aus der Sicht von Deborah

Obwohl es gerade einmal vier Uhr ist, herrscht im Hostel schon reges Treiben. Diejenigen, die hier sind um Machu Picchu zu sehen, also eigentlich das gesamte Hostel, wissen: frühes Aufstehen wird belohnt! Mit der Stirnlampe gehen wir durch die noch spärlich beleuchteten Gassen und auf dem Hauptweg angekommen, schließen sich von überall weitere Frühaufsteher an. Nach ca. zwanzig Minuten erreichen wir die Brücke, die über den reißenden Fluss auf die andere Seite führt und ein Angestellter tätigt eine erste schnelle Kontrolle der Tickets, indem er das Licht seiner Taschenlampe kurz über die Papiere huschen lässt.
Dann beginnt der Aufstieg und was für einer – eine Stunde lang geht es ununterbrochen die kleinen, unebenen Treppenstufen hinauf. Alternativ werden auch Busse angeboten um die Strecke zurück zu legen, diese fahren jedoch erst ab 5:30Uhr, sind nicht gerade ein Schnäppchen und der wichtigste Aspekt: wo bleibt denn da das Abenteuer!? So schlängelt sich eine Raupe aus Menschen in stiller Andacht den Berg hinauf. Wie bei einer Pilgerwanderung ist jeder scheinbar in seinen eigenen Gedanken und Erwartungen versunken und außer dem leisen Ächtzen und Schnauben der Wanderer hört man nichts, bis auf die noch leisen Geräusche der Natur.

Man kann schon die Gespräche der wartenden Besucher hören, die den Bus genommen haben – lange kann es also nicht mehr sein und so nimmt wohl jeder noch einmal seine ganze Kraft zusammen. Noch drei, zwei, eine – geschafft. Es ist erst sechs Uhr und die Plattform um den Eingang ist bereits voll von Menschen. Die beruhigende Stille unseres Weges wird abrupt durch die Hektik und den herrschenden Lärm unterbrochen. Besucher reihen sich dicht an dicht, um nur ja die Ersten zu sein. Dazwischen laufen Guides mit ihren Fähnchen herum, die in allen erdenklichen Sprachen ihre Touren anbieten. Auch Max und ich stellen uns in einer der Schlangen an und zu meiner Überraschung geht es sehr zügig vorran. Auch die Kontrollen der Ausweise, von denen man uns sagte, dass sie sehr streng und akribisch genau durchgeführt werden, sehen für mich eher aus wie ein flüchtiger Blick in den Pass, ein Stempel mit dem Schriftzug „utilizado“ aufs Ticket und das wars dann auch schon.
Wir haben es wirklich geschafft und stehen hier oben, auf einem der sieben Weltwunder! Den Tipp, den wir mehrfach erhalten hatten, bei Zeiten oben zu sein zahlt sich nun aus, denn die Frühaufsteher unter den Besuchern bilden doch eher die Unterzahl, was es uns ermöglicht einige Bilderbuchaufnahmen zu schießen und das, sehr zur Freuden von Max, ganz ohne andere Menschen im Bild. Das Wetter ist perfekt, durch einige Wolken ist es sehr angenehm und trotzdem ist es nicht zu bewölkt um die Tempelanlage komplett sehen zu können. Wir verschaffen uns erst einmal einen Überblick und wollen uns später alles im Detail anschauen, denn wir sind noch nicht fertig mit unserem sportlichen Programm für heute.

Bei der Ticketbuchung besteht zusätzlich zu Machu Picchu die Möglichkeit, den Aufstieg zum Huayna Picchu in Angriff zu nehmen. Auf dem benachbarten Berg finden sich ebenfalls Überbleibsel der Inkaanlage und von hier können jene bekannte Bilder von Machu Picchu aus der Vogelperspektive geschossen werden. Wir schätzen uns sehr glücklich, dass wir eines der begehrten Tickets ergattern konnten, denn täglich wird der Zutritt nur 200 Personen gewährt. Jedoch muss sich die atemberaubende Aussicht erst einmal verdient werden. Denn es geht ca. zwei Stunden steil bergauf und wieder einmal, wie so oft, über Stufen. Diese sind teilweise kniehoch und so steil, dass man nahe am Fels klettern muss, um nicht abzurutschen. Hin und wieder sind Stahlseile gespannt, um einen sichereren Tritt zu ermöglichen. Hier werden auch die konditionell Fittesten gefordert und immer wieder geht mir durch den Kopf, wie die Menschen all die Steine, die zur Erbauung der Häuser nötig waren, aus dem Tal hier hoch geschleppt haben – unglaublich. Dann haben wir es endlich geschafft und sind auf dem Gipfel des Berges angekommen. Die Aussicht von hier auf Machu Picchu wirkt nochmal beeindruckender, weil man den Blick über das ganze Gelände schweifen lassen kann und realisiert, welches Ausmaß diese Tempelanlage besitzt. Das Areal ist in verschiedene Bereiche aufgeteilt, wie zum Beispiel die „Terassen“, die zum Anbau der Hauptnahrungsmittel benutzt wurden oder aber auch die Wohnhäuser und Gebetsstätten. Forscher schätzen, dass temporär rund 750 Mitglieder der Inka hier lebten. Nur durch die außergewöhnlich geschützte und schlecht zugängliche Lage im „heiligen Tal“ konnte Machu Picchu der Eroberung durch die Spanier entgehen. Im Jahr 1911 startete Hira Binghams mit den Informationen der Einheimischen eine Expedition auf der Suche nach einem der beeindruckensten Bauwerke des 15. Jahrhunderts. Als er den Tempel vorfand, war dieser von der umliegenden Natur zu großen Teilen eingenommen und es war ein hohes Maß an Restaurierungen nötig. 2007 wurde die Inkaanlage dann von der UNESCO zu einem der „Sieben Neuen Weltwunder“ erklärt und steht seitdem als Andenken für eine der größten Hochkulturen der Welt.

