aus der Sicht von Max

Flashback, Iquitos: seit nun mehr als 8 Stunden versuchen wir einen der heiß begehrten Plätze auf den Campingplätzen zu ergattern. Zwei Monate im Voraus sind scheinbar nicht mehr ausreichend und die fehlende Zusammenarbeit der drei Anbieter gestaltet die Planung nicht gerade einfacher. Es gilt auf drei unterschiedlichen Internetseiten einen freien Zeltplatz zu finden, die jeweils natürlich zeitlich sowie von der Route zusammen passen müssen. Dank der Hilfe von Monique und Sander gelingt es uns jedoch die Tickets zu ergattern.

Jetzt sitzen wir im Bus, zum Torres del Paine – die Strapazen aus Iquitos scheinen unendlich lange her zu sein und die Zeit wie im Flug vorübergegangen. Wegen der begrenzten Verfügbarkeit der Zeltplätze werden wir den „kleinen“ W-Trek antreten, der mit einer Länge von etwas mehr als 60km, die kommenden Tage füllen wird.
Los geht es in Lagunas Amargras, der Eingangsstation des Parkes, mit einem sieben Kilometer langen Fußmarsch, entlang der Schotterpiste. Kein besonders angenehmer Weg, denn die Shuttlebusse geben sich nur wenig Mühe, das Ausmaß des aufgewirbelten Staubes in Grenzen zu halten. Die Sicht ist schlecht, die Augen tränen und die Lunge brennt, doch was tut man nicht alles, um die Kosten niedrig zu halten.
Nach den ersten hundert Metern kommt mir die Idee, erneut wie in San Pedro de Atacama, den Daumen raus zu strecken, beim nächst besten Pickup. Das hatte beim letzten Mal hervorragend funktioniert und vielleicht ist auch heute ein wenig Platz auf der Ladefläche oder sogar auf der Rückbank. Gesagt, getan – es dauert keine zwei Minuten bis der erste Pickup anhält. Ein nettes, italienisches Pärchen, die einen dreiwöchigen Urlaub in Argentinien und Chile verbringen und mit ihrem Mietwagen einen Tagesausflug zu den weltbekannten Zinnen plant. Ihr Englisch ist etwas holprig und mein Italienisch reicht gerade für „Mille Grazie“, doch wir verstehen uns gut und so starten wir erholt und eine knappe Stunde früher als geplant in unser Abenteuer „Torres del Paine“.

Der große Rucksack ist noch ein wenig schwer auf den Schultern, denn die Verpflegung für vier Tage, inklusive Wasser, Campingausrüstung – und natürlich will man irgendwann auch mal etwas frisches anziehen – bringen jeweils ihr Gewicht mit sich. Doch wir sind motiviert und schreiten voller Tatendrang auf die Hauptattraktion zu. Der kleine Pfad schlängelt sich durch saftige Wiesen, unter grünen Bäumen hinweg und über den ein oder anderen Fluss, bis er schließlich zunehmend steiler den Hang hinauf führt. Die ersten der „Tagesausflügler“ geraten bereits ins Schnauben, doch das regelmäßige „wir sparen uns das Taxi und laufen“ zahlt sich jetzt aus. Es tut gut, die Lungen mit ausreichend Sauerstoff versorgen zu können und nach dem langen Aufenthalt in der Höhenluft in Peru und Bolivien, fühlt es sich an, als wäre man gedopt. Endlich kann man die Muskeln mal wieder richtig fordern, ohne dass die Lunge oder das Herz vorher schlapp machen. Der Blick zurück, belohnt immer wieder mit weiten Sichten über die grünen Täler, blau schimmernde Seen und schneebedeckte Gipfel in der Ferne.

Mit jedem zurückgelegten Höhenmeter nimmt  jedoch auch der Wind zu, der mittlerweile fast peitschend auf uns nieder drischt und das Gesicht mit dem aufgewirbelten Staub sandstrahlt. Das Ganze gipfelt im „Windy Pass“, der seinem Namen alle Ehre macht. Ein schmaler Pfad, auf dem der Wind uns so stark entgegen pfeift, dass es schwer fällt noch geradeaus zu gehen. Die großen Rucksäcke sind dabei keine wirkliche Hilfe.
Auf halbem Wege erreichen wir das Refugio „Chileno“, wo wir die Nacht verbringen werden. Auf kleinen Holzplattformen, die versteckt im Wald liegen, kann das Zelt aufgebaut werden, oder alternativ eines der sündhaft teuren, fertig ausgestatteten Zelte bezogen werden. Wir sind froh, die schweren Rucksäcke abstellen zu können, um den restlichen Weg nur mit einigen Litern Wasser in Angriff zu nehmen.

