aus der Sicht von Max

Fast am Ziel, nur noch knappe 20 Kilometer also ca. 1 Stunde – Nein es geht nicht um eine Bergankunft der Tour de France, sondern um die Busfahrt von Cajamarca nach Chachapoyas. Die zunächst gut ausgebaute Straße schlängelt sich in extrem engen Kurven aus Cajamarca heraus. Die ersten beiden Stunden sind bereits vergangen, als die Sonne hinter den Hügeln verschwindet und der Verkehr sich zunehmend beruhigt. Wir legen in „Cedine“ einen Zwischenstopp mit Abendessen ein, bevor der Busfahrer die aus dem Flugzeug bekannten Plastiktüten verteilt. Das kann ja lustig werden!
Immer wieder schwankt der Bus bedrohlich nahe am Abgrund vorbei, auf einer Straße die gerade einmal breit genug für ein Fahrzeug ist. Um an dieser Stelle nicht zu weit abzuschweifen: Fast zwölf Stunden für eine Strecke von 330 Kilometer sagt mehr als 1000 Worte.

Chachapoyas ist der letzte Stopp, bevor es in die tropischen Regionen geht, fernab des Gringo-Pfades. Der Name der Südroute entstammt den Einheimischen, die schon fast spöttisch den „0815-Touristenpfad“ von Lima nach Cusco bis hin zu Machu Picchu beschreibt und von gefühlt 95% der Backpacker gewählt wird.

Die Stadt selbst macht einen etwas verschlafenen Eindruck auf uns. Kleine Geschäfte, in denen wirklich nur das aller Nötigste besorgt werden kann, der „Plaza de Armas“, der von behangenen Bauzäunen verdeckt wird sowie einem historischen Dorfbrunnen. Die Legende besagt, wer von dessen Wasser trinkt, der wird sich unsterblich in die Frauen Chachapoyas verlieben, sodass er nie wieder die Stadt verlassen könne. Er scheint jedoch schon einige Zeit ausgetrocknet.
Von einem Aussichtspunkt aus kann die 30.000-Einwohner Stadt im Gesamten überschaut werden. Der Weg dorthin ist wenig beschwerlich und führt an dem zuvor genannten Brunnen vorbei. Wer hier das große Abenteuer erleben möchte, für den bieten sich Touren zu weiter entfernt gelegenen Attraktionen an. Dazu zählen unter anderem der „Gocta-Wasserfall“, einem der höchsten Wasserfälle der Welt sowie die historische Stadt „Kuelap“, die älter und größer als Machu Picchu ist, jedoch weniger bekannt.

Letztere liegt verborgen im Hinterland auf einer Höhe von 2900 Meter über dem Meer und bietet einen hervoragenden 360° Rundumblick. Die Fahrt dort hin ist, wie soll es anders sein, erneut sehr holprig und magenunfreundlich. Jedoch bleibt uns die Hälfte der Strecke erspart, da die 2016 fertiggestellte „Telecabinas Kuelap“, eine vier Kilometer lange Seilbahn, den Zugang zur Festung erleichtert. Somit können die Anreise um etwa 70 Minuten verkürzt, und als praktischer Nebeneffekt Plastiktüten gespart werden.
Für meinen Geschmack geht auf diese Weise etwas von dem gesuchten „Abenteuer“ verloren, doch die überwiegend einheimischen Mitreisenden, scheinen mehr als aufgeregt. Man bekommt das Gefühl, dass sie eher wegen der Seilbahn, statt der historischen Anlage anreisen. Aufgeregt, teils angespannt, fast ängstlich klammern sie sich in den Gondeln an die Sitze, schauen ungläubig hinaus oder versuchen die Fahrt mit ihren Handys und den zunehmend lästiger werdenden Selfie-Sticks festzuhalten – Verrückt, was für mich ein selbstverständliches Transportmittel ist, mit dem ich mehr oder weniger aufgewachsen bin, scheint ein Highlight für die hier lebenden Einheimischen zu sein, die von weit her anreisen, um die erste Seilbahn Perus zu sehen.
Sogar das dort arbeitende Personal vermittelt den Eindruck, noch ein wenig Angst vor der Anlage zu haben. So wird penibelst die maximale Anzahl der Passagiere überprüft, die im Vergleich zu den aus den Skigebieten bekannten Verhältnissen lächerlich wirkt. Auf dem Boden aufgemalte Zahlen von 1-8, stellen sicher, dass auch ja alle Passagiere in die, am Einstieg schier endlos langsam fahrende Bahn, einsteigen können. Steht man minimal neben der vorgesehenen Markierung, so wird man direkt vom zahlreichen Personal angewiesen, die richtige Position einzunehmen. Kurz vor Eihängen der Kabine in das Seil, betritt ein Mitarbeiter die Gondel, weist auf die Verhaltensregeln während der Fahrt hin, die auf hunderten Schildern zusätzlich erklärt werden sowie, dass die Türen automatisch schließen. Dennoch sitzt die Frau neben mir kurz vor Abfahrt aufgeregt in der Kabine und versucht hektisch die Tür zu schließen, bevor es in die Höhe geht.

