aus der Sicht von Deborah

Da uns die 24-Stunden Busfahrt nach Bariloche noch nicht gereicht hat, setzen wir uns direkt in den nächsten Bus, der mit einer Fahrzeit von 22 Stunden nicht wesentlich kürzer dauert. Doch die Zeit habe ich optimal genutzt, um an meinem Kukturbeutel einige Näharbeiten vorzunehmen. Dem  aufmerksamen Leser unseres Blogs müsste nun auffallen, dass in unser Berichterstattung ein Sprung vorliegt, denn eigentlich sollten wir doch in Bariloche sein? Das war der ursprüngliche Plan, doch als wir erfuhren, dass der Park, in dem wir eigentlich wandern wollten, wegen orkanartigen Windstärken bis zu 70km/h, für die nächsten drei Tage gesperrt sein wird, schauten wir dumm aus der Wäsche. Kurzer Hand entschlossen wir den Bus, welcher erst für in drei Tagen geplant war, umzubuchen und so geht es bereits heute nach Buenos Aires – der Wind hatte sich wortwötlich gedreht.
In der Hauptstadt Argentiniens angekommen erleiden wir zunächst einen kleinen Temperaturschock. Nach langer Zeit im eisigen Patagonien kommen wir erstmals wieder ins schwitzen, denn die Metropole begrüßt uns mit schwülen 25°C. Doch glücklicherweise verfügt die Stadt über ein sehr gut ausgebautes Metronetz und so ist der Weg mit vollem Gepäck nur noch halb so weit. Unser erster Eindruck ist mehr als positiv! Papelln und Parks in allen Größen verschönern das Stadtbild und geben den Menschen ein kleines Stückchen Natur in Mitten der Häusermeere. Diese sind stark vom europäischen Einfluss geprägt und so erinnern uns die majestätischen Stadtvillen im Jugendstil an die Prachtstraßen in Paris. Auch unser Hostel befindet sich in einem dieser Häuser unmittelbar in Nähe der U-Bahnstation und des Kongressgebäude, perfekt. Die optimale Lage bestätigt sich nochmals, als wir vom Hostelbalkon das ganze Treiben der Stadt überblicken können. Auch wenn uns die Fahrt keine großartige Anstrengung abverlangte, fühlen wir uns beide ziemlich geplättet und so verbringen wir den restlichen Tag auf der Couch im Hostel schreiben am Blog, buchen Tickets und Planen die nächsten Tage.

Am „Rio de la Plata gelegen“ weißt Buenos Aires eine sehr geschichtsträchtige Vergangenheit auf in der es mehrmals gegründet wurde und sich von Unabhängigkeitskämpfen über Militärdiktaturen bis hin zur „Stadt des Designs“ entwickelt hat. Bevor wir zum ersten Stopp gelangen, führt uns der Weg am „Casa Rosada“ vorbei, dem Haus des Präsidenten. Unser erstes Ziel heute heißt „Puerto Madero“, der alte der Stadt. Bereits kurze Zeit nach seiner Fertigstellung galt das Konzept bereits als veraltet, da das Hafenbecken in seinen Maßen nicht mehr ausreichte, um die großen Containerschiffe einlaufen zu lassen. So hat sich dieses Viertel über die Zeit zu einer echten Lifestylegegend gewandelt und zählt zu den nobleren der Stadt. Die roten Backsteinhäuser, die wohl als Lagehallen dienten, erinnern uns beide an die Speicherstadt in Hamburg ebenso wie alte gelbe Krähne, die als Zeitzeugen noch am Rande des Beckens übrig geblieben sind. Die erfrischende Mischung dieser Überbleibsel in Kombination mit den futuristischen Bankgebäuden machen den besonderen Flair dieses Ortes aus. Das Sahnehäubchen dieser Skyline bildet die abstrakte „Puente de Mujeres“, die skurille Frauenbrücke, die das Wahrzeichen der Stadt bildet und besonders bei Einbruch der Dunkelheit in neuem Licht erstrahlt. So schlendern wir entlang der Restaurants und beschließen: heute Abend kommen wir wieder! Zum einen um die Szenerie noch einmal bei Nacht zu sehen und weil wir heute einen besonderen Anlass zu feiern haben, denn Max hat Geburtstag:)

Nach den Aufregungen der letzten Tage hat er sich einen gemütlichen Tag gewünscht und genau das machen wir. So führt uns der Weg weiter ins Stadtviertel San Telmo, welches im Süden der Stadt liegt und somit als Gründungskern Buenos Aires gilt. Auf einem schnukligen Platz sitzt man gemütlich im Schatten der Bäume und kleine Cafés und Kneipen haben ihre Holzganituren einladend aufgestellt. Zur Feier des Tages entschließen wir uns ein Bierchen auf Max zu trinken. Kurz nachdem wir uns gesetzt haben stolziert eines der zahlreichen Tanzpaare die man hier in der Stadt sieht auf den Platz. Aus der Box ertönt klangvolle Musik und die beiden legen einen waschechten Tango aufs Pakett – als wäre er extra nur für Max!

