aus der Sicht von Deborah & Max

Wie so oft in den letzten Tagen kann unser heutiges Ziel nur durch Bezwingen enger, schwer verdaulicher Serpentinen erreicht werden. Es herrschen angenehme Temperaturen, die Sonne scheint und so nutzen ebenfalls viele Motorradfahrer das schöne Wetter, um eine Tour auf der Passstraße zu genießen. Ganz unerwartet taucht hinter der nächsten Kurve eine Parkgarage auf und bildet mit ihren Betonwänden einen starren Kontrast gegenüber der lebhaften, bewegten Natur. Das Ziel ist erreicht – Mount Rushmore.
„Gründung“, „Wachstum“, „Entwicklung“, „Erhaltung“ – diese Schlagwörter werden wohl durch Niemanden besser verkörpert, als durch die Präsidenten: Washington, Jefferson, Roosevelt und Lincoln. Um ihnen als „Gründerväter“ der USA ein ewiges Denkmal zu schaffen und ihre Ideale für alle Zeit in den Köpfen zu verankern, wurde eine gewöhnliche Gedenkstätte als ungenügen befunden. Stattdessen ragen aus Mitten der sandfarbenen Gebirgskette die in Stein gemeißelten Köpfe der Staatsmänner heraus. Knapp 20 Meter hoch und mit höchster Präzision wurde ein möglichst reelles und naturgetreues Abbild erschaffen. Erst nach mehreren Prototypen gaben sich die Künstler, Gutzon Borglum und sein Sohn Lincoln, mit ihrem Werk zufrieden und befanden es gut genug, um das Projekt am Fels in Angriff zu nehmen. 400 Arbeiter haben mit etlichen Werkzeugen und genau kalkulierten Sprengsätzen, in schwindelerregenden Höhen, das Kunstwerk geschaffen. Nach 14 Jahren schien das Projekt geglückt und wurde 1941 feierlich der Öffentlichkeit vorgestellt. Doch die Arbeit war nur fürs Erste beendet – bis heute warten Spezialteams regelmäßig das Gebilde. So wird der steinerne Blick der „vier Großen“ weiterhin prüfend über das Land streifen, um die von ihnen erkämpften Rechte und Privilegien zu mahnen und sie für die nachfolgenden Generationen zu wahren.
 

Wir verlassen South Dakota in Richtung des nächsten Bundesstaates Nebraska. Auf dem Weg dorthin passieren wir eine Landstraße mit geringem Verkehr, bis plötzlich eine schwarz-braune Straßensperre in der Ferne zu erkennen ist. Als wir uns langsam der scheinbar starren Barriere nähern, setzt diese sich mehr schleppend, aber deutlich, in Bewegung. Wir trauen unseren Augen kaum – was wie eine Straßensperre wirkte, ist eine freilebende Bison-Herde von knapp 15 Tieren. Oft berichteten Infobroschüren, dass man diese stolzen Tiere hier antreffen könne, aufgrund ihrer leider stetig schrumpfenden Population rechneten wir jedoch nicht damit in diesen weiten Prärien tatsächlich welche vorzufinden. Als hätte ein Herdenmitglied das Signal gegeben, passieren kleine Kälber, halbstarke Tiere und stämmige Bullen den Asphalt und lassen sich dabei wenig von den anhaltenden Autos und staunenden Menschen beeindrucken. Perfekter hätte das Timing wieder mal nicht sein können.

Die anschließenden Straßen führen in ungeahntem Maße durch die Einöde. Die endlosen Geraden werden so weit das Auge reicht von Weideland umgeben. Der nicht enden wollende Zaun am Straßenrand begleitet uns über Stunden hinweg. Der Gedanke, dass all dies wohl Privatgrund eines Farmers sei, ist schwer vorstellbar. Nur vereinzelt kommen uns andere Fahrzeuge entgegen. Die Fahrer grüßen meist, denn hier scheint jeder jeden zu kennen. Touristen verlaufen sich eher selten in dieses Gebiet. Heftige Winde, denen die Äcker und das Weideland nichts entgegen zu setzen vermögen, streifen das Land. Immer wieder wird der lockere Boden tornadoartig in die Höhe gewirbelt und peitscht, stark am Lenkrad ziehend, über uns hinweg. Die wenigen Siedlungen, die wir durchqueren, scheinen meist verlassen. Zerfallene Häuser, eingeschlagene Scheiben und verkommene Autos sind die letzten Zeitzeugen. Die lange Einsamkeit findet ein Ende als wir „Alliance“ erreichen, hier sind schon eher Touristen anzutreffen. Ein Steinring, ähnlich wie der des berühmten „Stonehenge“ in England, ist dort vorzufinden. Bei einem zweiten Blick fällt jedoch auf, dass es sich nicht um Steine handelt, sondern um aufgetürmte Autos. 1987 wurde das Kunstwerk „Carhenge“ von Jim Reinders errichtet. Inspiriert von dem englischen Vorbild kam er zurück in sein Heimatdorf und wollte ein ähnliches Kunstwerk mit seiner Leidenschaft „Autos“ erbauen.

Das viele Nichts wird zunehmend durch immer wieder empor ragende Steinfromationen abgelöst. Eine der Bekannteren ist der „Chimney Rock“. Eine auffällig filigrane Spitze, die gen Himmel ragt, zeichnet diesen aus. Das ungewöhnliche Motiv lockt Fotografen aus aller Welt an. Er ist jedoch nur aus der Ferne zu betrachten, da sich der Pfad dort hin auf unwegsamem Gelände durch die pralle Mitagssonne schlängelt. Die weniger bekannte aber mindestens genauso beeindruckende Formation bildet der „Jail Rock“. Eine Schotterpiste führt uns direkt an dessen Fuß. Es scheint, als wären wir weit und breit die Einzigen hier. Wir genießen den Anblick, wagen den Aufstieg bis fast auf die Spitze und treten bei Einbruch der Dämmerung den Weg in Richtung des nächsten Nachtquartiers an. Ein tief dunkelroter Sonnenuntergang setzt dem Tag die Krone auf.

Kategorien: Amerika

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