Oben angekommen sind die historischen Stadtmauern bereits in der Ferne zu erkennen. Mit einer Höhe von bis zu 20 Metern und drei Eingängen, die jeweils gerade breit genug für eine Person sind, bieten sie der darin liegenden Siedlung ausreichend Schutz vor potentiellen Gefahren. Die Überreste der Häuser sind noch erstaunlich gut erhalten, sodass man sich leicht vorstellen kann, wie es hier wohl einst aussah. Dies ist besonders praktisch, da unser Guide, anders als von der Reiseagentur verpsrochen, kein Wort Englisch spricht und ich mit meinem doch sehr brüchigen Spanisch, nur jeweils den Kontext verstehe.

Bis zu acht Personen lebten in einem solchen Haus, das neben der Unterbringung von Vorräten auch der der Ahnen diente. Diese wurden unter dem Gebäude vergraben, wo Archäologen noch heute auf Gebeine stoßen.
Vor 500 Jahren eroberten die Inkas die Festung, nachdem ihr Reich zunächst die Moche Kultur in Trujillo und die Cajamarcas im Landesinneren ablöste. So wurden beispielsweise von der Küste stammende Moche Töpfereien in Kuelap gefunden, die die Inkas hierher mitbrachten. Sie respektierten die Bauten der Chachapoyas und statt deren Häuser zu zerstören, erbauten sie ihre eigenen dazwischen. Diese unterscheiden sich von den älteren Häusern in ihrer Form. Die Inkas bevorzugten ein rechteckiges Fundament, das sich von den originalen, runden Bauwerken abhebt.
Die letzten, und derzeitig dort Lebenden, sind flauschige Vierbeiner. Die Lamas grasen zwischen den Ruinen und lassen sich von den Touristen wenig beeindrucken.

Etwas weniger Geschichte, dafür jedoch mehr Abenteuer, bietet der Gocta Wasserfall, der wie so ziemilich alles hier, nur über Schotterpisten zu erreichen ist. Bereits aus der Ferne ist der gigantische Wasserfall zu erkennen. Mit einer Höhe von 771 Metern zählt er zu einem der Größten der Erde, wobei sich die Meinungen an dieser Stelle spalten, denn genau genommen handelt es sich um zwei aneinander hängende Wasserfälle. Dies macht ihn jedoch nicht weniger spektakulär. Die vielen zuvor absolvierten Wanderungen auf unserer Reise, sowie die Tatsache, dass wir uns für jede Strecke, kürzer als fünf Kilometer, die Ausgaben für das Taxi sparen, zahlt sich nun endlich aus. Die Höhe von „lediglich“ 2500 Meter über dem Meer macht sich überhaupt nicht bemerkbar, nach dem stickigen Bus tun die Bewegung und die frische Luft gut und so schreiten wir strammen Schrittes dem Ziel entgegen. Die erneut ausschließlich einheimischen Mitreisenden haben sichtliche Schwierigkeiten mit dem unwegsamen Pfad und den immer wieder anzutreffenden Steigungen. Sogar unser Guide zieht ein wenig optimistisch ausgestattet los, sodass es wieder einmal an uns liegt, einer sich selbst überschätzen Wegbegleiterin, mit Eleltrolyten zu helfen.
Wir fühlen uns so fit, wie schon lange nicht mehr und erreichen als die Ersten unserer Gruppe die Plattform mit Aussicht auf den Wasserfall, obwohl wir uns viel Zeit für Fotos und das Genießen der Natur lassen.
Der letzte Teil der Strecke führt durch immer dichter und grüner werdenden Regenwald, der von der Gischt des Wasserfalles genährt wird. Alles strahlt in saftigen Farben und der aufziehende Regen kann die Euphorie nicht trüben, als wir den Giganten vor uns sehen. Unmittelbar davor stehend, muss man den Kopf weit in den Nacken legen, um den Anfang, der sich in die Tiefe stürzenden Wassermassen, sehen zu können. Auf halbem Wege zerstäubt sich das Wasser bereits so stark, dass scheinbar nur noch ein Sprühnebel unten ankommt, der diejenigen, die bis an dessen Fuß absteigen, bis auf die Unterwäsche durchnässt. Diese einzigartige „Selfie-Kulisse“ lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Wir genießen den atemberaubenden Anblick noch eine Weile, bevor wir uns auf den Rückweg begeben.

Mit dem belohnenden Mittagessen in Aussicht und der noch anhaltenden Euphorie laufen wir unbeschwert die steilen Anstiege hinauf und erreichen mit über 1 1/2 Stunden Vorsprung den Ausgangspunkt. Durchnässt aber glücklich gönnen wir uns in der zu überbrückenden Zeit ein verdientes Feierabendbier, bei landestypischer Küche.
Ein erster Vorgeschmack der kommenden Tage – fernab des „Gringo-Pfades“.

Kategorien: Südamerika

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.