aus der Sicht von Deborah

Seitdem wir unsere Reise starteten hatten wir bezüglich besonderer Feste oder Ereignisse eigentlich immer ein schlechtes Timing. Mit Außnahme des Yosemite National Parks, bei dem wir das Glück hatten genau zwischen den zwei großen Bränden vor Ort zu sein, haben wir die besten Events immer verpasst. Zu früh für den Superbowl, die Rallye Dakar und den Karneval in Rio und zu spät zur Ski – und Walewatchingsaison. Das sollte sich in Neuseeland ändern. Denn zum ersten Mal seit sechs Monaten sind wir, was Feste angeht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Kiwis feiern den Waitangitag. Am 6. Februar 1840 unterzeichneten die „weißen Neuseeländer“ und die Maori einen Friedensvertrag und trafen die Übereinkunft, gemeinsam in diesem Land zu leben. Bis heute ist der Feiertag von großer Bedeutung für alle und es wird ausgiebig gefeiert, er gibt jedoch auch Anlass zu Debatten, da der Vertrag von beiden Seiten unterschiedlich ausgelegt wird.

Vor einigen Tagen sind wir schon einmal durch Waitangi gefahren, ein kleines, friedliches Dorf, in dem die Gemütlichkeit herrscht. Doch nicht heute – bereits einige Meter hinter dem Ortsschild parken die Autos und es herrscht reges Treiben auf den Straßen. Die Menschenmengen strömen in Richtung des eigentlichen Festivalsgeläde, wo auch extra die Straße gesperrt wurde. Bereits auf dem Weg dort hin finden sich am Straßenrand immer wieder kleine Verkaufsstände, die lokale Spezialitäten anbieten. Doch es geht um mehr als nur die Geschichte dieser Kultur. So steht eher die Zukunft im Mittelpunkt und auf einer großen Wiese befinden sich Bühnen und Rednerpulte. Hier wird diskutiert und referiert über die Gleichstellung der Ureinwohner und aktuelle Konflikte. Viele der Anwesenden haben einheitliche T-Shirts an, schwenken die Maorifahne oder haben sich die typische Gesichtsbemalung der Krieger aufgemalt. Das starke Zusammenhörigkeitsgefühl wird dabei direkt spürbar und ich fühle mich schon fast wie ein Außenseiter. Doch genau darum geht es ja heute: um die Gleichheit aller und so ist jeder, ganz gleich welcher kulturellen Gruppe er angehört, willkommen. Wir schlendern weiter am Wasser vorbei, bevor uns der Weg über eine kleine Brücke führt welche abwechselnd mit der Neuseelandflagge und der Maoriflagge geschmückt ist. Im Wasser entdecken wir zwei der typischen geschnitzten Kanus. Ähnlich wie beim Drachenboot gibt Einer die Kommandos, auf die die Anderen antworten und im Takt rudern. Am Ufer werden sie schon von Frauen in traditioneller Tracht erwartet. Auf einer weiteren Showbühne präsentiert eine lokale Hiphop Gruppe ihre Tanzkünste. Die Stimmung ist bombastisch und nur kurze Zeit später hören wir die 21 Salutschüsse der neuseeländischen Marine, die zum heutigen Anlass die verschiedenen Fahnen hisst. Dann haben wir das Herzstück des Festes erreicht – die sogenannten Treatygrounds. Hier in diesem kunstvoll geschnitzen Gasthaus wurden damals die Verträge unterschrieben. Heute ist an gleicher Stelle das Fernsehen vor Ort und der kleine Vorplatz gilt als Interviewbereich für die Anhänger der einzelnen Gruppen, die hier ihre Demonstrationen starten. So treten zum Beispiel einige den heutigen Protestmarsch mit wehenden Piratenfahnen und Plakaten mit der Aufschrift „100% poisened“ anstatt „100% Nature“ an. Die Aufrufe richten sich gegen das stark umstrittene Schädlingsbekämpfungsmittel „1080“. Die Reichweite des Waitangitags geht somit viel weiter als nur dem kulturellen Austausch sondern befasst sich auch mit Problemen von Umwelt und Gesellschaft.
Etwas worauf die Maori sehr stolz sind ist der „Haka“. Was oft als reiner Kriegstanz interpretiert wird ist eigentlich vielmehr ein ritueller Tanz, der zu verschiedensten Anlässen vorgeführt wurde. So praktizieren auch die Spieler der All Blacks Rugbymannschaft diesen Tanz vor jedem ihrer Wettkämpfe und es gibt sogar eine Weltmeisterschaft für die rhytmische Darbietung. Den ganzen Tag ist so für ein interessantes, abwechslungsreiches Programm gesorgt und wir sind sehr froh, dass wir dieses kulturelle Spektakel miterleben durften. In diesem Sinne Happy Waitangi Day.

