aus der Sicht von Max

Hektisch packen unsere Zimmergenossen ihre Ausrüstung zusammen. Alles wird auf dem Boden ausgebreitet, Checklisten wiederholt, durchgesprochen und abgehakt und alles in die Rucksäcke gestopft. „Wo solls hin gehen?“, frage ich und wie, als wäre es das Normalste auf der Welt, bekomme ich prompt die Antwort: „Auf einen 6000er, den Huayna Potosí.“ Ein Berg, der sich auf Grund seiner geringen technischen Anforderungen besonders für unerfahrenere Alpinisten eignet und scheinbar eine beliebte Tour unter Backpackern ist.
Nach einiger Recherche stellt sich heraus, dass der Aufstieg wohl klettertechnisch „einfach“ ist, jedoch mental und körperlich alles Andere als das, sodass ich ihren Besteigungsversuch schnell als unrealistisch abtue. Dennoch lässt mir der Berg keine Ruhe. Sein schneebedeckter Gipfel hat etwas magisches, das mich irgendwie anzieht und der Gedanke, den Giganten zu bezwingen geht mir immer wieder durch den Kopf.
So vergehen die Tage in La Paz und in mir festigt sich zunehmend der Wunsch, einen Versuch zu wagen. Azad, den wir auf dem Weg von Copacabana hierher kennen lernten und der zufällig im gleichen Hostel nächtigt, zeigt sich nach anfänglichem Zögern ebenfalls zunehmend motiviert und so ziehen wir los, um die Tour zu buchen, letzte Vorbereitungen zu treffen und fehlende Ausrüstung zu besorgen.
Deborah wird uns auf dem bevorstehenden Weg zum Gipfel nicht begleiten und so trennen sich unsere Wege zum ersten Mal seit Beginn unserer Reise.
Ich fühle mich bereit, die Herausforderung meines Lebens anzunehmen, wenn auch etwas Aufregung und Nervosität mitschwingt. So sitzen wir bei einem letzten Bier an der Bar unseres Hostels und warten, dass es morgen früh endlich los geht.

Tag 1:
Gegen 8:30Uhr machen wir uns auf den Weg zur Agentur, wo der Minibus bereits auf uns wartet. Die Ausrüstung steht zum Verladen bereit – jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Begleiten werden uns: Andy, aus England, und der Neuseeländer Shawn, sowie zwei weitere Reisende, die sich jedoch für die 2-tägige Besteigung entschieden.
Nach einem kurzen Stopp in „El Alto“, wo die letzten Kleinigkeiten gekauft werden können, machen wir uns auf den Weg. Die holprige Schotterpiste schlängelt sich an farbenfrohen Lagunen vorbei, die in tief dunklem Rot, über Blau und Grün, bis hin zu kräftigem Türkis erstrahlen. In der Ferne zeigt sich bereits der vom Eis beherrschte Gipfel. Eine wunderschöne Szenerie, für die sich bereits jetzt schon die Fahrt gelohnt hat.
Gegen Mittag erreichen wir das Basislager auf 4700 Meter Höhe. Die Hütte liegt direkt am Fuße des Berges und bietet neben einem gemütlichen Speisesaal einen riesigen Schlafsaal sowie ein sehr spartanisches Außenklo – Kein Luxusurlaub, aber es gefällt mir.

Für den ersten Tag stehen nur einige Übungen bevor, um mit den Steigeisen und dem Eispickel auf dem rutschigen Gletscher vertraut zu werden. In die globigen Plastikstiefel, Klettergeschirr umgeschnallt und auf zur Gletscherzunge auf fast 5000 Meter. Die Luft ist dünn, die Ausrüstung schwer und in den Stiefeln lässt es sich nicht besonders gut auf dem steinigen Untergrund gehen, doch die Stimmung ist ausgelassen.
Das Laufen auf dem Gletscher fällt nicht besonders schwer, denn die Steigeisen bohren sich tief in das Eis hinein und geben einen sicheren Halt. Nach einigen kurzen Tipps geht es dann zum schwierigeren Teil des Tagesprogrammes. Eine fast 15 Meter hohe, senkrechte Eiswand gilt es zu bezwingen. Shawn ist der Erste, der sich hinauf wagt. Nach geschlagenen 5 Minuten, einigem Stöhnen und Schimpfen erreicht er die Spitze und schließlich wieder den Boden, wo wir Anderen warten.
„Wird schon nicht so schlimm werden“, denke ich mir, als ich als zweiter die Wand in Angriff nehme. Mit einem lauten Klirren dringen die Eisäxte tief in die Wand ein, während die Spitzen der Steigeisen sich nur wenig vertrauenserweckend anfühlen. Die ersten Meter fallen mir erstaunlich leicht, bis eine Passage aus extrem hartem Eis vor mir liegt. Nur mit Müh und Not lassen sich die Metallspitzen hinein treiben und die Äxte finden nur selten guten Halt. Umso schwerer fällt es, diese wieder heraus zu bekommen, sobald sie sich verbissen haben. Die Hände krampfen, die Knie zittern und mit letzter Kraft erreiche ich das rettende Ende der Wand – was eine Erfahrung.
Etwas geschlaucht aber zufrieden über den kleinen Erfolg geht es zurück zum Basislager und nach dem Abendessen direkt ins Bett.

