aus der Sicht von Max

Das erste Tageslicht dringt zwischen den dicken Vorhänge, die die Frontscheibe verdunkeln, hindurch. Es ist noch früh am Morgen und der Regen prasselt zart gegen das Glas. Ein vorsichtiger Blick hinaus und die Cordillera Blanca präsentiert sich mystisch, von den aufsteigenden Wolken umspielt. Die weißen, schneebedeckten Gipfel ragen imposant in die Höhe, doch der halsbrecherische Fahrstil des Busfahrers lässt meine Blicke schnell auf die Straße zurück kehren.
Die Stadt Huaraz liegt direkt am Fuße des Gebirges und dem Huascarán Nationalpark, der unzählige Bergsteiger, Wanderer und Abenteurer in die Region lockt. Von leichten Treks, über mehrtägige Wanderungen, bis hin zu Eisklettern und Gipfelbesteigungen wird für so ziemlich jeden etwas geboten. Und auch wir werden im von unserem Hostel angebotenen Programm fündig. Das „Andescamp Hostel“ besticht mit einer hervoragenden Lage, einem urigen Aufenthaltsraum, freundlichem Personal und täglichen organisierten Touren. Unter Anderem zwei Tagestouren zu dem Pastouri Gletscher auf 5000 Meter Höhe und der, für ihr türkis-blaues Wasser bekannten, Laguna 69. Doch zunächst heißt es: einen Ruhetag einlegen, damit sich er Körper an die Höhenluft gewöhnen kann. Optimal um die Stadt etwas zu erkunden und sich mit fehlender Ausrüstung einzudecken. Outdoor Läden gibt es in Hülle und Fülle in den kleinen Gassen, sodass schnell die fehlende Sonnenbrille gegen den blendenden Schnee und Handschuhe gegen die Kälte, für kleines Geld, gefunden sind.

Am Dorfplatz, dem „Plaza de armas“ findet ein kleiner Markt statt, auf dem frisches Obst und Gemüse sowie gebratenes Hühnchen oder Meerschweinchen angeboten wird. Die Sonne lässt sich blicken und die Kirche erstrahlt vor dem verschneiten Panorama. Bei dem Anblick geht wirklich jedem Liebhaber der Berge das Herz auf. Ein kleines Restaurant wirbt mit einer vollständigen Mahlzeit, bestehend aus Vorspeise und Hauptgang, für umgerechnet 2,50€ pro Person und auch das „handliche Bier“ besticht mit einem unschlagbaren Preis und einem schon fast von zu Hause vertrauten Geschmack. Die Speisekarte liegt nur in spanischer Ausführung vor, sodass die ein oder andere Überraschung vorprogrammiert ist.

Am nächsten Morgen werden wir pünktlich, wie vereinbart, um 9:00Uhr am Hostel abgeholt. Unser Guide, ein junger Mann schreitet strammen Schrittes voran, sodass es uns schwer fällt, ihm die steilen Treppen hinauf zur Hauptstraße, wo uns der Bus aufsammelt, zu folgen. Trotz unseres Ruhetages ist man noch immer schnell außer Atem. Das Herz rast, der Puls schießt in die Höhe und zum Unterhalten bleibt kaum Luft. Der Bus, ein kleiner Tourbus mit etwa 10, überwiegend einheimischen, Reisenden bringt uns nach einer Stunde Fahrtzeit zu einem, wohl vom Tourismus lebenden, Restaurant.
Ein Koka-Tee, der gegen die Höhenkrankheit helfen soll und weiter geht die Fahrt. Nach kurzer Zeit verlassen wir die asphaltierten Straßen. Der kleine Bus quält sich ächzend, klappernd und rappelnd die engen Schotterpisten ins Gebirge hinauf. Kurzer Tipp an dieser Stelle: Die Toilette noch im Restaurant aufsuchen – die holprige Straße ist der Horror mit einer vollen Blase!

Die spärlich vorhandene Vegetation gleicht einer Steppenlandschaft. Seltsam aussehende Säulen ragen, in der Ferne gruppiert, in die Höhe. Es handelt sich um die sogenannten „Pujas Raimondii“. Eine seltene und besondere Pflanze, die zu den Ananasgewächsen gehört. Sie ist in Peru, Bolivien und im Norden Chiles zu finden, jedoch nur in sehr stark begrenzten Arealen. Sie wächst lediglich zwischen 3500 und 4500 Metern, alles darunter oder über dieser Höhe ist kein geeigneter Lebensraum. Die Besonderheit dieser Pflanze hat zweierlei Grund. Zum Einen bildet sie mit acht Metern den längsten Blütenstand der Welt. Zum Anderen kann die Blütenpracht der Puyas, welche Kolibris und andere Vögel anlockt, trotz einer Lebensdauer von 100 Jahren nur ein einziges Mal für neun Monate bestaunt werden. Hier im Huascarán Park blühten 2016 über 100 der kuriosen Pflanzen zur gleichen Zeit, ein Schauspiel der Natur, welches so noch nie zuvor stattfand.

