aus der Sicht von Max

Nach vier tollen Wochen auf der Nordinsel heißt es bereits: Zeit auf Wiedersehn zu sagen. Die Fähre wartet und so brechen wir bei strahlendem Sonnenschein zur Südinsel auf.
An Deck blitzen immer wieder die Erlebnisse und Eindrücke des vergangenen Monats vor dem inneren Auge – Definitiv eines meiner Highlights unserer Reise und wie wir von einigen anderen Reisenden schon hörten, soll der südliche Teil des Landes mit noch beeindruckenderen Landschaften auf uns warten. Ich bin gespannt und freue mich auf den nächsten Abschnitt.
Trotz der Größe des Schiffes macht sich der Seegang durchaus bemerkbar, weswegen wir die dreistündige Fahrt im Freien verbringen. Hier ist die Aussicht ohnehin schöner: eine kühle salzige Briese weht durchs Gesicht und das Rauschen der Wellen überlagert das dunkle Brummen der riesigen Schiffsmotoren. In der Ferne lassen sich bereits schneebedeckte Gipfel schemenhaft erkennen und einige Zeit später wirkt es, als würden wir durch die Fjorde Norwegens schippern. Das Meer schimmert in tiefen Blau- und Grüntönen und ein Geschwader historischer Kampfflugzeuge begrüßt uns bei der Ankunft in Picton. Die Piloten kreisen in fast greifbarer Nähe, Flügel an Flügel über die Fähre hinweg. Vor lauter Verblüffung bekomme ich die Kamera jedoch nicht mehr Rechtzeitig auf die beiden gerichtet – was wäre das ein Motiv gewesen!

Auf dem Weg nach Christchurch zeigt sich das Land immer wieder von seiner schönsten Seite. Zu unserer Linken funkelt das Meer in den schönsten Farben und die Wellen brechen über den dunklen Kiesstrand herein. Zur Rechten befinden sich die schneebedeckten Spitzen des Gebirges. Ein Anblick, den ich so in dieser Kombination noch nie zuvor gesehen habe. Nicht umsonst sagt man, dass man in Neuseeland vormittags Ski fahren kann und nachmittag problemlos am Strand relaxen, ohne eine halbe Weltreise machen zu müssen.

Unterwegs sammeln wir James auf, der mit ausgestrecktem Daumen in der prallen Mittagshitze wartet. Er wurde in Neuseeland geboren und ist dort aufgewachsen, verliebte sich jedoch später in die Schönheit Malaysiens und baute sich dort eine Existenz auf. Von Zeit zu Zeit kehrt er für Familienbesuche zurück und nach gerade einem solchen ist er ebenfalls auf dem Weg nach Christchurch, wo sein Flieger für den nächsten Tag bereit steht. Ein lustiger Zeitgenosse, der uns im Austausch für die Mitfahrgelegenheit den ein oder anderen Geheimtipp für Südostasien aufschreibt – eine Hand wäscht die andere.
Die vielen Baustellen bremsen uns immer wieder aus und so kommen wir auf der eigentlich nicht sehr langen Strecke nur schleppend voran.
Am späten Nachmittag erreichen wir den Campingplatz und für James geht es die letzten 80 Kilometer alleine weiter, was er jedoch gelassen nimmt, denn wir haben noch einen Plan in die Realität umzusetzen. Anhand der vor Tagen erstellten Skizzen besorgten wir uns die nötigen Teile für den Umbau des Kofferraums und nun gilt es diese zusammen zu bauen. Die Arbeit ist etwas mühsamm, wenn man die Schrauben von Hand eindrehen muss, doch langsam aber sicher nimmt das neue Verstausystem Form an. Dieses wird uns hoffentlich viel Zeit und den ein oder anderen Nerv sparen. Besonders wenn wir in den kommenden Wochen zu dritt unterwegs sein werden. Ihr habt richtig gehört, wir erhalten Verstärkung aus der Heimat.

Ein alter Freund, Tobi wird am Vormittag in Christchurch landen und uns für ungewisse Zeit auf unseren Abenteuern begleiten. Was er bisher noch nicht weiß: dass wir ein Auto gekauft haben. Der eigentliche Plan sah vor, das Land per Bus zu bereisen, was das Vorhaben nicht nur finanziell, sondern auch bezüglich des Planungsaufwandes und der Flexibilität erschwert hätte. Er denkt noch immer, dass er mit dem Shuttle zum Hostel fahren muss.
Ich kann es kaum erwarten seinen Gesichtsausdruck zu sehen, als wir am Flughafen auf ihn warten. Die Infotafel zeigt an, dass sein Flugzeug gelandet ist, die ersten Passagiere strömen aus dem Gate und auch wir positionieren uns mit dem extra angefertigten Schild, um ihn rechtzeitig abzufangen.
Aus der Schiebetür kommt ein völlig verträumter Tobi, der nahezu emotionslos in die Gegend starrt. Ein kurzer Blick streift uns, bevor er fast an uns vorbei läuft. Erst als wir über ihn rufen scheint er aus dem schlaf-ähnlichen Zustand aufzuschrecken. Noch etwas verwirrt erzählt er uns von der schier endlosen Anreise in einem Flugzeug voller schreiender Kleinkinder – man kann ihm die Verwirrtheit und Müdigkeit nicht übel nehmen. Es dauert einen Tag, bis er das Ganze so richtig begreifen kann.
Erstaunlicherweise hält er sich abends noch wacker auf den Beinen, bevor es nach einigen Runden Karten ins wohlverdiente Bett geht. Und auch wir freuen uns nach den letzten Wochen im Auto oder Zelt auf ein richtiges Bett.

