aus der Sicht von Deborah

Ein letztes Mal übernachten wir auf einem kleinen Campingplatz, eine gute Stunde von San Francisco entfernt. Anders als im Yosemite ist dieser sehr gemütlich und bietet,  durch die durch Sträucher abgeteilten Zeltplätze, ein bisschen mehr Privatsphäre. Was ihn jedoch zum Schönsten, bisher gesehenen macht, ist die wahnsinns Aussicht, die hier geboten wird. Schier unendliche Weiden liegen uns zu Füßen, deren gold-gelbes Gras in der Abendsonne schimmert. Kaum ist die Sonne am Horizont verschwunden erwachen die unzähligen kleinen Dörfer und Städte zum Leben – ein schön anzuschauendes Spiel von Lichtern.

Als wir über die „Oakland Bridge“ in die „Stadt der vielen Hügel“ einfahren, sind in weiter Ferne, in dichten Nebel gehüllt, die Spitzen der „Golden Gate Bridge“ zu erahnen. San Francisco – die Stadt im Nebel. Tatsächlich habe ich das erste Mal seit langem das Gefühl, dass es wirklich Herbst sein könnte. Der Temperaturunterschied von schlappen 25°C verpasst uns einen gehörigen Klimaschock, hinzu kommt der eisige Wind der Küste und der scheinbar nie aufklarende Nebel. Doch nicht nur das Wetter ändert sich, sondern auch die Zusammensetzung unserer Reisegruppe. Marcos verlässt uns mit der Ankunft in San Francisco in Richtung Norden, Portland. Mit den Mädels verbringen wir noch ein paar Tage zusammen hier, bevor sich auch unsere Wege trennen.
Da es schon spät am Tag ist, als wir in der Metropole ankommen, wollen wir die Stadt nach der letzten Woche Natur pur erst einmal auf uns wirken lassen und wo ginge dies besser als am „Land’s End“? Hierbei handelt es sich um die nördlichen Klippen von San Francisco. Sie bilden sozusagen die Einfahrt in die Bucht und hier befinden sich auch jene strategische Marinewachpunkte die einst bei der Verteidigung der „Bay Area“ eine Rolle spielten. Über kleine Trampelpfade gelangen wir direkt an den Strand, der mit groben Steinen beginnend, immer weiter ins Wasser reicht, bis hin zu feinem Sandstrand. Wir balancieren entlang der Küste, über die runden Kiesel, lassen uns die salzige Luft um die Nase wehen und beobachten das wilde, aufbrausende Meer. Nicht umsonst sind vor dieser Küste, aufgrund rauer See und schlechter Sicht, um die 38 Schiffe im Laufe der Jahre gesunken. Die Bäume die den sandigen Weg säumen, bilden mit ihrem dem Wind zu gewandten, flachen und dichten Blätterdach einen erheblichen Schutzwall, der die raue Witterung abzuhalten vermag.

