In den kommenden Tagen führt unser Weg in Richtung Washington DC. Der Blue Ridge Parkway ist eine Art Passtraße, die sich durch die südlichen Appalachen schlängelt, so auch der gleichnamige Appalachian Trail, der mit einer beachtlichen Länge von 3500km vielen Wanderern weltweit ein Begriff ist. Dabei verläuft die Straße zwischen Asheville und Washington DC fast vollständig durch State- bzw. Nationalparkgebiet. Sie ist von unzähligen Aussichtspunkten mit atemberaubenden Panoramen gesäumt.
Der Himmel ist jedoch grau bewölkt und die versprochenen Aussichten sind nur bedingt einsehbar. Dennoch sind die aufsteigenden Wolken schön anzusehen, die ähnlich, wie die hier ansässigen Tausendfüßler, über die Bergrücken krabbeln.
Der erste Stopp auf unserem Weg stellt der Mount Mitchell dar. Mit einer Höhe von 2037m ist dieser die höchste Erhebung östlich des Mississippi. Der Aufstieg stellt sich jedoch als wenig spektakulär heraus, denn der „Trail“ startet direkt am Parkplatz über einen gepflasterten Weg. Ein erstes Schild kündigt den Gipfel in nur wenigen Meter Entfernung an und nach 10 Minuten erreichen wir bereits die Spitze, die in dichten Nebel gehüllt liegt.
Auf der Suche nach einer Herausforderung wählen wir einen Rundweg, der um den Fuß des Berges führt. Ein Stündchen wandern wird uns ganz gut tun – was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, dass es sich bei dem Weg um einen der anspruchsvollsten Kategorie handelt. So sollte aus dem leichten Spaziergang eine 4 – stündige Wanderung werden.
Ein schmaler Trampelpfad führt uns durch dichtes Gewächs immer tiefer ins Tal und die größer werdenden Steine erschweren den Abstieg zunehmend. Als wären die mit Moos überzogenen Felsen nicht bereits rutischig genug, ist in der Ferne das Grollen eines Gewitters zu vernehmen. Der einhergehende Platzregen lässt nicht lange auf sich warten.
Durchnässt und erschöpft erklimmen wir ein zweites Mal den Gipfel. Jedoch haben sich die Wolken beim erneuten Anlauf ein wenig verzogen, sodass die umliegenden Bergketten preisgegeben werden. Als wir den Parkplatz bei Einbruch der Dämmerung erreichen, ist unser Auto das einzige hier oben. Dichter Nebel hindert uns an der Weiterfahrt und so verbringen wir erneut eine Nacht im Van.

Als sich der Nebel gegen Morgen verzieht, beschließen wir, zwei weitere Wanderungen in Angriff zu nehmen. Dieses Mal stehen der Apple Orchard Fall und der Cascades Fall auf dem Plan. Erneut ist das bekannte Grollen des Donners zu vernehmen. Der erwartete Regen lässt wie gewohnt nicht lange auf sich warten.
Es scheint sich jedoch einzuregnen. Hiking fällt somit für die nächsten Tage erst einmal flach.

 

Um die Zeit dennoch nutzen zu können, suchen wir uns ein Indoorprogramm heraus … nein kein Museum, sondern die Luray Caverns, die größte und bekannteste Tropfsteinhöhle im Südosten des Landes. Diese wurde 1878 entdeckt und lockt jährlich eine halbe Millionen Besucher an. Die Größe und Vielfalt der Steinformationen, die die Jahre hervorgebracht haben wirken majestätische – auf eine gewisse Weise erhaben. Unzählige Scheinwerfer setzen diese gezielt in Szene. Eines der Highlights stellt der Dream-Lake dar, wobei das Wort „See“ hier etwas übertrieben scheint. Eine Wasserfläche, in der sich die Stalaktiten spiegeln, sodass die Illusion einer perfekten Symmetrie zwischen Gewölbe und Boden entsteht. Es wirkt, als seien die Skulpturen tatsächlich im klaren Wasser, wobei dieses jedoch nur wenige Zentimeter tief ist. Das Auge scheint dem Gehirn einen Streich spielen zu wollen.
In der „Kapelle“ in der jährlich unzählige Hochzeiten stattfinden, stößt man auf eine auffällig illuminierte Orgel, deren Klang die gesamte Halle erfüllt. Bei dem Instrument handelt es sich jedoch um keine gewöhnliche Orgel – beim Betätigen der Tasten erklingen die Stimmen der Gesteinsformationen. Über einen ausgeklügelten Mechanismus werden kleine Klöppel an den Säulen gesteuert, die diese in Schwingungen versetzen. Ein Verstärker erhöht die Frequenz 600-fach, sodass die Töne für das menschliche Gehör wahrnehmbar werden.