Mit einem ausgiebigen Frühstück starten wir eher gemütlich in den Tag. Es steht nicht sehr viel auf dem Plan und so brechen wir gegen Vormittag in Richtung Oamaru auf, einer Stadt südlich von Christchurch. Doch zuvor steht ein Stopp an den Moeraki Boulders auf dem Plan, einer seltsamen Ansammlung von Gesteinsformationen. Die nahezu perfekt runden Steine liegen in kleinen Gruppen am Strand und bilden eine merkwürdige Kulisse, ganz so als hätte sie jemand dort abgelegt. Irgendwie ein cooler Ort, für den es sich lohnt einen kurzen Stopp einzulegen. Ebenso der Parkplatz an dem wir zum Mittagessen stoppen. Man kann mit dem Auto bis unmittelbar an den Strand fahren, sodass wir uns bei einem lauen Lüftchen und dem Rauschen der Wellen häuslich einrichten.

Die Stadt Oamaru ist bekannt für ihre blauen Pinguine, die sich zur Abenddämmerung blicken lassen. Nicht selten kommt es vor, dass einer der kleinen Vögel über den direkt im Hafen gelegenen Campingplatz watschelt und so legen wir uns bei Sonnenuntergang auf die Lauer, um die heiß ersehnte Rückkehr einer Kolonie in die Nester zu beobachten. Kaum ist die Sonne verschwunden macht sich der langsam aber sicher aufziehende Herbst bzw. Winter bemerkbar. Die Kälte lässt meinen Rücken verkrampfen und so bin ich umso froher, als sich endlich einer der kleinsten Pinguine der Welt zeigt. Es scheint als würde er die Lage auskundschaften und beim Anblick der lauernden Fotografen verzieht er sich schnell unter die Felsen. Wir haben unser Foto bekommen und so beschließen wir den Rückweg anzutreten und den Vögeln ihren wohlverdienten Feierabend zu gönnen.

Oamaru zieht alle Arten von „Vögeln“ an, besonders diese aus der Steam-Punk Szene, die zu ihrem selbsternannten Hauptquartier pilgern. Die schon fast künstlerische Bewegung tauchte erstmals in den 1980er Jahren auf und mischt viktorianische Elemente mit ausgedienten Dampfmaschinen und selbstkreierten Erfindungen. Eine Art Lifestyle und Selbstverwirklichung zugleich, der einige der Ortsansässigen verfallen sind. So sind allerhand Artikel im „Mad-Max“ Look in den umliegenden Läden zu erstehen. Von futuristischen Kopfbedeckungen, gekreuzt mit schon fast antiken Zylindern, bis hin zu Laserkanonen ist alles dabei. Im Gegensatz zu anderen Kustgenren ist im Steampunk nahezu nichts unmöglich und alles erlaubt. So kann man hier problemlos durch ein Portal in eine „fremde Welt“ eintauchen oder an einem von Weltraumoffizieren entwickelten Spezialklavier die Laute Außerirdischer abspielen lassen. Eine Art Spielplatz für Groß und Klein, der sich gut in die ohnehin gemütliche Stadt einfügt.
Passend zum Steampunk trifft man hier auch die halsbrecherischen Hochrräder an, auf denen die Einheimischen tatsächlich von Zeit zu Zeit durch die Straßen fahren und selbst der am Hafen gelegene Spielplatz versprüht den historisch-futuristischen Flair.
Gerade möchte ich in meinen Gedanken versinken, als mich ein Megafon und das Klatschen der umstehenden Passanten wieder in die Realität zurück ruft. Der erste Zielankömmling des Alps to Ocean Marathons läuft mit Applaus in die Gasse ein. Insgesamt 231 Kilometer und unzählige Höhenmeter liegen hinter den Athleten, die sichtlich berührt auf die Ziellinie zu schreiten. Respekt!

Auch für uns steht eine längere Etappe bevor, jedoch nicht zufuß, sondern in unserem liebgewonnenen Gefährt nach Dunedin, dem südlichsten Punkt unserer Neuseelandreise. Hier findet man neben der steilsten Straße der Welt auch eine Self-Guided Streetart Tour vor.
Dabei kann man spielend, ganz wie bei einer Schnitzeljagd, die Stadt erkunden und kommt an so manchem historischem Ort vorbei, wie beispielsweise der ältesten Kirche der Stadt. Der Einfluss der überwiegend englischen, irischen und schottischen Einwanderer ist unverkennbar und eine kleine Infobroschüre gibt immer wieder Hintergrundwissen zu den jeweiligen Kunstwerken. Von riesigen Greifvögeln über gigantische Menschen, bis hin zu kleinen versteckten Werken ist alles dabei. Eine wirklich tolle Möglichkeit, jungen Menschen die Stadt zu zeigen.
Der gemütliche Campingplatz und ein hervorragendes Abendessen runden den Tag ab.


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