aus der Sicht von Max

Nass geschwitzt erreichen wir Yurimaguas, den Ausgangsort für die bevorstehende mehrtägige Reise. Die Temperatur ist recht angenehm, doch ein zweistündiger Höllenritt im Colectivo liegt hinter uns. Der Fahrer würde sich lieber im Rennsport versuchen, als in der Personenbeförderung.

Ein Frachtschiff soll als unser zu Hause für die kommenden drei Tage, auf dem Weg nach Iquitos, dienen. Während die zu transportierenden Waren im Bauch des Schiffes untergebracht werden, können Passagiere ihre Hängematten auf dem Deck aufspannen und so verhältnismäßig günstig reisen. Diese Variante wird aufgrund des niedrigeren Preises von vielen Einheimischen gegenüber dem „Rápido“ vorgezogen. Einem Schnellboot, das in nur 14 Stunden die selbe Strecke zurücklegt. Doch wir haben genügend Zeit und freuen uns darauf, die Reise ein wenig entschleunigen zu können, die Seele in der Hängematte baumeln zu lassen und die Natur zu genießen.

Ins Mototaxi, zum Hafen, Verpflegung, Wasser und eine Hängematte kaufen und schon kann es los gehen. Eigentlich ganz einfach!
Eigentlich … am Hafen angekommen erklärt man uns, dass es sich um den falschen handelt. Der, in dem die gesuchten Frachtschiffe auslaufen, befindet sich zehn Kilometer entfernt. Also erneut ins Mototaxi und auf zu dem beschriebenen internationlen Hafen.
Dieser wirkt im Vergleich zum vorher Gesehnen doch sehr offiziell und geordnet. Ein großes Tor mit Sicherheitspersonal versperrt den Weg hinein und unzählige Mototaxis stehen davor. Es dauert nicht lange, bis ein scheinbar selbst ernannter Guide in Warnweste uns stoppt und unserem Fahrer zu verstehen gibt, dass er ohne die erforderliche Lizenz nicht passieren kann und wir wohl oder übel mit ihm weiter fahren müssen. So recht gefallen tut mir das Ganze nicht aber wir haben wohl keine andere Wahl. Kaum umgestiegen wird auch dieser „offizielle“ Fahrer vom Sicherheitspersonal gestoppt. Nach langer Diskussion und einigen Verständigungsproblemen stellt sich heraus, dass die Frachtschiffe keinerlei Passagiere mitnehmen, da diverse Tiere an Bord seien und wegen gesetzlicher Auflagen und Kontrollen dies nicht möglich sei. Es gäbe lediglich die Möglichkeit mit dem oben genannten Rápido zu reisen. Verärgert und etwas enttäuscht geht es also zurück in den ersten Hafen.
Unser „Helfer“ versucht bereits übereifrig die Tickets zu organisieren und zerrt uns mehr oder weniger in Richtung des Büros, doch wir geben so schnell noch nicht auf. In dem staubigen Hafen liegen einige kleinere Transportschiffe, von denen eventuell auch eines in die richtige Richtung fährt.
Erneut eilen von überall selbsternannte Guides herbei, die uns auf die Frage nach Iquitos auf die Rápidos verweisen. Mittlerweile haben wir unzählige Male erklärt, dass wir das langsamere Frachtschiff bevorzugen und so steigt meine Verärgerung mit jedem „Podeís ir al Rápido.“

Wir beschließen sie einfach stehen zu lassen und selbst von Boot zu Boot zu gehen und nach dem jeweiligen Ziel zu fragen. Bald werden wir fündig. Ein Transportschiff, das mit unzähligen Rollen Toiletenpapier, Baumaterialien, Eiern und Hühnern sowie anderen Verbrauchsgegenständen beladen wird. Es scheint in die richtige Richtung zu fahren und man versichert uns, dass wir in einem kleinen Ort namens Lagunas umsteigen können, um ein Frachtschiff nach Iquitos zu nehmen. Wir haben zwar noch nie zuvor etwas von diesem Dorf gehört aber ein kurzer Blick auf die Karte bestätigt, dass zumindest die Richtung stimmt und wir müssen uns wohl auf das Gehörte verlassen. Sofern wir die Aussagen richtig übersetzt und verstanden haben?
Aber wer Nichts wagt, der Nichts gewinnt, also balancieren wir über die wacklige Holzplanke an Bord, spannen die Hängematten auf und setzen uns aufs obere Deck. Die Sonne verschwindet am Horizont und wir beobachten noch einige Zeit, wie hektisch die LKWs entladen und alles von Hand ins Schiff getragen wird. Die Nacht in der Hängematte ist wie erwartet nicht wirklich erholsam. Unter den circa 25 Mitreisenden befindet sich der ein oder andere, der laut stark schnarcht und ich, als Seiten-Bauch-Schläfer tue mich schwer in der Matte eine richtige Position zu finden.

