aus der Sicht von Max

Kaum aus dem Bus heraus, bin ich bereits hin und weg von dem kleinen Örtchen El Chaltén. In Mitten der umliegenden Berge und mit den schneebedeckten Gipfeln in der Ferne, stellt der Ort ein Idyll dar. Jedes der Häuser ist stilvoll gearbeitet und in massivem Holz, in Kombination mit aufwändigem Mauerwerk gehalten. Geschützt und noch ein wenig versteckt liegt der kleine Diamant, der nur darauf wartet geschliffen zu werden, denn ein vergleichbares Potential wie der weltbekannte Torres del Paine bietet die Region allemal. Umso erfreulicher ist es, dass der Park derzeit noch kein Eintirtt kostet und die Zeltplätze kostenlos und ohne Reservierung genutzt werden können. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen!
Noch kurz ein Hostel aufsuchen, bei dem wir einen Teil unserer Ausrüstung abstellen können und die Vorräte auffüllen, dann kann das Abenteuer bereits beginnen – wären da nicht die unzähligen köstlich duftenden Restaurants. „Nur kurz schauen, was es so kostet.“ Und ehe ich mich versehe, sitzen wir am Tisch, jeweils ein Steak auf dem Teller. Für lediglich 8€ kann man sich das schonmal gönnen, bevor es wieder für drei Tage in die Wildniss geht. Wir sind nun scheinbar endlich im Argentinien, von dem alle sprachen, angekommen.

Steil geht es den Hang hinauf und aus dem Tal heraus. Der Rucksack fühlt sich nur unwesentlich leichter an, denn was an Kleidern zurück gelassen wurde, das schleppen wir in Form von Verpflegung mit uns. Doch der Körper hat sich in den vergangenen Wochen gut an die Belastung gewöhnt und der Blick von dem Bergrücken hinunter, gibt das Örtchen mit dem angrenzenden Fluss preis, der kräftig blau schimmert. Nach knapp zwei Stunden Wanderung durch die grünen Wälder, können wir durch eine Lichtung einen ersten Blick auf den majestätischen Fitz Roy werfen. Die Spitze mit dichten Wolken verhangen. Kaum vorstellbar, dass da jemand hoch klettern soll, doch jährlich Versuchen unzählige Bergsteiger ihr Glück an dem technisch hoch anspruchsvollen Aufstieg – den meisten bleibt der Erfolg jedoch verwehrt.
Gegen Abend erreichen wir den Campingplatz, der, anders als erwartet, ziemlich stark besucht ist. Scharen von Kletterern haben hier seit Tagen, manche sogar seit Wochen, ihr Lager aufgeschlagen und warten auf das perfekte Wetter, um den Gipfel in Angriff zu nehmen. Doch auch wir finden noch ein windgeschütztes Plätzchen, wo es, wie so oft, direkt nach dem Abendessen in den Schlafsack geht. Erneut unterbindet die aufziehende Kälte jedes gemütliche Zusammensitzen im Freien.

Am nächsten Morgen tun wir uns schwer aus den Federn zu kommen. Ich habe schlecht geschlafen und fühle mich ziemlich geschlaucht, sodass wir den Wecker noch einige Zeit aus drücken, bevor es in aller Gemütlichkeit zum Aussichtspunkt geht. Aus dem einstigen Plan, möglichst früh los zu ziehen wurde nichts und der wolkenbehangene Himmel half nicht gerade mit der Motivation. Was solls – wir haben alle Zeit der Welt und so brechen wir gegen 11 Uhr auf. Es steht ein steiler Aufstieg bevor, den unzählige Warnhinweistafeln ankündigen. Auf einer Strecke von einem Kilometer gilt es 400 Höhenmeter zu bewältigen und so schlängelt sich der Pfad den steilen Hang hinauf. Kaum am Aussichtspunkt angekommen, kündigen erste Löcher in der Wolkendecke das Aufreißen des Himmels an. Immer wirder ragt die Spitze des Fitz Roys heraus, die Sonne kommt durch und innerhalb kürzester Zeit ist keine einzige Wolke am Himmel zu erkennen. Vor dem strahlenden Blau glänzt das Eis uns entgegen und die massive Steilwand der riesigen Zinne wirkt nochmals beeindruckender. Wie so oft hätte unser Timing nicht besser sein können! Nach einem kleinen Fotoshooting und einem Snack geht es dann leider auch schon wieder an den Abstieg, bevor die große Masse der Tagesausflügler eintrifft.

Und zum Abschied zeigt sich der Fitz Roy noch einmal von seiner besten Seite im Abendlicht.
Mittlerweile ist das Zelt Auf- und Abbauen eine routinemäßige Prozedur, bei der jeder Handgriff sitzt und so machen wir uns auf den Weg, die ausstehenden 12 Kilometer zu bestreiten. Immer wieder blicke ich über die Schulter zurück, auf die gigantische Steilwand – unvorstellbar, dass da eventuell, genau in diesem Moment, Leute drinnen klettern.
Kaum ist er hinter den Hügeln verschwunden und wir erreichen das nächste Tal, lässt sich der Cerro Torre, ebenfalls in dichten Wolken, erahnen. Der Blick auf die Spitze bleibt uns jedoch heute leider verwehrt, weswegen wir in unmittelbarer Nähe des Aussichtspunktes unser Nachtlager aufschlagen. Nach unserer letzten Trekkingerfahrung im Torres del Paine, hatten wir beschlossen ein wenig mehr Gewicht bezüglich des Essens auf uns zu nehmen und so fällt das verhältnismäßig kulinarische Essen üppig aus – auch mal schön, wenn Camping nicht immer mit Tütensuppe im Zusammenhang steht.

Am nächsten Morgen wecken mich die Sonnenstrahlen, die auf das Zelt scheinen. Ein kurzer Blick hinaus und ich bin kaum noch zu bremsen. Strahlender Sonnenschein und blauer Himmel. Eilig bereite ich alles für das Frühstück vor, damit es direkt los gehen kann. Deborah zeigt sich von der „Kein Kaffee Politik“ wenig begeistert, doch es gilt das Wetter auszunutzen, solange es noch geht.
Der Cerro Torre zeigt sich nun von seiner besten Seite und jetzt wird auch schnell die Namensgebung klar. Wie eine einsamer Turm ragt dessen weiße Spitze empor, der Gletscher zu seinen Füßen. Teile des Eises lösten sich und treiben in der davor liegenden Lagune umher. Es ist noch fast windstill und die Sonne entfaltet ihre volle Kraft. Eine angenehme Wärme auf der Haut,  bei der wir noch eine Weile den Anblick genießen. Nur wenige andere Wanderer sind so früh an und für einen Moment haben wir die Szenerie komplett für uns alleine.

Nach einiger Zeit sehen wir jedoch Windböen, die durch das Kar hindurch, über die Lagune hinweg pfeifen. Der eisige Wind, der sich voraussichtlich bis Ende des Tages einstellt, gibt uns das Signal zum Umkehren.
Auf dem Weg zurück nach El Chaltén zeigt sich der „Sommer“, der in Patagonien ein dehnbarer Begriff ist, von seiner besten Seite. Die Temperaturen sind wie an einem lauen Sommermorgen zuhause, die Vögel zwitschern und wir schreiten durch die vor Blumen blühenden Wiesen ins Tal hinab.

Zur Belohnung für die letzten Tage gibt es erneut ein Steak im „Stammlokal“, bevor wir dem kleinen Diamanten den Rücken kehren.


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