Immer steiler schlängelt sich die Piste an den Steinhütten, der dort lebenden Hirten vorbei, bis wir schließlich einen Parkplatz erreichen, von dem aus wir zum Gletscher aufbrechen. Der Pfad ist nicht besonders anspruchsvoll, doch die Höhenluft zwingt uns zu regelmäßigen Pausen, sodass wir nur langsam voran kommen. Hinzu kommt ein eiskalter Wind und einsetzender Schneefall. Die Handschuhe sind bereits jetzt jeden Cent wert. Wer sich den Fußweg nicht antun möchte, für den werden auch Pferde angeboten, auf deren Rücken ein Großteil der Strecke bestritten werden kann. Immer wieder überholen uns die Reiter, doch wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen.

Am Gipfel angekommen entlohnt der sich bietende Anblick für die Anstrengungen. Die Eismassen des  Pastoruri Gletschers liegen direkt vor uns. Aus tiefen Spalten schimmert das tief blaue Eis hervor und der Gigant spiegelt sich im davor liegenden See. Nichtmals die aufgezogenen Wolken können die Stimmung trüben.

Wir genießen den Moment, bevor es nach kurzer Zeit wieder auf den Rückweg geht. Der Abstieg fällt jedoch wesentlich leichter. Nichtsdestotrotz fängt der Schädel, am Bus angekommen, an zu brummen. Ein pochender Schmerz, der sich zu intensivieren scheint. Ein kurzer Blick zu Deborah bestätigt: Es geht nicht nur mir so.
Zurück im Hostel angekommen, legen wir uns mit Kopfschmerzen, aber zufrieden ins Bett, denn der nächste Tag beginnt früh.

4:30 Uhr trotz der doch etwas unmenschlichen Uhrzeit fällt uns das Aufstehen nicht schwer. Unser heutiger Hike führt uns zur sagenumwobenen „Laguna 69“, jenes Googlesuchergebnis, das einem als erstes angezeigt wird, wenn man sich über Huaraz informiert. Noch etwas schlaftrunken taumelt die neunköpfige Gruppe unseres Hostels in Richtung Shuttlebus los. Carlos, unser Guide ist warm eingepackt, was unsere Vermutung bestätigt – es wird kühl. Im Bus sitzend begrüßt er uns und die anderen Teilnehmer und erklärt den heutigen Tagesablauf. Scheinbar kann man es unseren Gesichtern ablesen, dass wir ihm nur sehr angestrengt folgen können, worauf er direkt etwas langsamer spricht und fragt ob wir spanisch verstehen und es uns somit direkt leichter fällt, ihm zu folgen. Es geht raus aus Huaraz und bereits nach kurzer Zeit befinden wir uns wieder auf den schon bekannten Schotterpisten, welche dem Ausflug das gewisse Abenteuerfeeling verleihen. Nach drei Stunden erreichen wir ein einfaches Haus in dem wir zum Frühstücken anhalten. Durch einen kleinen Durchgang gelangen wir in einen gemütlichen Innenhof, auf der linken Seite befinden sich überdachte Sitzgelegenheiten und die kleinen Tische sind mit den typischen bunten Tischdecken eingedeckt. Wir setzen uns zu einer Brasilianerin, an deren Tisch noch Stühle frei sind. Vom einfachen Frühstück, bis zu deftigen Gerichten kann alles bestellt werden, dazu gibt es Kaffee, Koka-Tee oder frisch gepressten Orangensaft.

Nach der kleinen Stärkung geht es weiter, wir haben noch eine Stunde Fahrt vor uns, bevor wir den Eingang des Parkes erreichen. Kurz nach Durchfahren der Schranke kommem wir bereits an zwei tiefer gelegenen Lagunen vorbei, deren Anblick besonders durch das türkisblaue Wasser besticht. Dann erreichen wir den Trailhead zur „Laguna 69“. Für Einheimische soll der Trek in 90 Minuten zu gehen sein, für uns Touristen werden ca. drei Stunden eingeplant, da die Höhenluft nicht spurlos an einem vorübergeht. Doch wir lassen uns dadurch nicht entmutigen und auch die Anderen, die an uns vorbeipreschen, können uns nicht aus der Ruhe bringen, denn es gilt sein eigenes Tempo zu finden. Der Weg führt durch flaches Weideland, welches immer wieder von dem kristallklaren und eiskalten Gletscherbach durchzogen wird. Kühe grasen genüsslich und lassen sich durch die vorbeiziehenden Wanderer kaum stören. Die Berge der Anden, deren Gipfel mit Schnee bedeckt sind, umrahmen das Idyll und es ist genau so, wie ich mir Peru und seine Natur vorgestellt hatte. Dieser Ort strahlt eine angenehme Ruhe aus und lediglich das Rauschen kleinerer Wasserfälle, die sich die Hänge hinunterstürzen, ist in der Ferne zu hören. Wie Carlos es uns gesagt hatte, beginnt nach ca. einer Stunde der steilere Teil des Weges. Im Zick-Zack führt er den Berg hinauf und die Höhenmeter machen sich direkt bemerkbar und wir müssen immer wieder kurz anhalten, um Luft zu schnappen. Der steinige Weg, in Kombination mit der Höhe, ist schon eine Herausforderung, doch wir nehmen diese gerne an.