An den endlosen, unreal grünen Weiten Neuseelands kann man sich gar nicht satt schauen. Und so wollen wir es uns nicht entgehen lassen, diese Landschaft von oben zu sehen. Was würde sich dazu besser eigenen als der St. Pauls Rock? An dessen Fuß stehend wirkt der mit Gras bewachsene Fels wie eine Atrappe. Denn die steinige, schroffe Erhebung passt nicht wirklich in das flache umliegende Landschaftsbild. Nach zwanzig Minuten haben wir die Spitze erreicht und in der Tat wirkt der Blick von hier oben noch viel majestätischer. Wir schauen in die kleine Bucht mit ihren Miniinseln bevor das tiefblaue Wasser ins offene Meer mündet. Der Wald und alles was uns umgibt wird in ein goldenes Abendlicht getaucht, ähnlich wie das dumpfe Licht des Spätsommers bei uns zu Hause. Es herrscht fast absolute Stille, nur die Autos die an der Küste vorbei fahren sind von Zeit zu Zeit hörbar. Der Wind weht mir durch die Haare und ich glaube wir haben die perfekte Definition vom Paradies gefunden. Noch lange genießen wir die beruhigende Stille,  bevor wir uns wieder auf den Rückweg machen.

Der weitere Verlauf der Straße führt uns an einer kleinen, unscheinbaren Tankstelle vorbei. Doch die Begrenzung zum nächsten Grundstück stellt eine kleine Besonderehit dar. Es handelt sich um den sogenannten Jandal Zaun, der wie der Name schon sagt aus Flipflops besteht. Was es genau damit auf sich hat können wir leider nicht herausfinden, dennoch regt er so manchen Autofahrer zum Anhalten und Bilder machen an.

Ein ganz anderer Wind herrscht auf dem Campingplatz, den wir für die kommende Nacht ansteuern. Er liegt direkt am Whatipustrand und die ungeschützte Ebene lässt den rauen Meereswind ungebremst über die Zelte fegen. Doch trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen herrscht eine gewisse Gemütlichkeit in unserem Zelt. Am nächsten morgen beginnen wir unseren Tag mit einem kleinen Strandspaziergang, denn dieser Strand ist sozusagen das schwarze Schaf unter den Stränden. Anders als die meisten Sandstrände hier ist dieser schwarz, nahezu menschenleer und gilt als gefährlich wegen seiner starken Strömungen und daher als ungeeignet zum Schwimmen.

Den letzten Stopp an diesem Tag machen wir im Harker-Reservat. Über einen halbstündigen Schotterweg der sowohl durch Weiden als auch dichten Wald führt, gelangen wir an die Wasserfälle. Diese haben im Moment zwar nicht ganz so viel Wasser, aber trotzdem haben sie durch ihre versteckte Lage etwas geheimnisvolles, schönes. Besonders der hohe Silberfarn, der als Wahrzeichen Neuseelands gilt, macht den Charakter eines Märchenwaldes perfekt.


0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.