aus der Sicht von Max

Ein unbekanntes, nicht zu lokalisierendes Geräusch scheint mich aus den Träumen reißen zu wollen. Die Traumwelt verschwimmt mit zeremonieller Stammesmusik, die von einer kräftigen Frauenstimme angeführt wird. Soweit nichts Besonderes, da ich in letzter Zeit häufig morgens wach werde und wieder eindöse. Doch als ich nach guten 40 Minuten erneut geweckt werde, vernehme ich nach wie vor die laute, schon fast unangeneheme Musik. Ein prüfender Blick zu Deborah bestätigt meine Vermutung: ich höhre keine Stimmen, sondern die Musik ist tatsächlich im Raum. Unser Couchnachbar scheint sich seit geraumer Zeit zu erdreisten, sein Video auf voller Lautstärke zu verfolgen.
Beim genaueren Blick fällt jedoch auf, dass dieser unbehelligt schläft und es sich bei dem mittlerweile lästigen Gesang um einen Weckton handelt. Eine gute Stunde später als vorgesehen startet er zu seinem geplanten Meeting.

Als ich die Augen gerade wieder schließen will, lässt mich der nächste Alarm aufschrecken. Dieses Mal handelt es sich jedoch um einen sirenen-ähnlichen Ton, der direkt aus Deborahs  Tasche zu kommen scheint. Es ist eine Unwetterwahrnung des örtlichen Wetterdienstes, aufgrund drohender Sturzfluten. Was eignet sich an so einem Tag besser als ein Museumsbesuch?!
 

Wie eine mittelalterlische Festung ragen die massiven Mauern des Eastern State Penitentiary aus dem umliegenden modernen Häusermeer heraus. Diese formen eine schier unüberwindbare Barriere zur Außenwelt. Bei der Anlage handelt es sich um einen ehemaligen Gefängnislkomplex, dessen Entwicklung spannend und interaktiv über einen Audioguide erzählt wird. Die Geschichten über die bekanntesten Insassen, wie „Al Capone“, den Alltag aus Sicht der Wärter sowie der Gefangenen, bis hin zu Fluchtversuchen und gelungenen Fluchten werden durch authentische Geräusche untermalt. Das Einrasten von Schlössern und Vorschieben massiver Riegel vetleiht dem Hörspiel die nötige Spannung und Mystik, sodass die Besucher gebannt an ihren Kopfhöhrern hängen.
Das Gebäude ist mit seinen Flügeln und Korridoren sternförmig angeordnet. Alle Zellenblöcke münden in einem zentralen Raum, was eine geringe Personalstärke ermöglichte. Das einstige Konzept von John Haviland aus dem Jahre 1829 sieht vor, die Häftlinge vollständig zu isolieren, um diese zu läutern und der Verbreitung von Krankheiten vorzubeugen.
Unter menschenunwürdigen Bedingungen verbrachten einige Insassen hier Jahre oder sogar Jahrzehnte, ohne eine einzige Person zu Gesicht zu bekommen. Die winzigen Zellen bestehen jeweils aus einem Außen – sowie Innenhof, die kaum größer als 2×3 Meter sind. Um die totale Isolation zum komplementieren und mögliche Kommunikation zu unterbinden, gelangt man nur über den zugehörigen Außenhof in die Zelle. Diese sind über kleine Essensluken mit dem Hauptkorridor verbunden. Die Wärter trugen Socken über den Schuhen, um sich lautlos durch die Gänge bewegen zu können. Das Prinzip der Abschottung der Häftlinge soll später als das Pennsylvania-Konzept bekannt werden und weltweit als Vorbild fungieren. Dem entgegen steht das New York-Prinzip bei dem die Insassen gemeinsame Zeit beim Hofgang und bei Arbeitsaktivitäten verbringem können. Die Divise lautete „stille Zusammenarbeit“. Letzteres gilt als menschenwürdiger und so wurde das Eastern State Penitenitary 1913 dorthingehend umgerüstet. Damit gingen jedoch auch ansteigende Gewalt, Gangaktivitäten und Fluchtversuche einher. Eine der berühmtesten Fluchten, fand am 03.04.1945 statt, bei der zwölf Sträflinge entkommem konnten. Über ein ausgeklügeltes Tunnelsystem gruben sich diese unter dem tiefen Fundament der Mauern hindurch, raus in die Freiheit. Der Tunnel verfügte sogar über eletrisches Licht und mehrere Leitern. Elf der zwölf Geflohenen konnten nach kurzer Zeit gefasst werden. Der Zwölfte stand am nächsten Tag hungrig vor dem Tor und bat um Einlass.
Anschließend wurde der Fluchtunnel versiegelt. Bei der Rekonstruktion der Flucht  und der Suche nach dem einstigen Tunnel im Jahre 2006 konnte mit Hilfe einer Endoskopkamera nachhewiesen werden, dass selbst nach 61Jahren, Teile des Tunnels intakt sind.
Die erzählten Geschichten gepaart mit dem  düsternen, verfallenen Gemäuern, verleihen dem Ort eine unheimliche Atmosphäre. Dem ehemaligen Gefängnis wird nachgesagt, einer der meist heimgesuchten Plätze von paranormaler Aktivität zu sein. Vollmond- & Halloween-Events locken Gruselfans aus dem ganzen Land hier her.

Einen Kontrast zu dem alten Gebäude bilden eine aktuelle Kunstaustellung und zahlreiche Informationstafeln über die derzeitige Situation in den USA. Wie so oft gestalten die interaktiven Angebote das Museumserlebnis noch beeindruckender und unvergesslicher. “ Haben sie schon mal eine Straftat begangen?“ Durch diese Entscheidung beginnt eine Art Parcour der jeden ganz persönlich mit der Schuldfrage, die seit Anbeginn der Zeit besteht, konfrontiert. Wer beweist vor den anderen Museumsbesuchern die Courage und geht den „Ja“ – Weg?
Am Ende dieses Pfades sind an einer Wand Schuldgeständnisse der Besucher angebracht. Erst bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass unter diese auch Statements von Inhaftierten gemischt sind.
Es ist beängstigend wie wenig die Taten bei manchen Vergehen voneinander trennt, wie schmal der Grad zwischen „Gerade noch mal gut gegangen“ und erwischt zu werden ist. Dieses beklemmende Gefühl spiegelt sich auch in einer weiteren Instalation einens Künstlers wider. In einer der historischen Zellen befindet sich nichts außer eine Art Käfig, und einem orangen Insassenanzug. Symbolisch soll dies für das Camp-X-Ray stehen, das bis 2002 fester Bestandteil in Guantanamo war. Mit diesem Vergleich soll gezeigt werden, dass sich außer der „Bausubstanz“ nicht viel geändert hat – die psychische Belastung ist auch im 21 Jahrhundert oft mehr als menschenunwürdig.

Folge uns auf Instagram, um auf dem Laufenden zu bleiben!

Kategorien: Amerika

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.