aus der Sicht von Max

Es ist bereits der letzte Tag in Uruguay angebrochen und so machen wir uns erneut auf den Weg nach Argentinien. Beim Durchblättern des Reisepasses wirkt es mittlerweile, als hätten wir ein Abo mit den Grenzbehörden abgeschlossen – Seiten über Seiten gefüllt mit den blauen „Entrada“ und „Salida“ Stempeln des Landes, die mal schön akurat, mal kreuz und quer übereinander in den Pass gedrückt wurden.
Nun fragt sich der Ein oder Andere wahrscheinlich: „Warum denn schon wieder Argentinien? Noch immer nicht die Nase voll?“

Noch nicht ganz, denn eine Hauptattraktion steht noch aus – eines der 7 natürlichen Weltwunder, die Iguazú Wasserfälle! Doch zuvor legen wir einen Zwischenstopp in Posadas ein, um die Jesuitenruinen in San Ignacio unter die Lupe zu nehmen.
Kaum aus dem Bus gestiegen, wirkt es wieder als wären wir zurück im tiefsten Urwald Perus. Die Straßen ähneln denen, die wir in Tarapoto sahen und das Dorf wirkt sehr verschlafen. Ein kleiner Zaun trennt das mittlerweile als UNESCO Weltkulturerbe erklärte Areal vom Dorfkern ab.
Das kleine Museum, das über die Geschichte der damaligen Missionare erzählt, ist leider größtenteils auf Spanisch gehalten, sodass ich nur die groben Zusammenhänge verstehen kann. 1696 wurde hier die Reduktion erbaut, mit der Intention die heimische Bevölkerung zu bekehren. Die Jesuitenmission beherbergte zeitweise bis zu 4000 Personen, sowohl lokale Guarani, als auch Missionare.

Von der einstigen Blütezeit zeugen heute nur noch die steinernen Überbleibsel. Unter den Ruinen finden sich die Grundmauern der Kirche sowie mehrerer Wohnhäuser wieder. Die mächtigen Wände, die das Eingangstor des Gotteshauses flankieren sind nur noch stille Zeitzeugen, die an eine Tempelanlage in Südostasien erinnern. Ebenso sind die als Audioguide gedachten Informationsstände meistens leider verstummt. Entweder fehlen die Tasten, um die Sprachdatei widerzugeben, der Lautsprecher funktioniert nicht oder die angezeigte Sprache stimmt nicht mit der ausgewählten überein. Und so kommt es, dass wir unseren ersten Kontakt mit Portugisisch machen. „Oooh mein Gott!“, das kann ja noch lustig werden denke ich mir, als die Stimme aus dem Kasten herausschallter. Es klingt wie eine Mischung aus Russisch mit vereinzelten Brocken Spanisch und wir verstehen kein Wort – das kann interessant werden in Brasilien.
Zum besseren Verständnis ein kleiner Geschmack, zunächst auf Spanisch, anschließend auf Portugisisch. Erkennt ihr die Ähnlichkeit? „Wenn man Spanisch kann, ist Portugisisch nicht mehr so schwer zu verstehen.“ – vonwegen.

„Die beeindruckensten Wasserfälle der Erde“, das wollen wir doch mal sehen. Nach den Niagara Fällen sind die zu übertreffenden Erwartungen hoch und so begeben wir uns auf die argentinische Seite der Attraktion, genauer gesagt, nach Puerto Iguazú.
Ähnlich wie in Posads erschlägt uns zunächst die schwüle Hitze. Erschöpft von der langen Anreise, sind 36°C und gefühlte 100% Luftfeuchtigkeit, doch etwas zu viel für den Körper, sodass wir beschließen, einen Akklimatisationstag einzulegen. Was würde sich da besser eignen, als der Hostel eigene Pool?
Versteckt zwischen den Palmen des gemütlichen Gartens, liegt das kleine Schwimmbecken. Das Wasser ist angenehm warm, verschafft jedoch noch immer ein wenig „Abkühlung“. So sitzen wir mit einem weiteren Pärchen zusammen, unterhalten uns über erlebtes und beobachten, wie der Mond am Himmel wandert und die Sonne am Horizont verschwindet. Ein kühles Bier im Anschluss und schon kann es ins Bett gehen, denn der Wecker wird uns keine Erholung gönnen.