Am letzten Tag, auf dem Weg nach Washington DC, verbessert sich das Wetter deutlich. Die dichte Wolkendecke weicht einem strahlend blauen Himmel. Dem nächsten Hiking-Abendteuer steht somit nichts mehr im Wege.
Ein ambitionierter zehn-Meilen Trip, der schwierigsten Stufe erwartet uns. Dieser ist ein Rundweg, der durch den Shenandoah-Nationalpark führt. Vielversprechende Aussichtspunkte und ein beeindruckender Wasserfall locken viele Wanderer in die Region.

Wir werden jedoch gewarnt, dass es aufgrund der vorangegangenen Regenfälle voraussichtlich kein Spaziergang werden wird und große Teile des Trails überschwemmt und nur schwer zugänglich sind. Dies merken wir bereits auf den ersten Metern, als der den Weg kreuzende Bach, diesen völlig überflutet. Akrobatik und Gleichgewicht sind beim balancieren über die herausragenden Steine gefragt. Nach einem steilen, steinigen Abstieg ist das Rauschen der Wassermassen zu vernehmen. Der angekündigte Wasserfall mit einer Höhe von knapp 31m ist durch das dichte Geäst zu erahnen.
Mit jedem zurück gelegten Höhenmeter verbessert sich die Sicht auf diesen, bis wir schließlich eine Art Felsplateau erreichen, von dem das gesamte Tal sowie der Wasserfall, in ihrer vollen Pracht, einsehbar sind.
Eine vierköpfige Gruppe, mit schwerem Gepäck und großen Rucksäcken, versperrt uns zunächst das Panorama. Nach eingen Selfies, Gruppenbildern und dem daraus resultierenden ersten scherzelnden Kontakt ziehen sie weiter.
Der Wasserfall stellt das Highlight auf dem beschwerlichen Weg dar, weswegen der Großteil der hier anzutreffenden Wanderer anschließend den Rückweg antritt. Wir haben jedoch nichtmals ein Viertel des geplanten Weges hinter uns.
Man begegnet immer weniger Abenteuerern auf dem Trail – und wenn, dann sind es immer die gleichen. So auch mit der zuvor angetroffenen Gruppe, zu der wir in regelmäßigen Abständen aufschließen. Im näheren Gespräch erfahren wir, dass sie aus Washington DC stammen und für ein Wochenende zum Hiken angereist sind. Das kommt uns gerade recht, da dies das nächstes Ziel sein soll und sie uns einige Tipps mitgeben können.

Die überfluteten Passagen häufen sich und bald nimmt der mittlerweile flussartige Wasserlauf den gesamten Weg ein. Akrobatik ist an dieser Stelle nicht mehr ausreichend. Es ragen keinerlei Steine zum darüber Balancieren mehr heraus, sodass nur noch eine Möglichkeit besteht – Schuhe aus und durch!

Die Prozedur wiederholt sich mehrmals, bis wir schließlich, nach knappen vier Stunden, die Hälfte des Weges erreichen. Wir befinden uns am tiefsten Punkt der Wanderung – von nun an geht es nur noch Berg auf. Eine Vorstellung, die nicht gerade förderlich hinsichtlich der Motivation ist.
Zu unserer Überraschung stellen sich die Anstiege als extrem steil heraus, sodass zwischen diesen Passagen immer wieder flacherer Stücke, in denen man sich erholen kann, folgen. Zunächst stellt es sich als schwierig heraus, zu der angesprochenen Gruppe aufzuschließen. Sie scheinen in guter Verfassung zu sein und tragen die schweren Rucksäcke in großen Schritten die Stiche herauf.
Für den heutigen Tag haben sie uns jedoch schon einige Kilometer voraus, was sich im letzten Viertel des Weges bemerkbar macht. Die Kraft und Motivation scheinen etwas kommen zu lassen. Doch wir spornen uns im Endspurt gegenseitig an. Man hilft wo man kann und so werden Elektrolyte gegen einen vorübergehenden Internet-Zugang getauscht* und das letzte Stück gemeinsam gemeistert.
Erschöpft aber glücklich – und vielleicht auch ein bisschen stolz – erreichen wir nach sieben Stunden unseren Startpunkt.

Die einst so motivierte Gruppe zeigt sich sichtlich ausgelaugt und die Wanderslust für den kommenden Tag ist dahin. Wir nehmen sie auf unserem Weg Richtung Washington DC noch bis zum nächsten Parkplatz mit, wo ihr Auto geparkt ist. Der Minivan stellt sich zunehmend als echte Bereicherung heraus!

 

* im gesamten Nationalparkgebiet ist kein WLAN verfügbar, wer seine Nachrichten prüfen möchte benötigt also mobile Daten oder muss knappe 20 Meilen in den nächstgelegenen Ort fahren. In unserem Fall war dies besonders wichtig, da eine Rückmeldung seitens unseres Couchsurfing-Host ausstand und zu dem Zeitpunkt noch nicht geklärt, ob wir die Nacht auf dem Campingplatz verbringen werden, oder weiter, wie geplant, nach Washington DC fahren.

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Kategorien: Amerika

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