Die Szenerie auf dem Weg zum Aussichtspunkt gleicht einem Märchenwald, der uns zwischenzeitlich vollkommen vergessen lässt, wo wir eigentlich sind. Der
dicht bewachsene grüne Wald erinnert mich immer wieder viel mehr an die Ostküste Amerikas, als an Chile, wie wir es aus San Pedro kannten.
Die letzten hundert Höhenmeter verlaufen über schroffes Gestein, ähnlich wie am Mount Evans, bevor wir die weltbekannten Torres del Paine erreichen. Häufig wirken solche Attraktionen auf den Bildern, die man zuvor online gesehen hat, ganz anders. Es wurde mit Bildbearbeitungsprogrammen optimiert, geändert und verbessert, die Farben und Kontraste angepasst und wenn man dann wirklich dort steht, dann wirkt der Anblick etwas blass und fade. Nicht so in Patagonien! Die riesigen Türme sehen in der Tat genau so aus, wie man es sich vorstellt. Der kleine See schimmert in den kräftigsten Farben und die Zinnen erheben sich majestätisch in die Höhe. Ein Anblick, der für den vierstündigen Aufstieg mehr als entlohnt.
Zurück am Campingplatz angelangt bleibt nur wenig Zeit den Abend zu genießen, denn die beißende Kälte zwingt uns schnell in die Schlafsäcke und obwohl es erst gegen 11 Uhr dunkel wird, habe ich nach dem heutigen Tag keine Probleme einzuschlafen.

Über Nacht hat es sich eingeregnet. Dicke Tropfen prasseln auf das Zelt und ein vorsichtiger Blick hinaus verheißt nichts Gutes. Dichte Wolken verhängen den Himmel und hüllen die Türme in der Ferne ein. Schnell alles zusammen packen, das noch nasse Zelt in die Verpackung und erst einmal frühstücken. Das Restaurant des angeschlossenen Refugios dultet die Camper in ihrer Lodge, wenn auch nur ungern und so lassen wir den Tag gemütlich starten, denn für heute steht nur eine „lockere“ Verbindungsetappe auf dem Programm. Als sich der Regen scheinbar ein wenig beruhigt hat, machen wir uns, in Regenjacke und Poncho eingepackt, auf den 18 Kilometer langen Weg zum nächsten Nachtquartier, dem Campamento Italiano. Dieses befindet sich in der Mitte des „W“ und ist über einen achtstündigen Hike zu erreichen. Eine ganz schön lange Zeit mit fast 20kg Gepäck, doch der Körper gewöhnt sich langsam an die Strapazen. Gegen Vormittag zeigt sich zu unserer Überraschung sogar vereinzelt die Sonne und es ist ein ständiger Kampf, die richtige Kleidung zu tragen. Kaum ist die Sonne da, werden wir in unseren Regenjacken gebraten – kaum die Jacke ausgezogen, beginnt es erneut zu regenen. Hinzu kommt ein kalter staubiger Wind auf Anhöhen, der sich mit windgeschützten Wäldern abwechselt. Ebenso unbeständig ist der Weg ansich. Ein stetiger Wechsel aus steilen Bergauf- und ab Passagen, der den Schweiß auf die Stirn treibt. Obwohl der heutige Weg keinerlei „Attraktionen“ bietet, ist er dennoch atembreaubend. Zu unserer Linken kann der Blick schier endlos weit in die Ferne schweifen, mit Seen in den intensivsten Farben und einem beeindruckenden Bergmassiv inklusive Gletscher zu unserer Rechten. Vorbei an menschenleeren Stränden, die mit türkisem Wasser und weißen Kiesstränden locken, die jedoch bei einem vorsichtigen Testen der Wassertemperatur wohl eher nur schön anzuschauen sind. Dem Juchsen in der Ferne zufolge lässt sich davon aber scheinbar der ein oder andere Mutige nicht abschrecken.
Wir hingegen sind mittlerweile einfach nur noch froh, wenn wir unser Ziel erreichen und so geht es auf den letzten zwei Kilometern noch einmal knackig steil den Berg hinauf.

Nach dem langen, anstrengenden Marsch geht es direkt nach der abendlichen Suppe ins Bett, denn für den morgigen Tag, steht ein noch längerer Hike auf dem Programm.


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