Laut der Informationstafel liegt noch eine Stunde vor uns und damit auch das steilste Stück des ganzen Trails. Diese 60 Minuten zehren an unserer Ausdauer und mit  letzter Kraft steigen wir um die vor uns liegende Felskuppe. Doch kaum um diese herum, zahlen sich die Strapazen aus. Vor uns liegt sie, die türkis blaue Lagune, vom schroffen Fels umgeben. Wie in einem Krater scheint die Lagune über die Jahre durch die Arbeit des Schmelzwassers entstanden zu sein. Über ihr, am Gipfel, thront der Gletscher, welcher bedrohlich und wunderschön zugleich wirkt. Wir haben es geschafft und das sogar, in der für die Touris vorgesehen Zeit. Den kleinen Snack und etwas Zeit zum Ausspannen bei diesem wunderschönen Ausblick haben wir uns verdient. „Esperanza Travel“, hören wir eine Stimme rufen. Das ist der Name unserer Gruppe und das Zeichen zum Aufbruch. Der Abstieg an sich kann schneller und auch etwas leichter gemeistert werden. Doch am Bus angekommen stellt sich das bekannte Pochen im Kopf wieder ein und auch der Magen meldet sich. Eigentlich hatten wir gehofft, dass sich nach heute eine gewissen Gewohnheit einstellt. Doch scheinbar gehören wir zu den 20% der Wanderer, die mit der „Höhenkrankheit“ zu kämpfen haben. Der holprige Rückweg und die damit einhergehenden Schläge auf die Kopfstütze tragen nicht gerade zur Besserung bei. Wieder in Huaraz angekommen regnet es in Strömen und wir kommen total durchnässt am Hostel an. Wie am vorigen Tag führt der Weg direkt ins Bett mit der Hoffnung, dass der pulsierende Schmerz im Kopf etwas nachlässt.

Am nächsten Morgen geht es uns schon erheblich besser, doch immer noch weit entfernt von schmerzfrei. Wohl oder übel müssen wir einsehen, dass es keinen Sinn macht, den geplanten Hike für heute anzutreten. Dabei handelt es sich um einen vier Tages Trek – anspruchsvolles Niveau und einmal begonnen, muss der Weg zu Ende gegangen werden. Nach den letzten beiden Tagen ist uns jedoch klar, dass wir die gesamte Gruppe ausbremsen würden und uns auf vier Tage Kopfschmerzen ohne Ausruhen einstellen könnten. Nachdem wir hörten, dass zwei Mädels sich auf diesem Trail überschätzt hatten und im Krankenhaus geendet sind, waren wir uns einig: Was nicht geht – geht nicht. Schade, aber wir haben noch viel vor und die Gesundheit steht an oberster Stelle. Somit wurde aus dem geplanten Kilometermarsch ein Tag im Hostel, was aber in unserem Fall kein verlorener Tag ist. Wir nutzen die Zeit zum Blog schreiben, Video schneiden und zur weiteren Reiseplanung. Abends sitzen wir noch gemütlich beisammen und bestellen mit zwei weiteren hungrigen Reisenden Pizza, denn im Regen und mit noch immer dröhnendem Kopf, ist man dankbar um jeden Meter, den man nicht gehen muss. Gerade als wir fertig mit dem Essen sind, ertönt vor dem Haus eine lautstarke Blaskapelle. Unser Host erklärt uns, dass sie wohl zur Verehrung eines Heiligen die Musik spielen. Es stehen ca. ein Dutzend Personen im Spalier entlang der Straße und sie spielen im strömenden Regen auf ihren Instrumenten.

Heute geht es weiter, zum letzten Mal genießen wir das kleine Frühstück in unserem liebgewonnen „Zuhause“, dann heißt es Rucksack packen und…noch nicht ganz Abfahrt. Denn unser Nachtbus fährt erst um 22:15 Uhr. Bis dahin verbringen wir die Zeit noch im Aufenthaltsraum des Hostels – wie so oft auf gepackten Koffern.

Kategorien: Südamerika

1 Kommentar

Judy · Oktober 22, 2018 um 3:03 pm

Wooooow!!! Die Lagune ist ja der Wahnsinn!
Ein echter Traum ☺

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.