5:50 Uhr – unerwartet überpünktlich verlässt das Schiff den Hafen und bricht auf die zehnstündige Fahrt nach Lagunas auf. Die umliegenden Bäume werden in das warme Morgenlicht gehüllt und eine angenehme Prise weht über das Deck. Es bleibt ausreichend Zeit, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen, ein Buch zu lesen, so gut es geht mit den Einheimischen zu kommunizieren oder einfach ein wenig Schlaf nachzuholen.
Wir scheinen an Deck etwas aufzufallen, mit unseren Rucksäcken und der fremden Sprache, sodass uns die Einheimischen neugierig Beobachten. Und so kommen wir schnell mit einem Mann ins Gespräch, dem wir von unseren Plänen erzählen. Er ist auf dem Weg nach Lima und vermutlich noch sehr sehr lange auf dem Wasser unterwegs. Als er uns erzählt, dass die größeren Frachtschiffe auf ihrem Weg nach Iquitos Lagunas nur passieren, jedoch nicht anhalten rutscht mir der Magen zwischen die Knie. Ob das Mal gut geht? Wir können es jedenfalls nicht ändern und so lassen wir uns zunächst nicht verunsichern und genießen die restliche Fahrt. Dort angekommen werden wir sehen, wie es weiter geht und eventuell irrt er sich – hoffentlich.
Im Preis des Tickets sind täglich drei Malzeiten beinhaltet. Sobald die Glocke ertönt stürzen die Anderen mit Besteck und jeweils einer großen Schüssel oder Brotbox bewaffnet an die Essensausgabe. Wir hingegen warten zunächst immer ein wenig ab und beobachten, mit was diese zurück kehren, um beurteilen zu können, ob man besser mit einer Tasse oder einem Teller los zieht.

Und so vergehen die Stunden auf dem Boot. Ein Mann stößt mich an und weckt mich aus dem Schlaf, dass wir fast da sind. Unser Ziel hat sich scheinbar bereits herumgesprochen. Kaum angelegt wird erneut die wacklige Holzplanke ausgelegt und angefangen das Schiff zu entladen. Eine staubige Straße und ein paar kleine Hütten und Häuser bilden den Hafen. Eilig werden die Waren auf Mototaxis verladen und in das Dorf transportiert.
Die anderen Passagiere weisen keinerlei Hektik auf und so tun wir es ihnen nach, beobachten wie die unzähligen Bierkisten den Frachtraum verlassen und setzen uns noch ein wenig in die Hängematten. Lediglich Kinder, die sofort nach Anlegen das Schiff betraten und diverse Getränke und Snacks anbieten verbreiten etwas Unruhe. Als nach einiger Zeit der Motor laut stark aufdreht und die Kinder fluchtartig das Schiff verlassen werden auch wir unruhig. Schnell alles zusammen gepackt und runter vom Schiff, bevor die Reise weiter geht, als geplant.
Man verweist uns an ein geschlossenes Ticket-Büro, das mit einem Schild für die Rápidos der Reederei „Eduardo“ wirbt. Jene, unter der auch die gesuchten Frachtschiffe fahren. Es ist mittlerweile fast drei Uhr und erfahrungsgemäß öffnen die meisten Läden nach der Mittagshitze gegen vier Uhr. Wir beschließen die verbleibende Stunde dort zu warten.
Immer wieder kommen hilfsbereite, meiner Meinung nach mäßig bis stark angetrunkene ältere Herren aus der nebenanliegenden Bar heraus, die uns jeweils nur schwer verständlich ansprechen. Alle versuchen uns bei unserem „Problem“ zu helfen und überlegen krampfhaft nach einer Lösung. Einige empfehlen uns ein Hostel, andere diverse Touren und wiederum andere das allseits präsente Rápido. Sie scheinen nicht zu verstehen, dass wir kein Problem haben, sondern lediglich auf das Öffnen des Büros warten, um ein Ticket für eines der Frachtschiffe erstehen zu können.

Mit einer knappen Stunde Verspätung trifft die ältere Frau dann endlich am Stand ein. Auf die Frage nach dem gesuchten Schiff bekommen wir erneut zu hören, dass sie nur Tickets für die Schnellboote verkauft. Wann das nächste Schiff komme, das wisse sie nicht aber wir könnten bei der Hafenaufsicht nachfragen. An dem kleinen Häusschen angekommen teilt uns der zuständige „Capitan“ nach einigen Telefonaten mit, dass das nächste Frachtschiff entweder heute Abend um sechs Uhr oder vielleicht morgen früh um fünf Uhr kommt. Genaueres wisse er nicht.

Somit sind wir wohl auf ungewisse Zeit hier gestrandet. Doch wozu Trübsal über die Ungewissheit blasen, wenn man die Zeit in dem kleinen Dorf auch genießen kann? Kurzer Hand ein Restaurant mit Blick auf den Hafen gesucht, und die Zeit mit gutem Essen und einem kühlen Bier überbrückt.
Als von dem Schiff um sieben Uhr noch jede Spur fehlt, beziehen wir ein Hostel in Hafennähe. Jetzt heißt es: sich ab drei Uhr morgens auf die Lauer zu legen und hoffen, dass das Schiff zeitnah ankommt – sofern es überhaupt kommt?

Kategorien: Südamerika

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