Ich schlafe sehr schlecht. Die Höhe und die trockene Luft tun ihren Teil und hinzu kommen Bauchschmerzen und eine kleine Darmverstimmung. Nicht die optimalen Bedingungen für eine Gipfelbesteigung.

Tag 2
Ich fühle mich kraftlos und zwänge mir das Frühstück hinein. Es fühlt sich an, als hätte ich die gesamte Nacht kein Auge zu bekommen und die Bauchschmerzen intensivierten sich. Dennoch möchte ich es versuchen und so brechen wir nach dem Mittagessen zum Hochlager auf. Hinzu stoßen der Franzose Quentin und der schweigsame Ecuadorianer Diego sowie deren Guide.

Vor uns liegen 500 Höhenmeter über steiniges Gelände und jeder hat mit seinen 15kg Gepäck auf dem Rücken zu kämpfen. Lediglich John, der Guide von Andy und Shawn zeigt sich wenig beeindruckt und trägt neben seiner Ausrüstung eine 25kg Gasflasche, die zum Kochen benötigt wird, hinauf – wir staunen nicht schlecht.
Der Aufstieg fällt mir sichtlich schwer. Wegen der dünnen Luft geht die Atmung schnell in ein Hecheln über, das die Bauchschmerzen intensiviert. Mittlerweile fühlt es sich auch nicht mehr wie ein Magen-Darm Problem, sondern viel mehr wie ein sehr intensives Seitenstechen an, das bei jedem Schritt und bei jedem Atemzug schmerzt. Immer wieder muss ich kurze Pausen einlegen, um den Schmerz abklingen zu lassen und erstmals kommen mir ernsthafte Zweifel, am Erfolg meiner Mission, in den Sinn.
Ich quäle mich bis zum Hochlager hinauf und erreiche völlig außer Atem die kleine Steinhütte – unser zu Hause für die nächsten Stunden, bevor es die Nacht los gehen soll.
Nach Kaffee und Tee steht für 5 Uhr das Abendessen auf dem Programm. Ich fühle mich völlig appetitlos und zwänge mir erneut das Essen auf. Kurz darauf heißt es bereits Schlafenszeit, denn der Wecker klingelt um 23:30Uhr, um den Gipfelversuch zu wagen.
„Hoffentlich legen sich die Schmerzen bis heute Nacht“, denke ich mir, bevor ich zu Bett gehe. Die Bauchmuskeln stechen bei jeder Bewegung und so kommt mir der Verdacht, dass es sich womöglich um eine Muskelzerrung von der gestrigen Eiswand handelt.

Tag 3
Der dritte Tag ist fast angebrochen, 23:30Uhr:
Ich habe trotz der Höhe und vermutlich auch als Einziger sehr gut geschlafen und, noch im Bett liegend, scheinen die Schmerzen verschwunden zu sein – dachte ich zumindest. Kaum aufgestanden schießt erneut ein stechender Schmerz in die Muskulatur. Ich kann kaum aufrecht stehen und bereits der Gang zur Außentoilette in der eiskalten Nacht ist eine Tortur. Die Entscheidung fällt schwer, doch es macht keinen Sinn für mich, den Aufstieg heute zu versuchen. Ich würde vermutlich lediglich die Gruppe ausbremsen und schlimmstenfalls den erfolgreichen Aufstieg der Anderen gefährden. So krieche ich etwas geknickt in meinen Schkafsack zurück, während die restlichen fünf sich auf den beschwerlichen Weg begeben.
Etwa fünf Stunden in eisiger Kälte und tiefster Dunkelheit liegen vor ihnen, bevor sie hoffentlich alle den Sonnenaufgang aus 6088 Meter genießen können. Ich drücke ihnen die Daumen, dass sie es alle schaffen und auch wieder heil herunter kommen. Azad zieht alleine mit unserem Guide „Mario“ los, einem erfahrenen Guide, der trotz seiner 50 Jahre scheinbar mühelos hinauf steigt und stets die Ruhe bewahrt. Ich bin zuversichtlich, dass die beiden es schaffen können.

5:00Uhr: laut öffnet sich die Tür der Hütte … Schritte und Stimmen – zu früh für eine erfolgreiche Besteigung. Azad stolpert völlig entkräftet und verfroren ins Zimmer. Auf 5800 Metern verließ ihn die Kraft und zwang ihn zur Umkehr. Er macht einen etwas verwirrten Eindruck und zittert am ganzen Körper. Vielleicht doch nicht so schlimm, dass ich es nicht versucht habe.

An solch einem Tag sollte einfach alles stimmen: eine gute Fitness, eine gute Tagesform, ausreichende Aklimatisation, ein starker Wille und nicht zuletzt auch das Wetter.

All dies scheint bei den restlichen Vier gepasst zu haben, als sie gegen 8:00Uhr von der erfolgreichen Besteigung zurückkehren. Glücklich sieht jedoch keiner so wirklich aus – eher am Ende der Kräfte. Doch der Weg zum Basislager steht noch bevor.
Ähnlich wie beim Aufstieg intensivieren sich die Schmerzen erneut, sodass ich nicht wensentlich schneller laufe, als die Anderen. Doch ich möchte mich nicht beschweren …

Trotz dem gescheiterten Versuch war es eine tolle Erfahrung, es boten sich grandiose Aussichten und auch nach der Tour bleiben wir untereinander in Kontakt. Ebenso werden mich die Darmprobleme, sowie die Muskelzerrung noch einige Zeit begleiten.
Ob ich es erneut versuchen würde? Definitiv!


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