Auf der To-Do Liste der Mädels steht unter anderem auch der Punkt „Feiern gehen“. Nun ja, weder Max noch ich sind grundsätzlich von der Idee abgeneigt, aber diesen Plan in der wahrscheinlich teuersten Stadt der gesamten Vereinigten Staaten umzusetzen, stellen wir uns doch recht abenteuerlich vor.
Schritt eins: Die Parkplatzsuche – die meisten der öffentlichen Parkplätze sind ausschließlich Anwohnern vorbehalten, womit das Ausweichen auf ein 10$/Stunde – Parkhaus zur einzigen Möglichkeit wird.
Schritt zwei: Eine Location finden – 30$ aufwärts sind die Eintrittspreise für die meisten Clubs hier in der Stadt. Hinzu kommt, dass viele sich einen gewissen Dresscode vorbehalten, was mit unseren eher praktisch, rustikalen Reiseklamotten ebenfalls schwer umsetzbar ist.
Nach drei Anläufen finden wir eine gemütliche Bar mit Tanzfläche, die keinen Eintritt verlangt, moderate Preise veranschlagt, nicht zu überfüllt ist und – ganz zu Gunsten von Max – keine Ladysnight feiert.
Beim Verlassen der Lounge Richtung Auto wird die ausgelassene Feierstimmung jedoch schlagartig getrübt. Der Bürgersteig hat sich zu einem Slalomparcour aus Zelten entwickelt, die von den Obdachlosen des Viertels aufgeschlagen wurden. Doch wie wir in den nächsten Tagen schmerzlich erfahren sollten, ist das hier keine Seltenheit. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel Elend und Armut entlang der Straßen gesehen und so trotte ich betroffen von der extremen Szenerie zurück zur Parkgarage. Immer wieder kreisen meine Gedanken darum, was wohl die Geschichten dieser Menschen sind und weshalb sie ohne Dach über dem Kopf ums Überleben ringen müssen. So nahe sind Luxus und Armut hier zusammen und für mich ist es ein beklemmendes Gefühl, sich dort zu amüsieren, wo Andere die kalte Nacht, in dünne Decken eingepackt, überdauern.
Da wir keine Unterkunft für die letzte Nacht finden konnten, übernachten wir mit den Mädels im Auto. Nicht der erholsamste Schlaf, aber wer lange reist, der ist dankbar für jede Art von „Unterkunft“.
Trotz der müden Geister starten wir früh, um die hoffentlich etwas „schönere Seite“ San Franciscos zu sehen. Es ist Sonntag und die Sonne scheint – wo findet man also in der Stadt die meisten Leute – ganz klar im Park. Doch nicht in irgendeinem, sondern im Golden Gate Park. Die Straßen, die durch das 4,1 Quadratkilometer große Gelände führen sind abschnittsweise gesperrt und erlauben es so Radfahrern, Joggern, Inlineskatern und Familien mit ihren Kinder, die gesamte Straße zu beanspruchen. Überall pulsiert das Leben und die Bewohner der Stadt genießen, bei großen Barbecues oder einem gemütlichen Picknick auf den üppigen Grünflächen des Parkes, ihren freien Tag. Auch wir schlendern in aller Ruhe über die Wege, die immer wieder zu kleinen Stopps einladen. Mit verschieden angelegten Gärten, wie etwa einem Rosen- und Tulpengarten sowie kleinen Seen und einem asiatischen Teegarten wird das Entspannen für Groß und Klein mehr als leicht gemacht. Da wir noch weiter wollen zu DEM Wahrzeichen der Stadt, der Golden Gate Bridge, steigen wir auf dem Rückweg in einen der urigen Trolleys ein, die an den Wochenenden einen freien Shuttelservice durch die Hauptstraße des Parks anbieten.
Bereits beim Überfahren der mächtigen roten Hängebrücke kommt mir das Lied in den Kopf: „If you are going to San Francisco“ und dabei schwingt dieser kalifornische, lässige Lebensstil mit. Auf der anderen Seite angelangt begeben wir uns in Richtung eines kleinen Aussichtpunktes, auf der westlichen Seite der Brücke. Doch scheinbar hatten wir diese Idee nicht alleine und nach einigen Metern staut es sich den ganzen Berg hinauf. Auf halber Höhe angekommen erkennen wir den Grund für das Chaos. Eine zweite Zubringerstraße ist für den Rückweg gesperrt und so sind alle Besucher, inklusiver der über den Zubringer hinzukommenden Fahrzeuge, gezwungen, den gleichen Weg wieder hinunter zu fahren. Aufgrund der ohnehin aussichtslosen Situation, entscheiden wir uns, die Panoramastraße bis ganz nach oben zu fahren, obwohl diese sich weiter von dem Wahrzeichen entfernt. Dort angekommen erlangt man einen Blick über die Brücke in voller Länge, die sich über das „Golden Gate“ erspannt. Den Namen erhielt die Meeresenge durch den Goldrausch im neunzehnten Jahrhundert, der unzählige Glücksritter nach Californien lockte.

„The Castro“, das Regenbogenviertel ist nicht nur das bunteste, sondern auch das herzlichste. Ob am Tag an den kleinen Läden vorbei zu schlendern oder nachts durch die Clubs und Bars der Straße zu tanzen – beides ist definitiv ein Erlebnis. Die Tocher von Ed und Deb, Suzanne arbeitet hier in einem der Clubs an der Garderobe und die Mädels suchen erneut nach einer geeigneten Partylocation. Perfekt – so nutzen wir die Möglichkeit um Suzanne zu treffen. Ich finde es schön zu sehen, dass sich hier jeder wohlfühlt und wohlfühlen darf, so wie er ist!

Nachdem wir am vorherigen Tag noch länger Ausgang hatten, als ursprünglich vorgesehen und einer weiteren Nacht zu viert im Auto, fällt das Aufstehen an diesem Morgen etwas schwer. Nach dem Frühstück fühlen wir uns jedoch gestärkt, „The Mission“ in Angriff zu nehmen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Art geheime Mission, sondern um ein Stadtviertel San Franciscos, das mit seinem Latinoflair und zugleich hippen Futurismus besticht. Benannt wurde der Distrikt nach der  „Mission Dolores“, einer Kirche, die zu den sechs ältesten Gebäuden ganz San Franciscos gehört. Nahe dieser liegt auch der gleichnamige Dolores Park, der in Mitten der Häuser eine idyllische Oase der Ruhe bildet.
Unser Stadtspaziergang führt weiter zum Viertel „Haight Ashbury“, das Hippieviertel der Stadt. Vintagekleiderläden, Souvenirshops und alternative Läden säumen die Straßen. Immer wieder finden sich Grafittiarbeiten an den Wänden wie „Summer of Love“ oder auch die Silhouetten der Beatles, Bob Marley und anderen Vertretern des liberalen Gedankens. Der Trubel der Straßen verläuft sich langsam und es wirkt, als würde die „normale Welt“ wieder das Ruder übernehmen. An dieser Straßenecke trennen sich auch die Wege von Mara, Nelin und uns beiden. Vor einer Woche waren es noch Fremde und jetzt ist es schon ein seltsames Gefühl sich zu verabschieden – vielleicht nicht für immer aber eine lange Zeit. Für die beiden war dies „nur“ ein Urlaub, in Deutschland zurück beginnt das Semester wieder und somit der ganz normale Alltag. Für uns beide neigt sich unsere Zeit in Amerika dem Ende, doch es ist nur das Ende auf diesem Kontinent, denn es liegen noch weitere neun Monate Abenteuer vor uns. Wir bedanken uns bei den beiden, die uns ohne zu zögern als ihre Travelbuddys aufgenommen haben und dann heißt es wirklich Abschied nehmen.

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Kategorien: Amerika

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