Etwas später am Abend kehren wir noch einmal zum Hafen zurück der Blick der sich uns jetzt ergibt ist nochmal schöner als am Tag. Und wie es für Südamerika typisch ist scheint das Viertel erst zur Abendszeit richtig aufzuwachen und die Promenade wimmelt nur so vor Menschen. Pärchen, Jogger und Straßenmusiker, die mit ihren Posaunen den Sommernachtstraum in Musik ausdrücken. Als kleines Geburtstagsgeschenk gönnen wir uns heute ein etwas teureres Essen als sonst, direkt am Wasser und was soll man sagen, es war jeden Cent wert. Max erhält sogar noch ein Ständchen von den Restaurantbesuchern und einen kleinen Geburtstagskuchen aufs Haus. Ein wirklich gelungener Abend.

Wieder einmal auf unserer Reise haben wir das Glück, einen Host über Couchsurfing gefunden zu haben. Manuel, der mit seiner Freundin Gisel in Buenos Aires lebt und in der Vergangenheit schon einige Zeit in Luxemburg verbracht hat, kommt uns an unser Hostel abholen. Er ist hier geboren und kennt die Stadt wie seine Westentasche. So ziehe wir gemeinsam in Richtung seines Apartments los und nehmen auf dem Weg dort hin noch den ein oder anderen Hotspot mit. Zuerst stoppen wir im berühmten Kaffeehaus „Tortoni“. Es wurde 1858 eröffnet und zählt somit zu den Ältesten und Besten von ganz Buenos Aires. Berühmte Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Hillary Clinton und der spanische König Juan Carlos I haben hier schon aus den gleichen Tassen ihren Kaffee genossen, wie wir es jetzt tun. In schöner Atmosphere tauschen wir uns ein bisschen aus und genießen das prachtvolle Ambiente bei einem Kaffee und den landestypischen Churros, einer Art frittiertem Gebäck. Den zweiten Halt legen wir beim Obelisk ein, welcher 1936 anlässlich des 400-jährigen Stadtgründungsjubiläums errichtet wurde. Es hat weniger als vier Wochen gedauert, das 67 Meter hohe Bauwerk zu errichten. Manuel hat noch zu Arbeiten und mit seinen Tipps im Gepäck ziehen wir an diesem Nachmittag erst einmal alleine los, bevor wir uns später wieder mit ihm und seiner Freundin treffen.

Ein Muss für jeden Besuch in Buenos Aires ist „La Boca“, der wahrscheinlich farbenfrohste Distrikt der Welt. Das Viertel entstand Ende des 19. Jahrhunderts durch die Einwanderung italienischer Industriearbeiter. Die einzigartigen Häusschen wurden aus dem Blech abgewrackter Schiffe gebaut und mit Schiffslack bunt gestrichen. Heutzutage zieht das Viertel Scharen von Touristen an und besticht neben seiner unzähligen Fotomotive mit kleinen Läden und Gassen im italienischen Stil, die zum Bummeln und Entspannen einladen.

Eine ganz andere Stimmung herrscht auf dem Cementerio Recoletta. Hier haben sich die wohlhabensten Familien Buenos Aires ihre prunkvollen Mausoleen erichten lassen. Persönlichenkeiten von hohem Rang, wie etwa Eva Perón, besser bekannt als „Evita“, die zweite Frau des Präsidenten Juan Perón ruhen hier. Mit ihren aufwändigen Fassaden, Figuren und Gebilden aus edelstem Stein buhlen die Grabstätten nur so um Aufmerksamkeit. Auch die hohe Mauer, die den Friedhof umgibt, kann dies nicht verbergen und so ragen die Zinnen und Türme der „kleinen Kathedralen“ darüber hinaus und sind schon von Weitem zu sehen. Obwohl es hier scheinbar keinesfalls an Geld fehlt wirken einige der Grabsteine zerfallen und als wären sie schon länger nicht mehr aufgesucht worden. Die bunten Glasscheiben sind zerbrochen, Böden durchgefault und die Vegetation nimmt den Granit Stück für Stück ein. Immer wieder lassen Spalten und Nieschen einen Blick ins Innere der Gräber zu, sodass verstaubte Särge und mit Spinnenweben behangene Urnen zum Vorschein kommen – ein gespenstiger Ort.

Unser Tag endet in einem gemütlichen kleinen Restaurant wo wir Manuel und Gisel zum Pizza essen treffen. Zurück in seiner Wohnung spielt er uns etwas auf der Violine vor und bei dem typischen Matetee sitzen wir noch eine Weile zusammen und tauschen unsere Lieblingsmusik untereinander aus.

Viele der Einheimischen fahren in den Stadteil Tigre wenn sie einmal das Stadtleben satt sind und am Wochenende entspannen wollen. Wir tun es ihnen nach und nehmen ganz entspannt den Zug um dort hin zu gelangen. Direkt am Flussdelta gelegen ist Tigre ein gemütliches Städtchen, welches besonders für den „Mercado de Frutas“ bekannt ist. Hier war einmal ein Obst und Gemüsemarkt vorzufinden. Heute werden die Räumlichkeiten von Ladenbesitzern aller Art genutzt um ihre Ware anzubieten. So finden sich neben Dekoläden und Feinkostvertrieben auch Lifestyle und Kleidergeschäfte. Selbst für uns, die wir weder etwas suchen noch brauchen, macht es Spaß durch die Gassen zu schlendern. Problemlos kann man hier einen ganzen Tag zubringen und es sich einfach gut gehen lassen – was wir genau so machen!


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