aus der Sicht von Deborah

New York war der letzte Stopp an der Ostküste und somit ist das erste Drittel unseres Amerikaaufenthaltes schon vorbei. Nachdem wir in den letzten Tage das Stadtleben kennen lernten, geht es jetzt wieder in die Natur – in Richtung Westen.

Die Hitze des letzten Monats hat seit New York etwas nachgelassen und es sind angenehme 20°C – das perfekte Wetter für den heutigen Tag, denn wir wollen uns den „Watkins Glen State Park“ anschauen. Nahe der gleichnamigen Stadt liegt der Park im Gebiet der so genannten „Finger Lakes“. Ähnlich wie die Finger einer Hand ziehen sich diese Gewässer durch den Norden des Bundesstaates „New York“. Bereits beim Betreten des Parks eröffnet sich uns eine atemberaubende Aussicht. In den terassenartigen Felsformationen bildete sich eine Reihe von Wasserfällen, die sich über die Jahre in den schieferartigen Stein gefressen haben. Glaziale Serien und die Witterung trugen den Stein immer weiter ab, wodurch dieses canyon-ähnliche Flussbett geschaffen wurde. Zu perfekt und fast schon irreal wirken die abgerundeten Felsen, die den Wasserweg säumen. Dieses idyllische Bild mischt sich mit dem tosenden Geräusch der Wassermassen welche durch die Schluchten stürzen. Gut  verständlich, dass die einst hier ansässigen Bewohner diese Naturgewalt mittels einer Mühle nutzten, die die Zeit jedoch nicht überdauerte.
Der weitere Weg führt über steinerne Stufen den Berghang hinauf und auch als sich das Wasser wieder etwas beruhigt herrscht trotzdem keine Stille. Überall plätschern kleine Rinnsale und es tropft aus dem Fels, der den Weg begrenzt. Wie eine Bühnenistallation aus dem Fantasy-Abenteuer „Der Herr der Ringe“ schlägt eine steinerne Bogenbrücke den Weg von einer Seite der Schlucht zur gegenüberliegenden. Noch verträumter und märchenhafter wirkt dieser Blick durch die moosbewachsenen Felsen und das dichte Grün, welches die Brücke umgibt. Auf mystische Art lädt die „Jacob’s ladder“ mit ihren 180 Stufen dazu ein, auch mal abseits des Trails zu wandern.

Wir erreichen eine schmale Passage mit einer davor wartenden Menschentraube. Es handelt sich um den mächtigsten Wassefall und damit das Herzstück des Parks. Der Weg führt hinter den Wassermassen vorbei und jeder will eins der sensationellen Bilder erhaschen. Über die folgende Wendeltreppe die sich durch den Felsen windet erreichen wir das nächste Plateau, hier zeigt sich am anschaulichsten welche Kraft das Wasser besitzt. Im dort befindlichen Becken des nächsten Wasserfalles liegen wagenrad-große Baumstämme, die wohl einst durch den brausenden Strom hier her mitgerissen wurden. Auf halbem Weg müssen wir die Wanderung leider abbrechen, da die folgenden Streckenabschnitte aufgrund der vorangegangenen Regenfälle zu Reparaturzwecken gesperrt wurden.

Nach diesem beeindruckenden Naturschauspiel haben wir Blut geleckt und so führt uns die nächste zweistündige Fahrt zu dem wohl bekanntesten Wasserfall der USA / Kanada, den Niagarafällen. Hier wird die Landschaft nicht nur geographisch sondern auch teritorial geteilt, indem die Niagarafälle die Grenze zwischen Amerika und Kanada bilden. Wer kann schon von sich behaupten, innerhalb von zehn Minuten nach Kanada spazieren zu können? – Heute, wir! Ein Schild mit der Aufschrift „Pedestrian Walk to Canada“ führt auf die Brücke, die es zu überqueren gilt. Das Geräusch eines Stempelaufdrucks in unseren Pässen, das freundliche Lächeln der Grenzkontrollangestellten und damit sind wir offiziell in Kanada eingereist!
„Fängt es an zu regnen?“ fragt mich Max. Nein, wir befinden uns jetzt nur so nahe oberhalb der Wasserfälle, dass man die Gischt förmlich auf der Haut spüren kann. Der weite Blick präsentiert die „kleineren“ „American-“ und „Bridal Veil Falls“, die in den Staaten liegen sowie die zu Kanada gehörigen „Horsehoefalls“. Durch die feine Zerstäubung des Wasserswieder bilden sich immer wieder kleine Regenbogen und die hier kreisenden Möwen und Wasservögel stürzen sich ohne Unterlass waghalsig in den Nebel hinein.

Zurück auf der „anderen Seite“ angelangt führt der Weg direkt am „Niagara River“ entlang. Dieser verbindet den „Eriesee“ mit dem „Ontariosee“ und wird von der „Luna Island“ und „Goat Island“ geteilt. Ein Besuch dieser Inseln ermöglicht es auf Höhe der 260 Meter langen Felskante zu stehen, bevor sich der reißende Fluss 34 Meter in die Tiefe stürzt. Beim senkrechten Blick nach unten sieht man Touristen in auffälig gelben Capes, die scheinbar in Mitten des Wasserfalls stehen. Hier, bei den „Cave of the winds“ wird den Besuchern, durch einen stegartiger Rundgang, ein nahezu direkter Wasserkontakt ermöglicht. Doch dies ist nicht das einzige, was Adrenalinjunkies geboten wird. Unter Anderem auch ein Schiff, das direkt ins „Auge des Sturms“ steuert.

Ausgerüstet mit blauen Regencapes und wasserdichtem Handy bewaffnet, wagen wir unser Abenteuer und legen am Bootssteg ab. Immer lauter wird das Tosen des Wassers, immer mehr Schaumkronen bilden sich auf dem türkis-blauen Wasser, bis es so scheint, als würden wir uns über ein weißes Wattemehr bewegen. Der Nebel lässt einen nur erahnen was sich vor uns befindet und durch den zunehmenden Wellengang beginnt das Schiff zu schaukeln. So ähnlich muss sich wohl die furchtlose Crew von „Captain Jack Sparrow“ gefühlt haben, als sie ins Ungewisse – „ans Ende der Welt“ – segelten.
Die Wellen heben das Schiff an und schlagen über die Rehling, wodurch unsere Capes erneut auf Probe gestellt werden.
Langsam lichtet sich das dichte Nebelfeld und was sich uns im Inneren des aufgewühlten Beckens zeigt, ist unbeschreiblich.  Aus 57 Metern Höhe stürzen die Wassermassen majästetisch und bedrohlich zugleich vor uns nieder. Das laute Tösen und die schier gigantischen Fälle lassen uns vor Ehrfurcht erstarren. Durchschnittlich brechen täglich 2832 Kubikmeter pro Sekunde über die 670 Meter lange Wasserkannte und tragen somit auf natürliche Weise zur Stromgewinnung bei.

Es ist Wahnsinn wenn man sich vor Augen führt, welche Kraft die Natur von sich aus, ohne Zutun des Menschen und seiner Technologien, besitzt. Wie lange dieses Wunder schon Bestand hat – dass es uns wahrscheinlich überdauert – und folgende Generationen immer noch in seinen Bann ziehen wird. Dies war unter den vielen anderen schönen Erlebnissen, die wir bis jetzt hatten, mein persönliches Highlight.

Folge uns auf Instagram, um auf dem Laufenden zu bleiben!

Kategorien: Amerika

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.