aus der Sicht von Max

Das Campamento „Italiano“ ist einer der kostenlosen Campingplätze im Park, was man beim Aufsuchen der sanitären Einrichtungen auch schnell merkt. Die Toiletten sind mehr oder weniger Löcher im Boden und fließendes Wasser sucht man vergeblich. Wer Wasser zum Trinken oder Kochen benötigt, der wird an den angrenzenden Fluss verwiesen.
Kaum die Flasche ins Wasser getaucht, wirkt die beißende Kälte an den Händen besser, als jeder Morgenkaffee.
Die grauen Wolken vom Vortag haben sich verzogen und der strahlend blaue Himmel zeigt sich. Ein intensiver Kontrast, zwischen dem dunklen Blau, dem saftigen Grün der Blätter und dem blau-weiß schimmernden Gletscher, der die schwarz-graue Felswand bedeckt. Bedrohlich donnert und ächzt es immer wieder aus den Eismassen, denen die Kraft der Sonne spürbar zusetzt. Von Zeit zu Zeit brechen große Stücke heraus, stürzen in die Tiefe und zerschellen laut polternd auf dem harten Fels. Ein Spekatakel, das wir mehrfach auf dem dreieinhalb stündigen Aufstieg zum Aussichtspunkt „Britanico“ beobachten können.

Die schweren Rucksäcke lassen wir erneut auf dem Campingplatz zurück, sodass wir uns unbeschwert und bei bestem Wetter auf den Weg machen. Der Pfad schlängelt sich durch blühende Laubwälder hindurch und gibt immer wieder beeindruckende Blicke auf die im Tal liegende Lagune sowie den Gletscher und den reißenden Fluss preis.
Auf halbem Weg erreichen wir den ersten der beiden für heute angesetzten Aussichtspunkte, den Mirador Frances, von dem aus der Gletscher in seiner vollen größe eingesehen werden kann. Ein Anblick, von dem ich mich nur schwer losreißen kann und so stehen wir noch einige Zeit auf der kühlen, windigen Anhöhe, mit der Kamera nur darauf lauernd, dass wieder einer der riesigen Eisbrocken in die Tiefe stürzt.
Das Highlight des Treks, den Aussichtspunkt „Britanico“ erreichen wir nach weiteren zwei Stunden. In einem letzten Stich geht es steil auf einen Felsvorsprung hinauf, von dem aus die gesamte, den Kessel umgebende Bergkette eingesehen werden kann. Schroffe Felswände, in die Höhe ragende einsame Zinnen und in Schnee gehüllte Gipfel – eine Belohnung für den langen Marsch, wie sie nicht hätte besser sein können.

Zurück am Campingplatz angelangt gibt es, wie jeden Tag, Deborahs „Camping-Wraps“ zu Mittag und einen heißen Kaffee in einer der Schutzhütten. Das Kochen im Park ist auf diese Hütten beschränkt, da es vor sechs Jahren zu schlimmen Waldbränden kam, die 20.000 Hektar des Gebietes erfassten. Auf dem Weg zu unserem letzten Nachtlager, auf dem uns die Ungarn Maxime und Alex begleiten, werden die Spuren des verhehrenden Feuers sichtbar. Auf großen Teilen der Strecke sind von den einst stolzen Wäldern nur noch kahle, knorrige Äste über, die vor dem pfeifenden Wind nur wenig Schutz bieten. Die bereits in der Ferne zu erkennenden, heraneilenden Böen erzeugen ein bedrohliches Geräusch, das den Triebwerken eines Flugzeuges ähnelt. Zu allem Übel nehmen mittlerweile die Regenwolken auch wieder überhand und gestalten den dreistündigen Marsch mehr als ungemütlich. Dennoch ist die Stimmung ausgelassen und die sich bietenden Ausblicke lassen die Strapazen vergessen.