5:50Uhr, es sind noch immer 26°C, die Sonne ist bereits aufgegangen und nach einem kleinen Frühstück, machen wir uns auf den Weg zum Bus, der uns in den Nationalpark bringt. Nach einiger Internetrecherche soll man für die argentinische Seite der Fälle mindestens zwei Tage einplanen und so starten wir früh, um den Tag optimal ausnutzen zu können und eventuell der drückenden Mittagshitze zu entkommen.

Am Park angelangt, hat sich bereits eine lange Schlange vor dem Eingang gebildet, die sich jedoch zu meiner Überraschung schnell wieder auflöst. Routiniert entreißen die Angestellten das Ticket aus meinen Händen, halten es an den Scanner des Drehkreuzes, der sich direkt vor mir befindet und bedeuten mir mit einem Handzeichen, das auf das Aufleuchten des grünen Lichtes erfolgt, dass ich eintreten kann. Was würden wir nur ohne ihre Hilfe machen?

Der Park selbst ist erstaunlich grün und die wenigen Häuser und Verkaufsstände passen sich gut an die Umgebung an. Immer wieder huschen kleine Gestalten durch das Geäst am Wegrand. Es knistert und rascheld, Äste biegen und wanken und von Zeit zu Zeit ragt ein Schwanz senkrecht aus dem Grün. Die neugierigen Nasenbären im Park haben jede Scheu vor Menschen verloren und so laufen sie wie streunende Hunde umher. Die kleinen Gauner lassen sich nicht so leicht einschüchtern und so gilt es, alles was nicht niet – und nagelfest ist sicher zu umklammern.
Um dem ersten Andrang zu entgehen, begeben wir uns auf den „Green-Trail“, der eine Alternative zur gut besuchten, parkeigenen Bimmelbahn bietet. Die Hinweistafeln weisen auf eine üppige Fauna hin und nach unserem „Schleich-Crashkurs“ im Tapiche Reserve, kriegen wir vielleicht das ein oder andere wilde Tier vor die Linse. Doch wir haben die Rechnung ohne die anderen Besucher gemacht, die lautstark durch den Wald stapfen, sich in ohrenbetäubender Lautstärke unterhalten, was hier unten wohl zum guten Ton gehört, und sie geben sich überhaupt keine Mühe, die Stille zu genießen oder zu respektieren.
Hastig schreiten wir den urwaldähnlichen Pfad entlang, um die Gruppe hinter uns zu lassen und hoffentlich als erste zur Hauptattraktion, dem Devils Hole zu gelangen. Doch die dort hin führende Bahn ist bereits für die nächsten 45 Minuten ausgebucht, weswegen wir uns auf den parallel verlaufenden Fußweg begegnen möchten. Gerade als wir los wollen, gibt uns ein Einheimischer den Tipp, zunächst den „Lower Trail“ am Fuße der Fälle einzuschlagen, da um diese Zeit die Sonne besonders günstig stehe, um gute Bilder zu erhaschen. Und er sollte recht behalten.
Mit dem Uhrzeigersinn führt der Weg zunächst am Salto Alvar Nuñez Wasserfall vorbei, der sich mit der Zeit tief in den Fels gefressen hat und tosend durch die Schlucht hindurch rauscht. Mit dem aufsteigenden Sprühnebel und dem Morgenlicht bilden sich die Regenbögen in den intensivsten Farben.

