. Laut einer der zahlreichen Indianerlegenden hatten Kinder einst in der Nähe des Berges gespielt, als sie von einem Bären angegriffen wurden. In ihrere Furcht vor dem Tier suchten sie Zuflucht auf der Spitze des Berges. Da der Bär aber nicht von den Kindern abließ, attackierte er mit seinen scharfen Krallen den Berg. So erhielt der Turm sein noch heute sichtbares, zerfurchtes Äußeres.
Auf einem Rundweg, der um den Fuß des Berges führt, zeugen schwarze Baumstümpfe davon, dass im trockenen, umliegenden Land scheinbar vor kurzem ein Waldbrand wütete. Die verbrannte Erde verdeutlicht wieder einmal, welche Kraft die Natur besitzt – doch dieser Anblick sollte nicht der letzte sein, wie wir in den kommenden Tagen erfahren.

Da der Weg recht weit ist und wir als kleines Dankeschön das Abendessen für Rebecca und David, unsere Gastgeber, kochen wollen, treten wir anschließend den Heimweg an. Um die Fahrt interessanter zu gestalten, entscheiden wir uns statt des Highways für eine Panoramastraße um zurück zu gelangen. Sie führt durch ein grün bewachsenes Tal, in dem ein kleiner Bach entlang des Weges plätschert – ein artenreicher Kontrast gegenüber dem zuvor gesehenen „toten Land“. Neben dem üppigen Wald sind hier auch putzige Streifenhörnchen zu Hause, die wie professionelle Models vor der Kamera posieren. Bei genauerem Hinschauen und Innehalten zeigt sich, dass es hier nur so vor Leben wimmelt.
Mit dem heutigen Ausflug zum Devilstower haben wir den letzten nördlichen Punkt unserer Route passiert. Von nun an geht es nur noch Richtung Südwesten – der Sonne entgegen.

Kategorien: Amerika

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.