Das Refugio „Paine Grande“, mit angeschlossenem Campingplatz, bietet im Vergleich zu den in den Vortagen gesehenen Nachtquartieren nur wenig Schutz vor den starken Winden. Alle Zelte drängen sich dicht gepresst aneinander, im Schutz einiger kleiner Sträucher und des dahinter liegenden Hügels. Und auch wir finden ein noch freies Plätzchen für uns. Der Untergrund mag nicht 100% eben sein, doch immerhin bietet ein kleiner Busch ein wenig Windschatten – zumindest von einer Richtung. Die häufig drehenden Böen geben sich größte Mühe den Zeltaufbau zu erschweren, doch mit einigen routinierten Handgriffen steht unsere Behausung wie der Fels in der Brandung. Erstmals seit Beginn unserer Reise kommen nun auch die Sturmleinen zum Einsatz.
Verfroren sitzen wir in der „Küchen-Hütte“, beobachten den Sturm, wie er über die Zelte hinweg fegt und tauschen uns bei einer wärmemden Suppe mit den neu gewonnenen Freunden aus Ungarn aus. Den krönenden Tagesabschluss stellt eine heiße Dusche dar, bevor es wieder raus in den stürmischen Regen geht.
Immer wieder erfassen heftige Böen das Zelt über Nacht, sodass die Zeltwände bedrohlich eingedrückt werden. Doch unser geliebtes Heim hält allen Widrigkeiten stand und bis zum Morgengrauen hat sich der Sturm verzogen. Zu meiner Überraschung ist das Zelt mittlerweile sogar wieder trocken.

Noch einige graue Wolken hängen in den Spitzen des Bergmassives, doch das kann uns heute nicht abschrecken. Erneut steht eine lange, anstrengende Wanderung auf dem Plan, dem letzten Teil des „W“, von wo aus sich hoffentlich atemberaubende Blicke auf den Gletscher „Grey“ ergeben. Doch diese gilt es sich zunächst zu verdienen. Insgesamt 23km, die den Beinen noch einmal einiges abverlangen.
Der Großteil des Weges führt durch karges, verbranntes Land, über unzählig Hügel und Kuppen hinweg, bis schließlich ein großer See vor unseren Füßen liegt. Tief blaue Eisberge treiben an dessen Ufer, die die Nähe des Gletschers bereits ankündigen. Mit dem neu gewonnenen Motivationsschub geht es nun noch zügiger zum ersten Aussichtspunkt, von dem der Gletscher in der Ferne eingesehen werden kann. Das Ende des gigantischen Eiskolosses lässt sich nichtmals am Horizont erahnen. Die gewaltige Gletscherzunge mündet in dem See in einer 30 Meter hohen Eiswand. Einige größere Eisberge, die aus dem Massiv herausgebrochen sind treiben majestätisch auf dem See und werden von dem starken Wind hinfort getrieben.

Wer dem Gletscher noch näher kommen möchte, der muss zusätzliche zwei Stunden Wanderung über schroffes Gelände auf sich nehmen. Davon lassen wir uns nicht abschrecken und machen uns auf den Weg zum letzten Stopp unserer Wanderung: dem Refugio „Grey“, von wo aus man wesentlich näher an den Gletscher heran kommt.
Ein letzter Anstieg liegt vor uns, bevor sich erneut ein atemberaubender 360° Rundumblick bietet. Vor uns befindet sich der riesige Gletscher, zur Rechten die in der Bucht angeschwemmten Eisschollen, zur Linken der nicht enden wollenden See und beim Blick zurück, der steile Hang, den es wieder aufzusteigen gilt. Doch die Touren der letzten Wochen sowie die Höhenluft haben die Kondition sichtlich verbessert, weswegen der Rückweg nicht schwer fällt.
Mit dem Boot geht es dann zurück über den Lago Pehoe und nach vier langen Tagen und über 60 Kilometern wieder zurück nach Puerto Natales.

Trotz des teils durchwachsenen Wetters bleibt mir der Park als sehr positive Erfahrung in Erinnerung. Er ist definitiv eines meiner Highlights unserer bisherigen Reise und trotz der anfänglichen Startschwierigkeiten bezüglich der Reservierungen die Mühe wert. Ich kann es kaum erwarten, die weiteren Ziele in Patagonien zu besuchen.


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