aus der Sicht von Deborah

Der Bus kommt nach ständigem Schockeln schließlich zum Stehen. „Cajamarca“ – reißt mich die Stimme des Busbegleiters aus meinem Dösezustand. Es ist halb fünf morgens, wir schnappen unsere Rucksäcke und machen uns durch die noch fast menschenleeren Straßen auf zum Hostel. Glücklicherweise besteht die Möglichkeit eines 24 Stunden Check-Ins und nach einem beherzten Klopfen an der Eingangstür erhebt sich hinter der Rezeption eine verschlafene Frau. Sie öffnet uns die Tür und nach Abwicklung aller Formalitäten können wir auch schon in unser Zimmer. Perfekt – ein paar Stunden „richtiger“ Schlaf, bevor wir unseren Tag starten. Erholt machen wir uns auf den Weg zu den „Ventanillas de Otuzco“, die etwas außerhalb der Stadt liegen. Über die perfekt gemeißelten Steinfenster ist leider nicht viel bekannt. Aufgrund der Gegenstände, die in den kleinen Kammern gefunden wurden, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass es sich um Gräber handelt, die von der ersten Bevölkerung Cajamarcas genutzt wurden. Das vulkanische Gestein erleichterte den Steinmetzen die Arbeit, da es sehr gut zu bearbeiten war. Die für den Betrachter sichtbaren quadratischen Öffnungen sind dabei jedoch nur eine Art Eingang, hinter dem die senkrechten Grabkammern liegen. Damals gingen die Menschen, wie viele andere Religionen davon aus, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Da nach ihrer Überzeugung die Seele wieder in den toten Körper zurückkehrt, war es von höchster Priorität, die sterblichen Überreste bestmöglich zu erhalten. Aus diesem Grund legten sie die Grabstätten hoch oben im Schutz des Felsens an, um sie vor Grabräubern und Witterungseinflüssen zu bewahren.

Weiter auf den Spuren der einstigen Hochkulturen geht es zur Kapelle „Santa Apollonia“. Sie wurde auf einem Steinfelsen über den Dächern Cajamarcas errichtet und mit ihr ein schlichtes weißes Holzkreuz, welches für die Christianisierung durch Francisco Pizarros steht. Über abgerundete Treppenplateaus geht es den kleinen Anstieg hinauf. Hier oben sind die Überreste eines steinernen Throns zu finden. Der Legende nach soll der letzte große Inkakönig, Atahualpa, hier gesessen haben, um seine Stadt im Blick zu haben. In der zum „Plaza de Armas“ führenden Straße, befindet sich auch jenes historisch Haus, welches bezüglich der Stürzung des Inkareiches durch die Spanier eine wichtige Rolle spielte. Das Verlangen nach den Bodenschätzen des Landes schien unersättlich und so bot Atahualpa, der sich dort in Gefangenschaft befand, dem Spanier Pizarro einen Raum voll Gold an. Als der Europäer dem Vorschlag nicht direkt zustimmte, bot er zwei Weitere an, mit Silber gefüllt. Mit der Hand makierte er die Stelle an der Wand, bis wohin die Schätze reichen sollten, der Erzählung nach noch über seiner Körpergröße von 2,03 Metern. Pizarro gab sich damit einverstanden und so befahl der Inkakönig seinem Gefolge alle Mienen des Landes zu leeren. Angeblich sollen die Hochöfen 34 Tage in Betrieb gewesen sein. Als er sein Versprechen erfüllt hatte, hielt Pizarro sein Wort jedoch nicht. Aus Angst vor einer Niederlage gegen die Inkas, nach Atahualpas Freilassung, ließ er den letzten König der Inka wegen angeblicher Hochverbrechen hinrichten. Somit ging nicht nur hier zu Lande, sondern in ganz Südamerika ein großer Teil beeindruckender Geschichte verloren.

Wie viel technisches Verständnis die Menschen dieser Zeit bereits hatten, sehen wir am nächsten Tag. Es geht zum „Cumbemayo“, einem Steinwald, ca. eine Stunde von Cajamarca entfernt. Doch dieser war nicht nur eine heilige Stätte für die Cajamarcas, sondern hier erbauten sie auch das erste Aquädukt, um das heilige Wasser in die Tiefebene zu befördern. Bereits vor 3000 Jahren war diese Bevölkerung im Stande, ohne GPS oder andere Hilfsmittel genau zu planen, wie der Kanal gebaut werden muss, sodass das Wasser auch in Cajamarca ankommt. Die teilweise noch gut zu erkennenden Felsmalereien zeigen immer wieder Schlagensymbole, als Zeichen für Wasser und Leben. Die umliegenden Steinriesen und ihre kuriosen Formen machen es einem sehr leicht sich vorzustellen, welche Mystik dieser Ort einst für die Menschen ausstrahlen musste. Ähnlich wie die Moche hatten die Cajamarcas hier einen runden Steinaltar errichtet, um ihre Gaben für die Götter darzubringen. Sie gingen davon aus, dass die zerklüfteten Steinsäulen das Ergebnis einer Strafe der Götter für den Goldrausch der Eindringlinge waren. Daher schrieben sie den Bergen und der Natur besondere Kräfte zu und erklärten sie zu ihrem Heiligtum. Doch leider machen Max und ich die Entdeckung, dass der heutigen Bevölkerung scheinbar „nichts mehr heilig“ ist. Bereits auf den ersten Metern des Weges entdecken wir immer wieder Plastikmüll und wollen eigentlich nur eine Flasche, die am Wegrand liegt und ein Plastikpapier mitnehmen. Doch im Fünf-Minutentakt stolpern wir über Verpackungen aller Art und werden argwöhnisch angeschaut, als wir denn Abfall in einer Tüte sammeln. Es kommt uns vor, wie ein endloser Kampf gegen Windmühlen. Traurig aber wahr – am Ende der Tour ist die Tüte komplett voll und wir fragen uns, wie den Menschen so wenig an dieser atemberaubenden Natur liegen kann?! Alles was wir heute hier gesehen haben hielt über so viele Jahre stand, sollte nicht jeder von uns bemüht sein, den Generationen nach uns das Gleiche zu bieten?

Der Ausblick über die Stadt hatte uns beide auf eine besondere Art und Weise bezaubert und so wollen wir diesen Blick an unserem letzten Abend noch einmal bei Nacht genießen. Auf dem Weg die Treppen hinauf hören wir traditionelle, fröhliche Musik. Das Plateau vor der Kapelle scheint Treffplatz für die Dorfjugend zu sein, die eine Art Tanz einstudiert. Zu welchem Anlass wissen wir nicht, aber dennoch macht es Spaß, ihnen dabei zu zuschauen. Mit der Musik im Hintergrund suchen wir uns ein gemütliches Plätzchen, einer der Hunde gesellt sich zu uns und bei einem Cuscueña Bier genießen wir die Lichter der Stadt, die im hellen Schein des Vollmondes wie das „Gold von Cajamarca“ glänzen – die Stadt des letzten Inkakönigs vor uns.

Kategorien: Amerika

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