Die Sonne bahnt sich langsam aber sicher ihren Weg durch die Wolken und es lässt sich gut nachempfinden, dass die Inka unter anderem diese Lage für ihr Bauwerk ausgewählt haben, um der Sonne nahe zu sein. Allmählich erreichen immer mehr der Tourbusse den Eingang und die Anlage füllt sich mit Besuchern aller Länder. Daher beschließen auch wir langsam abzusteigen, um uns alles einmal genauer anschauen zu können. Laut Informationstafeln führt ein Rundweg in Form einer „Einbahnstraße“ zurück zum Fuße des Berges und auf dem Weg besteht die Möglichkeit eine Höhle zu besichtigen, die die Inka als natürlichen Schutz für eines ihrer Bauwerke nutzten. Da wir schon einmal hier sind, wollen wir uns das natürlich nicht entgehen lassen und sind gerne bereit, einen „kleinen Umweg“ in Kauf zu nehmen. Was wir zu dieser Zeit noch nicht wissen, dass uns der Rundweg zwei Stunden kostet, in denen es 400 Meter steil bergab geht, um anschließend wieder 200 Meter mindestens genau so steil bergauf zu kraxeln. Die Stufen werden immer schmaler und steiler und von dem sichernden Stahlseil von zuvor fehlt oft jede Spur. Die Tatsache, dass außer uns nur zwei weitere Touristen hier unterwegs sind, bestätigt unsere Vermutung, dass die Wenigsten sich diesen „Höllenpfad“ antun. An den Stellen, an denen die steinernen Stufen nicht mehr ausreichen, befinden sich selbst konstruierte Holzleitern um den Abhang zu überbrücken, die ehrlich gesagt wenig vertrauenserweckend wirken – doch es hilft nichts und hoffentlich gilt hier der Spruch, herunter kommt man immer irgendwie. Hoch konzentriert setzen wir vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um nur ja nicht an einer der glatten, kleinen Stufen fehl zu treten. Erschöpft und mit zitternden Knien kommen wir an der Höhle an und nun ja, sagen wir mal so, wir hatten bei dem doch beschwerlichen Weg vielleicht etwas mehr erwartet.

 Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr und nach einer kurzen Verschnaufpause erwartet uns die Hälfte des gegangenen Weges jetzt wieder bergauf. Die Vegetation ähnelt ein bisschen den tropischen Pflanzen des Regenwaldes und ich bin froh, dass diese wenigstens ein bisschen Schatten spenden. Der Schweiß läuft uns die Stirn hinunter und jeder Schritt ist mit einer immensen Anstrengung verbunden. Von den vielen Kilometern der letzten Tage fühlt es sich an, als hätte man Bleiklötze an den Beinen und ich komme langsam aber sicher ans Ende meiner Kräfte. Doch dann hören wir einige Stimmen – Gott sei dank der Hauptweg kann nicht mehr weit entfernt sein und in der Tat wir haben es fast geschafft. Der höchstes Punkt ist erreicht, ab jetzt reicht die Kondition nur noch dafür, die Füße den Weg bergab über den holprigen Steinweg gleiten zu lassen und dann endlich ist das Eingangstor in Sicht.

Wieder auf der Höhe von Machu Picchu angelangt, setzen wir uns erst einmal und erholen uns kurz, bevor unser Weg weiter durch die Gassen der Tempelanlage geht. Man kann einige Blicke in die Häuser der Inkas erhaschen und wir kommen am sogenannten „Tempel de Condor“ und den „Tres Ventajas“ vorbei. Sowohl die Individualtouristen als auch die geführten Gruppen wandeln hier auf den Spuren der Inka und lediglich die Lamas, die genüsslich am grasen sind, erwecken den Eindruck, als würden sie hier mit der gleichen Gelassenheit weiden, wie sie es schon damals taten. Was würden die großen Könige der Inka und ihr Volk wohl sagen, wenn sie wüssten, mit welcher Begeisterung und Ehrfurcht ihre Tempelanlage heute besucht wird?

PS : Liebe Mama, wir haben es geschafft! Wir waren wirklich da und haben auf dem Gipfel des Machu Picchus gestanden. Dieser Beitrag und die Bilder sind besonders für dich, weil du schon seit du 16 bist davon geträumt hast, dieses Weltwunder mit deinen eigenen Augen zu sehen. Ich hoffe, dass wenn du diesen Bericht liest, mit dem Lied “ El condor pasa“ im Kopf, es ein bisschen so ist, als wärst du dabei gewesen!


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