aus der Sicht von Max

2:30Uhr: ich habe die gesamte Nacht fast kein Auge zu bekommen, da die Nachbarn mit ohrenbetäubend lauter Musik einen Geburtstag feierten. Hinzu kommt die tropische Hitze unseres Kämmerchens, sodass ich mich freue aufzustehen und auf dem Balkon auf das hoffentlich bald nahende Schiff zu warten.
Und so sitzen wir unter dem sternenklaren Himmelszelt, der Horizont wandelt sich von tiefem Schwarz in helles Blau und das Dorf füllt sich langsam mit Leben. Der Mond verschwindet, die Sonne geht auf und die Hitze des Tages kehr zurück. Von dem Boot fehlt nach wie vor jede Spur.
Es ist mittlerweile acht Uhr – bereits drei Stunden Verspätung, als wir beschließen erneut beim Capitan nachzufragen. Dieser teilt uns daraufhin mit, dass das Schiff erst gegen 05:30Uhr den Hafen in Yurimaguas verlassen hat und voraussichtlich gegen vier Uhr hier eintreffen wird – ärgerlich, aber nun wissen wir wenigstens, worauf wir uns einlassen und können ein wenig das Dorf erkunden.

Lagunas selbst hat wirklich sehr wenig bis garnichts zu bieten. Einen Supermarkt suchen wir vergeblich und so führt uns unser Weg erneut zurück zum Restaurant vom Vortag. Als wir Essen und Bier bestellen schaut mich die Bedienung etwas ungläubig an, sagt jedoch nichts. Ein kurzer Blick auf die Uhr erklärt ihre Skepsis – 8:30Uhr. Wegen der kurzen Nacht fühlt es sich an, als wäre es bereits Nachmittag. Und so sitzen wir den ganzen Tag auf der Terasse, beobachten das Dorfleben und erneut brechen die „letzten beiden Stunden“ an. Die Reaktionen der Einheimischen auf unseren Plan reichen von: „Ja, das Schiff sollte um vier Uhr kommen.“, über „Oh, da könnt ihr lange warten! Die kommen normal gegen sieben.“, bis hin zu „Heute kommt kein Schiff.“ – wenig motivierende Aussichten, doch wir bleiben optimistisch.

5:00Uhr: das Boot hätte seit über einer Stunde da sein sollen. Die voraussichtliche Ankunftszeit hat sich bereits um drei einhalb Stunden verschoben und so sitzen wir noch immer am Anleger, warten und hoffen. Als gegen 8:30Uhr noch jede Spur von dem Schiff fehlt, leeren sich die Straßen, die Verkaufsstände schließen und die Hoffnung auf eine heutige Abreise schwindet langsam dahin. Doch wir geben nicht auf.
9:30Uhr, endlich taucht das sehnlichst erwartete Licht des Frachtschiffs in der tief schwarzen Nacht auf. Nach 19 Stunden des Wartens nimmt unsere Zeit in Lagunas ein Ende.
Über die wacklige Holzplanke geht es samt Gepäck auf das riesige Schiff. Der Weg zum Nachquartier führt an eingeferchten Rindern, bis zur Decke gefüllten Laderäumen und Unmengen an Gütern vorbei, hinauf auf das oberste Deck. Lediglich drei weitere Reisende scheinen an Bord zu sein, die ungeachtet des herrschenden Lärmes in ihreren Hängematten schlafen. Schnell die Eigenen daneben aufgehangen und das Schiff befindet sich bereits auf voller Fahrt.
Auf dem obersten Deck sind die Motoren kaum zu hören und so gleitet das Schiff durch die sternenklare Nacht. Ein angenehmer Wind trocknet die Schweißperlen des schwülen Hafens, der Scheinwerfer huscht über die Wasseroberfläche hinweg, auf der Suche nach Treibholz und anderen Gefahren und wir sehen Lagunas in der Ferne verschwinden. Wir haben es geschafft!

Die Tage an Bord verlaufen wie erwartet ruhig. Ohne Internet und Anbindung zur Außenwelt bleibt Zeit, sich mit Gott und der Welt auseinander zu setzen, über das Leben zu philosophieren, lesen und schlafen, die Stille zu genießen oder eine Runde Karten beziehungsweise eine deutsch-spanisch-englisch gemischte Version von Stadt-Land-Fluss. Ein Spanier, der kaum Englisch spricht, ein Amerikaner, der fließend in Englisch und Spanisch ist, seine Freundin aus Peru, die ein bisschen von beidem kann, Deborah und ich, das Sprachtalent, das in Spanisch schon beim Smalltalk scheitert und sich mit einem Fingerzeig und „Eso“ (Das da) durchs alltägliche Leben kämpft. Insgesamt also ein lustige Truppe, bei der die Regeln des Kartenspiels von Deutsch auf Englisch, von Englisch auf Spanisch und wieder zurück übersetzt werden.
Das Schiff selbst ist mit dem Nötigsten ausgestattet: eine Dusche mit Flusswasser, überdachte oder zumindest geschützte Schlafplätze und ein guter Koch darf ebenfalls nicht fehlen. Dennoch scheint es, als gefalle meinem Magen das Essen oder Trinken nicht so recht. Und so verbringe ich den letzten Tag auf dem Lancha, auf dem Boden vor der Toilette liegend, in der Hoffnung die bald bevorstehende Fahrt mit dem Mototaxi durch die Stadt zu überleben.

Mit knapp zwölf Stunden Verspätung erreichen wir den Hafen von Iquitos. Eng gedrängt liegen die Schiffe nebeneinader, ja sogar hintereinander und wir pressen uns mit etwas Gewalt in eine selbst geschaffene Parklücke hinein. Eigentlich ganz einfach – man stößt das im Weg liegende Schiff einfach hinten auf der Ecke an, dreht es aus dem Weg und quetscht sich auf dessen Platz.
Wir stehen jedoch immer noch nur in zweiter Reihe, sodass ein Ausladen schier unmöglich ist. Von den Schiffen links und rechts klettern immer wieder Personen an Bord. Ein Boot der Küstenwache legt an und bringt zusätzlich eine Menge Leute, die hastig aufs Schiff klettern. Bewaffnetes Militär, eine Menge Hektik und die Zugestiegenen zeigen sich erkenntlich, als sie ihre Westen mit der Aufschrift „Polizei“ überwerfen. Sie scheinen jedoch weniger an den Passagieren, als an der transportierten Fracht interessiert zu sein, weswegen wir über das vor uns liegende Transportschiff an Land klettern können.

Wie sich später herausstellt wurden Chemikalien für die Herstellung von 450 Kilogramm Kokain an Bord gefunden.
Mit dem Mototaxi geht es aus dem hektischen Hafen heraus, zur Unterkunft.
Nach vier langen Tagen haben wir endlich Iquitos erreicht, das Tor zum Dschungel. Trotz der endlosen Geduldsproben ist die beschwerliche Anreise eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Die Gelegenheit mit einem Frachtschiff den Amazonas hinauf zu schippern ergibt sich schließlich nicht jeden Tag.

Kategorien: Südamerika

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