Einige hundert Meter weiter, erreichen wir bereits die erste Aussichtsplattform auf die unzähligen Wasserfälle. Das Devils Hole in weiter Ferne, durch das aufsteigende Spritzwasser angekündigt. Der Anblick lässt überhaupt keinen Vergleich zu den Niagara Fällen zu. Völlig unterschiedlich, aber ebenfalls wunderschön. Das saftige Urwaldgrün, mit dem strahlendblauen Himmel und dem wilden, braunen Wasser ist ein gefundenes Fressen für die Kamera.
Der Lower Trail führt uns immer näher an den Bosetti Fall heran, bis wir schließlich unmittelbar vor dessen Fuße stehen. Bis auf wenige Meter gelangt man über die Aussichtsplattform an ihn heran – was ein beeindruckender Anblick! Der Park scheint noch menschenleer, da die Meisten direkt zum Devils Hole aufbrachen. Wir genießen die Ruhe, die auf den Pfaden herrscht und den vielen Platz, der sich auf den Aussichtspunkten bietet.

Der Upper Trail, wie der Name schon sagt, führt an der Oberkante der Wasserfälle entlang. Die unzähligen Aussichtsterrassen bieten dabei immer wieder spektakuläre Blicke in die Tiefe. Es ist mittlerweile zehn Uhr, der Schweiß steht auf der Stirn und die Sonne brennt nach wie vor erbarmunglos auf uns nieder. Der Park füllt sich derzeit spürbar mit immer mehr riesigen Gruppen, die meist einem laut plärrenden Regenschirm folgen. Nichts wie los, zur Hauptattraktion, um diese hoffentlich vor den anströmenden Massen zu erreichen.

Die gut ausgebauten Pfade erinnern mich an die Plitvicer Seen, die es auch Flip-Flop- und Gummi-Crocks-Trägern ermöglichen, wild mit ihren Selfiesticks fuchtelnd, die Attraktion zu erreichen. Der Weg zum Devils Hole ist eine einzige Drücker- und Schieberei durch die Menschenmassen und am Aussichtspunkt angelangt heißt es: warten, bis jeder sein Selfie-Shooting beendet hat. Ich kann den durchaus beeindruckenden Anblick kaum genießen, denn ständig quetscht sich jemand neues vor die Kamera, sodass wir uns zeitig auf den Rückweg begeben.
Die sich auftürmenden Gewitterwolken verheißen ohnehin nichts Gutes und so schüttet es wie aus Eimern, als wir im trockenen Bus zurück zum Hostel fahren.

Nachdem wir statt der angegebenen zwei Tage nur etwa einen halben benötigten, um alles zu sehen, sind wir optimistisch, dass wir die kleinere brasilianische Seite innerhalb von wenigen Stunden sehen können, um pünktlich um 12 Uhr mit dem Bus nach Rio de Janeiro zu starten. Früh starten wir am nächsten Morgen mit dem ersten Bus in Richtung der Grenze. Wir sind gut in der Zeit, doch als wir uns an der Kontrolle auf den Weg machen, unseren Stempel abzuholen, setzt sich der Bus bereits wieder in Bewegung – wäre wohl etwas zu viel verlangt die zwei Minuten zu warten?
Eine dreiviertel Stunde, die unseren ohnehin engen Zeitplan ziemlich ins Wanken bringt, bis der nächste Bus eintrifft. Eiskalt trifft uns die herrschende Zeitverschiebung, die uns eine weitere Stunde kostet und als der endlich nahende Bus uns nicht am internationalen, sondern am lokalen Busterminal absetzt, ist unser Plan endgültig gestorben. Nun gilt es, schnellstmöglich einen Weg zum richtigen Terminal zu finden – ein Wettlauf gegen die Zeit.

Mein Fazit? Ein wirklich beeindruckendes Natursschauspiel, das durchaus den Titel eines neuen Weltwunders verdient hat. Dennoch bleiben die Niagara Fälle mein Highlight, da sich die Besucherströme dort besser verteilen konnten und sich so der Anblick besser genießen ließ.


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